Willkommen auf der Welt

Willkommen, Silja !

Silja hat ein richtiges Nomadenleben vor sich: Die Winter verbringt ihre Familie im Tal unten, und im Frühling gehts dann wieder hinauf in ihren Berggasthof.

Dein erster Sommer auf dem Berg geht zu Ende. Da war ganz schön was los. Deine Mutter hatte nicht immer die Zeit für dich, die sie gern gehabt hätte. Jetzt, im Spätherbst, packt sie wie jedes Jahr eure Sieben- sachen zusammen, und ihr verlasst die Bollenwees. Wie immer mit einem weinenden und einem lachenden Auge, denn natürlich liebt deine Familie es oben auf dem Berg über alles. Aber im Sommer wird hart gearbeitet – und jetzt, im Winter, kommt die Familie dran. Du zum Beispiel. Das sind doch ganz schöne Aussichten, oder?

Auf dem Berg, auf 1471 Metern, an einem Fjord von wilder Schönheit im Appenzellerland, betreiben deine Eltern im Sommer einen Berggasthof, wie er im Bilderbuch steht: Holzschindeln, Sprossenfenster, hinterm Haus weht die Schweizer Fahne und davor liegt dunkel und kalt der Fählensee. Die Saison hier oben dauert von April bis Anfang November, und da gibt es viel zu tun. Es kehren vor allem Kletterer und Familien mit Kindern bei euch auf der Bollenwees ein. Manche machen mehrtägige Touren durch den Alpstein, euer Gasthof ist dabei eine feine Etappe. Am Wochenende ist so viel Betrieb, dass eure Eltern für euch Kinder ein eigenes Kindermädchen angestellt haben. Trotzdem sind sie 16, 17 Stunden pro Tag auf den Beinen, immer ansprechbar, immer auf Zack, ständig umgeben von Gästen, von ihren Mitarbeitern und natürlich von euch Kindern. Sie arbeiten jeder für drei.

Bis zum letzten Jahr, bis also du dazukamst, wohnten deine Eltern mit deinen drei Geschwistern über den Sommer in einem kleinen Zimmer. Dieses Jahr wart ihr zu viert in zwei kleinen Zimmern, was auch nicht übertrieben ist. «Da muss es schon ordentlich sein», sagt deine Mutter. Aber die Bollenwees wird erweitert, damit ihr euch als Familie auch mal zurückziehen könnt. Deine Mutter merkt jetzt, beim vierten Kind, wie sehr sie das alles anstrengt: «Der Betrieb, die Kinder, Stillen, Schule, Kindergarten, so viel Programm. » Doch sie herzt dich dabei, als wollte sie dich auffressen. An dir liegt es also nicht, denn natürlich bist du wie fast jedes vierte Kind pflegeleicht und ein grosser Schatz. Und Familien mit vier Kindern findet man im Appenzellerland noch des Öfteren.

Den Winter verbringt ihr nun in Brülisau. Dort, im Tal, ist es bequemer, sagt deine älteste Schwester Leandra ganz unromantisch, da kann man besser Velo und Inlineskates fahren, weil «die Wege nicht so holprig sind». Und es ist nicht so weit in die Schule, sie ist in ein paar Minuten da, während sie vom Berg mit dem Jeep hinuntergebracht werden muss. Es ist eine winzig kleine Schule: In jeder Klasse sind zwei Jahrgänge und sechs Kinder. Im Tal dann habt ihr ein ganzes Haus für euch. Und Zeit. Viel Zeit. «Ich kann endlich mit den Kindern reden, spielen, mit ihnen zusammen sein», sagt deine Mutter. Du kennst das ja noch gar nicht so recht: Im Winter seid ihr nämlich, so als Familie, plötzlich allein. Eine Riesenumstellung. «Zuerst ist das seltsam», sagt deine Mutter, «dann aber schön und erholsam.» Bis der März kommt mit seinen längeren Tagen. Und mit ihm die Unruhe. Die Sehnsucht nach dem Berg. Die vererbt wird, von Generation zu Generation. Die auch du im Blut haben wirst.



Dieser Text ist in der annabelle 21/10 erschienen.
Text: Gabriela Herpell
Foto:
Elisabeth Real

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