Lustvoller Monat

Fessle mich doch endlich, Schatz

Text: Helene Aecherli; Foto: iStock

Überwältigt zu werden – eine der häufigsten erotischen Fantasien von Frauen. Spätestens seit «Fifty Shades of Grey» ist das kein Geheimnis mehr. Doch wie passt das mit Feminismus zusammen? Es geht Hand in Hand, findet annabelle-Redaktorin Helene Aecherli. Sich hingeben zu können, ist ein Ausdruck wahrer Emanzipation.

Man kann von der Roman-Trilogie «Fifty Shades of Grey» und nicht zuletzt auch von deren Verfilmung halten, was man will – sie haben etwas vollbracht, was bisher keine wissenschaftliche Studie geschafft hat: die weibliche Lust ins Scheinwerferlicht zu rücken, ganz besonders die Lust der Frau an der sexuellen Unterwerfung, oder sagen wir vorsichtiger: die Phantasie der Frau, sich beim Sex fesseln zu lassen. Vorsichtig deshalb, weil die Vorstellung überwältigt, unterworfen und dominiert zu werden, auf den ersten Blick als Absage an jegliches feministisches Credo gilt. Die moderne emanzipierte Frau hat die Fesseln, in die sie der Mann, sprich das Patriarchat, gelegt hat, gesprengt. Sich neue anlegen? Undenkbar.

Aber eigentlich – sehr gerne.

Wer jetzt empört aufschreit, der sei beruhigt: Geflüsterte Geständnisse nach ein paar Gläsern Prosecco, Bemerkungen zwischen Computer und Kantine aber auch offizielle Umfragen lassen erahnen: Die Kraft des Mannes zu spüren, überwältigt, niedergerungen, schweissüberströmt ans Bett gefesselt zu werden, auf dem Rücken mit gespreizten Beinen, sitzend, oder auf dem Bauch liegend, oder wie auch immer, sich im Zustand höchster Erregung nicht bewegen zu können, dem Partner und vor allem sich selbst ausgeliefert, ist eine DER erotischen Phantasien von Frauen schlechthin. Das war schon so, bevor das erste Wort von «Fifty Shades of Grey» geschrieben worden war. Leiterinnen von Orgasmus-Workshops wissen das schon längst: Werden Teilnehmerinnen aufgefordert, Utensilien mitzubringen, die sie schon lange einmal beim Sex verwenden wollten, sich aber nie getraut haben, hätten die meisten Handschellen im Gepäck. In jedem auf Frauen ausgerichteten Erotikshop, gehören denn auch Seidenfesseln, Handschellen oder Lederriemen zum Inventar. «Chase me, catch me, tie me down!», jage mich, fang mich, fessle mich, heisst es auf einer Verpackung von schwarzen Seidenbändern – was die Phantasie der sexuellen Unterwerfung auf den Punkt bringt.

So weit, so entspannt, also. Kommen wir nun aber zur Frage, ob sich eine feministische Haltung mit der sexuellen Unterwerfung in Einklang bringen lässt. Ein Dominator, das männliche Pendant zur Domina, der seine Kundinnen nach deren Drehbuch packt, sie auf Boden/Bett/Bondagestuhl wirft und fesselt, antwortet so darauf: Seine Kundinnen seien um die vierzig Jahre alt, meist auch ein bisschen älter. Gerade in diesem Alter emanzipieren sich viele Frauen von konventionellen erotischen Verhaltensmustern und entdecken ihre wahren sexuellen Bedürfnisse. Mehr noch, je eigenständiger und kontrollierter eine Frau im Berufs- und Alltagsleben ist, desto stärker sehnt sie sich beim Sex oft nach der Umkehrung der Kräfte. Denn beim Sex gelten die Alltagsnormen nicht mehr: Während Kontrolle häufig ein Lustkiller ist, ist der Kontrollverlust einer der sichersten Lustquellen. Und weil Frauen die Kontrolle meist nicht einfach hergeben können, brauchen sie jemanden, im Idealfall den Partner/Ehemann/Liebhaber, der sie ihnen nimmt und sie zur Hingabe zwingt. Auf ihren eigenen Wunsch natürlich, und vor allem: aus einem tiefen Wissen heraus, was ihnen Lust verschafft. Und das wiederum, sagt der Dominator, ist ein Ausdruck wahrer Emanzipation.

Macht Sinn, oder? Sich einem Menschen zu öffnen und sich ihm vollkommen zu hingeben, setzt ein Selbstbewusstsein voraus, das nur dann zum Tragen kommt, wenn sich eine Frau von gängigen Verhaltensmustern befreit hat («was muss ich tun, um zu gefallen?») und in sich verankert ist («ich bin ich, und das gefällt, und wenn nicht, ists mir egal»). Mit anderen Worten, sich sexuell zu unterwerfen, kann ein feministisches Statement sein. Und zur Beruhigung: Das geht auch unter vierzig.

Klar, das heisst nun nicht, dass sich jede Frau irgendwelche Fesseln kaufen soll, nur weil es eben gerade «in» ist und sich dadurch unter Druck setzen lässt. Darum geht es hier nicht. Ebenso wenig geht es um die Verherrlichung von furchtbar frauenverachtenden Bondage-Szenen, die en masse im Netz kursieren. Und in keiner Weise geht es um sexualisierte Gewalt. Denn sexualisierte Gewalt hat nie Lust zum Ziel, sondern Machtausübung, Erniedrigung und Zerstörung.

Nein, hier geht es um eine höchst erregende sexuelle Spielart, die von beiden Partnern Vertrauen und Respekt verlangt, vor allem aber auch Eines: Phantasie. Gerade letzteres bedarf wohl je nach dem noch zusätzliche Inspiration. Denn wie sagte doch kürzlich ein Freund von mir: «Ich glaube, viele Männer würden gerne mal Fesselspiele ausprobieren, scheuen aber davor zurück, weil sie nicht wissen, was sie mit ihrer Partnerin tun sollen, wenn sie dann mal gefesselt vor ihnen liegt.»

Also, Mädels, dann schreibt mal ein Drehbuch!

Helene Aecherli

Die Redaktorin will Menschen sicht- und hörbar machen, deren Stimme kaum wahrgenommen wird. Sie ist getrieben von einer fast pathologischen Neugier. Ihre bevorzugten Themen: Naher Osten, Gender, Medizin und Sexualität.

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