Helene Aecherli

1 Jahr Sex-Blog: Helene Aecherli wirft einen lustvollen Blick auf die Höhepunkte

Wie einst im Mai. Redaktorin Helene Aecherli bloggt für annabelle seit einem Jahr über «Sex & Sensibility». Ein lustvoller Blick zurück auf ihre Höhepunkte.

Am Anfang war die Frage, die so oft kam, dass ich lernte, sie mit stoischer Lässigkeit zu parieren: «Sag mal, bist du jetzt die ‹Liebe Marta› von annabelle?» – «Überhaupt nicht», pflegte ich zu sagen. Marta war eine Institution, eine Aufklärerin. Ich hörte ihr atemlos zu, damals, als sie bei Radio Z «Sex nach neun» moderierte, bewunderte sie für ihre Gabe, Menschen bei Sex- und Beziehungsproblemen beratend zur Seite zu stehen. Aber ich, ich will nicht beraten. Ich will die Sexualität beschreiben, die Ringtänze zwischen Mann und Frau mit all ihren ewig dramatischen, skurrilen, banalen und ekstatischen Facetten.

Voilà, so ist es: In «Sex & Sensibility» geht es um Sex – im klitoralen wie im universellen Sinn. «Alles, was atmet, ist aus Sex entstanden», schrieb einst ein US-Kolumnist, um der Prüderie seines Landes einen Stich zu versetzen; eine Weisheit, die ich immer wieder lustvoll zitiere, wenn ich erkläre, wie ich Sexualität, aber auch meine kolumnistische Beschäftigung damit verstehe: Sex ist keine Nebensache, nicht einfach nur Vor-, Haupt- und Nachspiel. Sex ist viel mehr, ist Lebensenergie, Weg und Ziel in einem und letztlich auch ein gesellschaftliches Phänomen. Sex ist die Hauptsache.

In meine Blog-Einträge übersetzt sieht das so aus: Texte zur Pfadfindung im Datingdschungel reihen sich an Betrachtungen zum Balzverhalten und dem Singledasein um die vierzig; erotische Geschichten stehen neben Beiträgen über verschrobene pornografische Inszenierungen von Frauen in Werbekampagnen und Nacktaktivistinnen im Nahen Osten. Die Bilanz nach knapp einem Jahr «Sex & Sensibility»: Ganz oben auf der Hitliste der Leserinnen rangiert mein persönliches Schlittern über das Paarungsparkett. Kaum etwas scheint so tröstend zu sein, wie seine eigenen Misstritte in den immer wieder hoffnungsvollen Rutschpartien der anderen spiegeln zu können.

Liebesgeschichten, die im realen Leben ein rosarotes Happy End finden, will man offensichtlich nur dann lesen, wenn man selber gerade auf einer einschlägig eingefärbten Wolke schwebt. Die Tränen der Rührung, die bei der Hochzeit der besten Freundin fast reflexartig vergossen werden, sind in Wahrheit meist nichts anderes als Tränen der Trauer um die eigenen unerfüllten Träume, die einem angesichts des zu applaudierenden Glücks schmerzlich bewusst werden. Nachdem ich in «Dereinst im Mai», meinem allerersten Blog-Eintrag, beschrieben hatte, wie meine Hoffnung auf ein gutbürgerliches Glück mit Mann, Kind und Haus wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen war, rief mich eine Bekannte an. «Du hast mir aus dem Herzen geschrieben», sagte sie. «Ich bin nämlich auch in der Situation.» – «In welcher Situation?», fragte ich. «Eben, in der Situation. Du weisst schon: über vierzig, Single, keine Kinder, kurz vor der Menopause. Frauen wie wir machen doch eigentlich gar keinen Sinn mehr, oder?»

Die «Situation». So, wie meine Bekannte dieses Wort aussprach und was sie damit assoziiert, hatte es etwas Beklemmendes, Apokalyptisches, und ich sah vor meinem inneren Auge schon den Filmtitel aufflimmern: «Die Situation. Die Tragik der ausrangierten Frauen». Dieses dumpfe Gefühl verstärkte sich noch, als eine Leserin schonungslos nachdoppelte: «Was ist mit jener Frau, die ihre fruchtbaren Jahre ‹vergeudet› hat, weil sie Beziehungen mit älteren Typen einging, die schon fast erwachsene Kinder hatten und daher keinen Nachwuchs mehr wollten? Sitzt sie irgendwann im Altersheim und beneidet ihre Mitbewohner um die Besuche der Enkel?» Scheisse! Aber immerhin: Die Misere war formuliert, objektiviert und damit zumindest ein bisschen entschärft worden.

Zusätzliche Entspannung brachte wohl die eher banale Erkenntnis, dass die Partnersuche im Digitalen oder der Gang an After-Work-Partys nicht etwa den Datingerfolg potenzieren, sondern bloss das Quantum der verschwendeten Zeit (nachzulesen in «Spass hatten nur die Nutten»). Ähnlich lindernd muss die Einsicht gewirkt haben, dass die Jagdgründe für Frauen jenseits der dreissig in der Tat schmerzlich karg sind. Sei es, weil ihre Ansprüche (Kind, Haus, Hund) mit steigendem Alter immer grösser oder die Damen selbst immer kapriziöser werden; vor allem aber, weil das Gros der infrage gekommenen Kerle im Hafen der Ehe eingelaufen zu sein scheint – was nicht bedeutet, dass manche nicht gern mal für eine Affäre ihren Anker lichten –, wohingegen der kleine Rest der valablen Unverankerten so schwierig zu finden ist wie bezahlbare Jugendstilwohnungen in Zürich (Details im Blog-Eintrag «Pro Spezie Rara»). «So ist es: Die besten Männer sind weg», bestätigte eine Userin lakonisch. «Endlich sagt es jemand! Irgendwie läuft da was verkehrt. Die, die Interesse zeigen, will ich nicht, und die, die mir passen würden, sind vergeben.»

Selbstverständlich wäre es nun aufschlussreich, auch die Gegenseite mit dieser Fragestellung zu konfrontieren, etwas, das ich mir für weitere Kolumnen fest vorgenommen habe. Denn gerade Männer haben sich als aufmerksame und selbstironische Rezipienten von «Sex & Sensibility» entpuppt. Aufgrund der in den Blog-Einträgen so generös beschriebenen Männerfinsternis bin ich zwar lange davon ausgegangen, dass die derart ins Visier Genommenen den Blog meiden.

Zu meinem Entzücken ist aber das Gegenteil der Fall. Das ist mir klar geworden, nachdem ich «Sprücheklopfer» und «Der Glassplitter, oder Männer mögens milde» publiziert hatte. In «Sprücheklopfer» präsentierte ich eine Sammlung männlicher Bonmots wie «… und sie fiel vor mir in die ihr zugewiesene Position – nämlich in die Horizontale». In «Glassplitter» erzählte ich von einer Begegnung mit einem Mann, der während des Apéros bemerkt hatte, dass sein Glas kaputt war, und panische Angst davor hatte, wegen eines Glassplitters innerlich zu verbluten.

Interessanterweise haben ausgerechnet diese Texte bei männlichen Lesern fast schenkelklopfartige Reaktionen ausgelöst. «Es ist eine Mischung aus Schadenfreude und Selbsterkenntnis», erklärte mir ein Freund. «Einerseits kann ich mir sagen: ‹Gott sei Dank, bist du so viel cooler als diese Typen in den Texten.› Andererseits weiss ich, dass auch ich meine Schwächen habe, die jederzeit in diesem Blog auftauchen könnten. Gerade deshalb fände ich es schön, wenn du einmal einige Zeilen darüber verlieren würdest, dass wir Männer unter Umständen doch nicht ganz so schlecht sind. Was meinst du?» Mach ich gern. Denn das männliche Element ist ja trotz allem zu betörend, um es jemals aus dem eigenen Periodensystem ausschliessen zu wollen. Und unter diesem Aspekt lassen sich auch die Geschichten wunderbar subsummieren, die nebst jenen zum Datingpech das grösste Echo hervorriefen: die erotischen.

Ich schrieb «Der Geruch von Zement», die Geschichte einer Frau, die auf einem Rohbau buchstäblich vernascht wird – und war dann ziemlich nervös, als ich sie online stellte. Würde ein derart erotischer Text mein Publikum nicht vor den Kopf stossen? Dann aber kam folgender Kommentar: «Bitte, bitte, bitte fang an, erotische Geschichten zu schreiben!», flehte eine Leserin. Und als völlig unerwartete Krönung dieses Textversuchs wurde ich von Userin Italia damit beauftragt, ihre Fantasien weiterzuspinnen. «Ich habe seit kurzem ein Kribbeln im Bauch», gestand sie. «Er ist mindestens zwanzig Jahre älter als ich und geschieden. Ich bin seine Vorgesetzte. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Als ich ihn das letzte Mal traf, flirtete er unverhohlen mit mir, und natürlich liess ich ihn abblitzen. Nicht nur, weil ich seine Vorgesetzte bin, sondern vor allem auch, weil ich in einer glücklichen Partnerschaft lebe. Aber er hat etwas Magisches an sich, eine beinahe unheimliche Anziehungskraft. Nun male ich mir in meinen kühnsten Gedanken aus, wie unser nächstes Treffen abläuft und wie er sich seine Erfahrung zunutze macht. Wie würdest du dir unsere Begegnung vorstellen?»

Ich drückte mich drei Monate lang davor, ging in mich und schrieb endlich «Das Federspiel», ein erotisches Bouquet aus Seidenfesseln, einem Vibrator und eben Federn. Danach hörte ich von manchen Männern, dass sie sofort einkaufen gegangen waren. Und Italia schickte mir folgende Nachricht: «Danke! Ich freue mich auf das nächste Treffen mit ihm!» Mal sehen, womit die Jungs ihre Einkaufskörbe sonst noch füllen könnten.

Hier finden Sie Helene Aecherlis Blog Sex & Sensibility

Text: Helene Aecherli; Foto: Fotostudio annabelle

Sex & Sensibility

Hier finden Sie die im Text erwähnten Blogeinträge

Helene Aecherli

Die Redaktorin will Menschen sicht- und hörbar machen, deren Stimme kaum wahrgenommen wird. Sie ist getrieben von einer fast pathologischen Neugier. Ihre bevorzugten Themen: Naher Osten, Gender, Medizin und Sexualität.

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