Willkommen auf der Welt

Willkommen, Remo !

Geschwister : Lea, Patrick und Marcel

Lea hatte sich so sehr eine kleine Schwester gewünscht. Sie fand, dass sie genügend Brüder hatte. Aber dann kam schon wieder ein Bub. Du. Remo. Und Lea sah, dass deine Eltern sich über dich freuten, wie sie selbst sich nur über ein Mädchen hätte freuen können. Da dachte sie, sie hätten absichtlich noch einen Buben gemacht. Sie verstand nicht, dass man das nicht planen kann.

Für deine Eltern bist du das Geschenk, das sie sich zum Abschluss gemacht haben. Nach Lea, Patrick und Marcel das vierte Kind. Deine Mutter sagt, dass die Stimmung in eurer Umgebung gerade nach vier Kindern ist. Das komme in Wellen: Eine Generation findet zwei bis drei Kinder ideal, die nächste vier. In der Generation deiner Eltern, die jetzt dreissig Jahre alt sind, haben viele vier, fünf, sechs, sieben Geschwister. Das wird aber wohl auch am streng katholischen Appenzell Innerrhoden gelegen haben. Eine Stimmung für Einzelkinder gibt es hier nicht. Du wächst heran in einer Region, in der Traditionen zählen. Die Paare, die meistens schon jung zusammenfinden, bekommen bald Kinder und bleiben, bis auf seltene Ausnahmen, fürs Leben zusammen. Die älteren Leute hier können Scheidungen bis heute nicht akzeptieren, denn auch unter ihnen sind ja solche – meistens Frauen –, die Grund genug gehabt hätten, ihre Ehe abzubrechen. Aber sie sagen immer noch voller Überzeugung: Das tut man doch nicht!

Es ist ein prächtiges Land, wie im Bilderbuch. Hügel voller saftiger Löwenzahnwiesen, Alpenpanorama, die Gipfel noch schneebedeckt. Vor eurer Haustür grasen die hellbraunen Kühe deines Onkels, der den Hof deiner Grosseltern führt. Er hat das Land um euer Haus herum dazugepachtet, denn sieben Hektaren reichen heute nicht mehr aus, um eine Familie satt zu kriegen. Man braucht schon das Doppelte. Darum hat dein Vater sich andere Arbeit gesucht: in Appenzell als Techniker bei einem Getränkehersteller. Ihr lebt vor allem deshalb hier, weil es für deine Eltern unvorstellbar wäre, wegzugehen von all der Schönheit.

Auch fahrt ihr nur selten weg. Warum solltet ihr? Bei euch sieht es ja so aus wie da, wo andere Leute Ferien machen. Manchmal geht ihr für drei Tage in eine Jugendherberge an einem See, damit ihr mal woanders schlaft als zu Hause. «Zu viel darf man sich ja auch nicht vornehmen mit vier kleinen Kindern », sagt deine Mutter. Sie hat keine hohen Ansprüche, das lernt man bei euch in der Gegend: Wenn alle gesund sind und zu essen haben, soll man wohl zufrieden sein.

Es ist schön, so viele Kinder zu haben, sagt deine Mutter. Aber die meisten Mütter sagen ja, dass es mit jedem Kind einfacher wird. Das stimmt nicht, findet deine Mutter. «Es gibt immer neue Situationen.» So warst du gerade mit einem Virus und hohem Fieber im Spital, eine ganze Woche lang, da hatten deine Eltern allergrösste Sorge um dich.

Und du bist auch das einzige Kind von euch vieren, das nachts nicht schon nach wenigen Wochen durchschläft. Im Gegenteil, du wachst zwei- bis dreimal auf. Und dann willst du Aufmerksamkeit. «Vielleicht holt er sich nachts, was er tagsüber nicht beansprucht», sagt deine Mutter. Denn am Tag bist du ganz und gar unkompliziert. Trotzdem ist sie froh, sagt sie, dass sie weiss, dass du das letzte Kind bist. Weil sie so jede deiner Phasen voll auskosten kann. Zum letzten Mal.


Erschienen in der annabelle 12/10
Text: Gabriela Herpell
Foto: Elisabeth Real



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