Gerüche

Liebe geht durch die Nase: Erstaunliches aus der Geruchswelt

Text: Mathias Plüss, Illustrationen: Illumüller.ch

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«Der Geruch weiblicher Tränen dämpft den männlichen Sexualtrieb»

«Riechen wir fremden Angstschweiss, so kriegen wir Angst. Das kann erklären, wie Massenpanik entsteht.»

Das mit den Bienchen und Blüten ist gar nicht so falsch. Auch menschliche Spermien fliegen nämlich auf Blumen, genauer: auf den Duft von Maiglöckchen. Wie das? Lesen Sie einfach weiter – die Geruchswelt hat alle naslang Erstaunliches zu bieten.

Der Mensch ist, salopp gesagt, ein Säugetier mit Riechbehinderung. Hunde, Ratten oder auch Ameisen nehmen ihre Umwelt weitgehend über Gerüche wahr. Der Aufstieg des Menschen war hingegen von einem steten Niedergang seiner Nase begleitet – wir sind zu Augentieren geworden. Während wir gerade mal noch zwanzig Millionen Riechzellen haben, kommt der Eisbär auf mehr als eine Milliarde: Darum kann er beim Jagen unter Wasser seine Augen schliessen und sich ganz auf seine Nase verlassen.

Ja, auch im Wasser lässt es sich vortrefflich riechen, wenn man dafür ausgerüstet ist. Vermutlich haben schon die Einzeller des Urmeers chemische Botschaften ausgesandt und empfangen – das Riechen wäre demnach der älteste aller Sinne. Wie diese urtümliche Duftkommunikation funktionierte, kann man heute noch beobachten, und zwar im weiblichen Körper nach der Begattung: Auf dem Weg zum Ei folgen die Spermien einer Duftspur. Lustigerweise duftet die Eizelle nach Maiglöckchen, und die Spermien können es riechen! Der deutsche Geruchsforscher Hanns Hatt, der dies entdeckt hat, vermutet sogar, dass «die Urnase in den Spermien liegt». Der Riechapparat in unserem Gesicht wäre demnach die Weiterentwicklung eines Geschlechtsorgans.

Animalischer Geruchssinn

Das Riechen ist der animalischste unserer fünf Sinne. Direkte Nervenbahnen verbinden die Nase mit den Gefühlszentren im Gehirn. Ohne dass das Bewusstsein dazwischenfunken kann, vermögen manche Gerüche den Puls zu erhöhen, sexuell zu stimulieren oder auch Erinnerungen eine emotionale Färbung zu geben. Alle anderen Sinneseindrücke werden zuerst gefiltert – den Düften sind wir unmittelbar ausgeliefert.

Und das ist häufiger der Fall, als wir vermuten. Unser Riechvermögen mag eingeschränkt sein – die Macht der Düfte ist nach wie vor gross. Gerade in Gefahrensituationen, wo wir eins sind mit unseren Instinkten, übernimmt die Nase die Regie. Riechen wir etwa fremden Angstschweiss, so schärfen sich nicht nur unsere Sinne, sondern wir bekommen auch selber Angst. Dieser Effekt kann erklären, wie Massenpanik entsteht.

Studien zeigen: Liebe geht durch die Nase!

Auch das Ekelgefühl ist ansteckend: In Experimenten lösen Geruchsproben von sich ekelnden Menschen bei anderen automatisch ebenfalls Ekel aus. Der evolutionäre Sinn dahinter ist, dass Ekel oft von verdorbenem Essen oder ansteckenden Krankheiten ausgelöst wird, und davor soll man sich tunlichst hüten. Ekel hat aber auch eine grosse Wirkung in Gebieten, die man eigentlich zur Einflusssphäre des Intellekts zählen möchte. So gibt es offenbar einen tieferen Zusammenhang zwischen Gestank und Moral: Behandelten etwa Wissenschafter in Experimenten einen Raum mit einem Furzspray, so zeigten sich die Versuchsteilnehmer plötzlich intoleranter gegenüber Homosexuellen als unter Normalluft.

Das wichtigste Einsatzgebiet des Geruchssinns ist aber die Fortpflanzung. Das Sprichwort mit dem Magen gehört korrigiert: Liebe geht durch die Nase! Zahlreiche Studien belegen, dass wir geeignete Partner anhand des Körpergeruchs buchstäblich erschnuppern können. Es ist darum keine gute Idee, mit verstopfter Nase auf Bräutigamschau zu gehen. Ein grosses Problem ist dies für Menschen mit einem krankhaften Riechverlust (Anosmie): Männer ohne Riechvermögen haben deutlich weniger Sexualkontakte als Männer mit intakter Nase. Umgekehrt fühlen sich anosmische Frauen in ihren Liebschaften sehr unsicher. Ihnen fehlt der zuverlässige Wegweiser im Dschungel der Partnerwahl.

Sex ist unsere Antwort auf die Angriffsversuche von Viren und Bakterien

Das Gegenstück zur Nase ist die Achselhöhle. Hier besitzen wir spezielle Schweissdrüsen, die nicht der Kühlung dienen, sondern einzig der Verbreitung des individuellen Körpergeruchs. Nun bekommen auch die Achselhaare ihren Sinn: Sie vergrössern die Verdampfungsfläche, auf dass unsere Ausdünstungen besser zur Geltung kommen. Wer sich, wie es heute üblich ist, noch den kleinsten Haaransatz wegrasiert, legt also womöglich falsche Fährten oder mindert sogar seine Chancen im Fortpflanzungszirkus. Weniger problematisch sind da Parfums: Studien haben ergeben, dass wir intuitiv meist Düfte wählen, die unseren Eigengeruch noch verstärken.

Warum verlassen wir uns bei der Partnerwahl ausgerechnet auf den Körpergeruch? Die Antwort hängt eng mit der Frage zusammen, wieso wir überhaupt Sex haben. Zur Fortpflanzung, gewiss. Aber wieso klonen wir uns nicht einfach? Wäre doch viel unkomplizierter. Die Biologen vermuten, dass Parasiten die Ursache sind: Sex ist unsere Antwort auf die seit Jahrmillionen währenden Angriffsversuche von Viren, Bakterien und Würmern. Indem wir bei der Fortpflanzung die Gene immer wieder durchschütteln und anreichern, halten wir unsere Gegner in Schach. Lebewesen, die sich hingegen bloss klonen, werden früher oder später von Parasiten geknackt und aus dem Verkehr gezogen.

Das Immunsystem erschnuppern

Die wichtigste Rolle spielt dabei das Immunsystem: Je vielfältiger es ist, desto mehr Keime kann es bekämpfen. Wenn wir auf Partnerpirsch sind, denkt unser Körper daher stets nur an das eine: Finde jemanden, dessen Immunsystem von deinem eigenen möglichst verschieden ist. Wenn du dich mit ihm fortpflanzst, wenn du deine Abwehrgene mit den seinigen vermischst, wird dein Nachwuchs ein robustes Immunsystem haben.

Und hier kommt der Körpergeruch ins Spiel. Er ist nicht einfach ein dumpfer Duft, sondern ein exaktes Abbild unseres Immunsystems. Schon mit dem Begrüssungskuss überreichen wir dem Gegenüber eine olfaktorische Visitenkarte, die besagt, wie es um unser Parasitenabwehrsystem bestellt ist. Dies geschieht natürlich unbewusst, aber es funktioniert perfekt, wie die berühmte T-Shirt-Studie des Schweizer Biologen Claus Wedekind gezeigt hat: Er liess Frauen an T-Shirts schnuppern, die Männer getragen hatten. Welchen Duft fanden sie besonders erotisch? Mit traumwandlerischer Sicherheit wählten die Frauen die Shirts von Männern, deren Immunsystem von dem ihren maximal verschieden war.

Mit Hormonen pfuschen wir der Natur ins Handwerk

Dieser Effekt lässt sich gezielt nutzen: In den USA gibt es sogenannte Pheromonpartys, zu denen man ein getragenes T-Shirt mitbringen muss. Die Gäste erschnüffeln dann, ob jemand dabei ist, den sie näher kennen lernen möchten. Selbst manche Partnervermittlungs-Institute gleichen heutzutage nicht nur die Vorlieben, sondern auch die Gene ihrer Kunden ab. So ersetzen sie die Nase, deren Urteil beim Onlinedating schmerzlich fehlt.

Auf anderen Wegen sind wir allerdings daran, der Natur ins Handwerk zu pfuschen. Denn die Experimente von Claus Wedekind haben auch gezeigt, dass sich weibliche Vorlieben massiv beeinflussen lassen: Nehmen Frauen nämlich die Pille, so fühlen sie sich nicht mehr von fremden Düften angezogen – sondern ausgerechnet von Männern, die ihnen genetisch besonders ähnlich sind.

Dies ist Ausdruck der bekannten zweigleisigen weiblichen Partnerschaftsstrategie: Der beste Erzeuger muss nicht zwingend der beste Erzieher sein. Die Pille täuscht dem Körper eine Schwangerschaft vor – in diesem Zustand sucht frau nicht mehr den immunologischen Gegenpart, sondern einen zuverlässigen Gefährten, und der ist idealerweise aus dem gleichen Holz geschnitzt wie sie. Die hormonelle Verhütung bringt also ein jahrtausendealtes Kalkül durcheinander: Unter dem Einfluss der Pille wählen Frauen einen ihnen möglichst ähnlichen Mann. Setzen sie die Pille dann ab, weil sie Kinder wollen, so merken sie womöglich plötzlich, dass sie ihn gar nicht besonders gut riechen können. Der Riechforscher Hanns Hatt und die Journalistin Regine Dee schlagen darum vor, auf der Pillenpackung vor einer Nebenwirkung zu warnen: «Das Absetzen kann zur Destabilisierung einer bestehenden Partnerschaft führen.»

Lockstoffe im Achselschweiss

Ob es beim Menschen, über den individuellen Körpergeruch hinaus, auch eigentliche Sexuallockstoffe gibt, ist umstritten. Bei den Tieren läuft ohne sie fast gar nichts: So produziert etwa der Eber in seinen Hoden zwei Duftstoffe, mit denen er sich die Sauen gefügig macht. Befindet sich eine Schweinedame gerade in ihren fruchtbaren Tagen, so verfällt sie angesichts des Eberdufts automatisch in die sogenannte Duldungsstarre und lässt sich widerstandslos begatten. Ohne die Lockstoffe würde sie nie stillhalten.

Vergleichbares wird von Menschen nicht berichtet. Aber möglicherweise funktioniert es bei uns subtiler. Jedenfalls kommen die beiden Lockstoffe des Ebers auch im Achselschweiss von Menschenmännern vor – die Duftwolken mancher Machos lassen es erahnen. Nun sind das auch für Frauen keine Wohlgerüche, aber ausgerechnet während der fruchtbarsten Tage wandelt sich ihr Geruchsempfinden: Nun finden sie den Eberdunst plötzlich attraktiv. Gleichzeitig verändern sie ihr eigenes Duftbild: Ovulierende Frauen riechen für Männer besonders aufreizend. Eine eher kuriose Folge davon ist, dass etwa Striptease-Tänzerinnen in den Tagen vor dem Eisprung besonders viel Trinkgeld bekommen.

Schon seit einiger Zeit mischt die Parfumindustrie manchen Produkten ein wenig Eberlockstoff bei und macht damit Werbung. Duldungsstarren wird mann damit gewiss nicht auslösen. Aber angeblich hebt der Eberduft die Stimmung und erhöht so die Chancen auf ein erotisches Abenteuer. Allerdings ist nicht nachgewiesen, dass das wirklich funktioniert.

Im Baumarkt steigert angeblich Grasgeruch den Umsatz

Auch in anderen Branchen wird mit Düften experimentiert, die gute Laune machen sollen. Im Baumarkt steigert angeblich Grasgeruch den Umsatz, im Obstladen Erdbeerduft und im Reisebüro ein Hauch frischer Meeresbrise. Occasionsautos verkaufen sich besser, wenn man sie mit einem sogenannten Neuwagenspray behandelt. Die Düfte werden dabei so dezent verabreicht, dass wir nicht merken, dass wir manipuliert werden.

Gezielt gesetzte Duftmarken können aber auch helfen. Manche Airlines nehmen ihren Passagieren die Flugangst, indem sie ihre Maschinen mit entsprechenden Stoffen einsprühen. Am Frankfurter Flughafen wird auch der Transittunnel mit entspannenden Aromen behandelt, damit in der fensterlosen Röhre keine Beklemmung aufkommt. Vielleicht kann man mit entsprechenden Methoden eines Tages sogar Massenpaniken an Grossanlässen verhindern.

Auch gegen Sexuallockstoffe gibt es einen Antiduft: Forscher haben entdeckt, dass der Geruch weiblicher Tränen den männlichen Sexualtrieb dämpft. Die Männer werden dabei nicht traurig, sondern einfach ein bisschen zahmer. Ideale Voraussetzungen, um einen Abwehrduft zu kreieren, der einem Kerle mit allzu aufdringlichem Eberparfum vom Leib hält.

— Hanns Hatt, Regine Dee: Niemand riecht so gut wie du. Die geheimen Botschaften der Düfte. Piper-Verlag, München 2011, 317 Seiten, ca. 15 Franken

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