Sugar Daddy

Millionär gesucht: Besuch eines Sugar-Baby-Workshops

Text: Jacqueline Krause-Blouin; Fotos: Stefano Giovannini für «New York Post»

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So lassen sich in den USA hohe Studiengebühren finanzieren: Seekingarrangement-Werbung für Studentinnen

Was braucht es für das süsse Leben? Zu den aufmerksamen Besucherinnen der Sugar Baby University gehört auch Autorin Jacqueline Krause-Blouin (Mitte hinten)

Im Durchschnitt gibt ein Sugar Daddy monatlich über 3000 Franken für sein Baby aus

«Sugar Dating ist das Liebesmodell der Zukunft», sagt Seekingarrangement-Besitzer Brandon Wade (hier mit seiner Ehefrau)

Chelsea Ridenour leitet den Kurs für Fortgeschrittene

Eine Undercover-Reportage aus New York.

Girls just wanna have Fun? Verdammt falsch. «Girls just wanna have Funds» – alles, was Mädchen wollen, ist Kohle. So steht es auf meinem brandneuen, knallroten Tanktop, das mir eine spartanisch bekleidete junge Frau reicht, nachdem ich ihr mein Ticket gezeigt habe. «Early Bird Sugar Baby» steht auf dem Ticket. Und ich frage mich, ob das Motto des Tages vielleicht gar keine so dumme Idee ist. Fun kann man dann ja immer noch haben, oder?

Willkommen zur weltweit ersten Sugar-Baby-Tagung mitten im New Yorker Quartier Hell’s Kitchen. Organisiert von der Sugar-Dating-Website Seekingarrangement.com, treffen sich hier sogenannte Sugar Babys, also Mädchen, die gegen Geld und Geschenke mit reichen Männern, nun ja, Zeit verbringen. Die Veranstalter nennen das, was hier heute passiert, auch liebevoll die Sugar Baby University. Ja, reiche Knacker ausnutzen kann man lernen, und genau deswegen bin ich hier. Mein Name für heute ist Taylor.

«Oh my God, ist das eine italienische Prada-Tasche?», stürmt ein aufgeregtes Mädchen auf mich zu. «Natürlich», sage ich knapp. «Die hat mir mein letzter Sugar Daddy geschenkt.» Glatt gelogen, die Tasche ist gemietet. «Hi, ich bin Lesley», sagt das Mädchen beeindruckt und streckt mir ihre pink manikürte Hand entgegen. Lesley kommt aus New Jersey und ist heute morgen mit dem Zug in die grosse Stadt gekommen. Mit ihrer Zahnlücke ist sie auf kindliche Weise hübsch, aber leider, so merke ich schnell, nicht die hellste Leuchte im Lampenladen. Reicht das wirklich aus, um mit schwerreichen CEOs das Leben zu teilen, oder zumindest das Schlafzimmer? Offensichtlich schon, Lesley erzählt mir freimütig, dass ihr letzter Sugar Daddy sie regelmässig nach St. Barth eingeladen hatte. «Ich war echt verliebt in ihn. Er war 60», sagt sie selig lächelnd. Lesley ist 21. Weil ihr Sugar Daddy sie abserviert hat, arbeitet sie jetzt wieder in einem Café in Jersey. «Nach zehn Monaten hatte er ein schlechtes Gewissen bekommen, weil er verheiratet ist», sagt Lesley.

Heute soll alles besser werden, denn Lesley ist auf der Suche nach einem noch viel potenteren Sugar Daddy, der ihr die Welt zu Füssen legt. Ihre Eltern wissen nichts vom zusätzlichen Einkommen der Tochter. «Ich glaube, sie würden den Lifestyle nicht verstehen», sagt sie nachdenklich. «Aber manchmal fragen sie schon, woher ich den teuren Schmuck habe. Ich sage dann, dass es billiger Fake ist.»

Sugar Funds

Im Club Stage 48 sind über hundert junge Frauen und ein junger Mann zum heutigen Workshop eingetroffen. Wie man das Beste aus seinem Zucker macht, soll man hier lernen. Und zwar schnell, denn «das Alter ist gnadenlos», sagt Brook Urick, eine Mitarbeiterin von Seekingarrangement, in ihrer Begrüssungsrede. Dann mal los, bevor unsere Brüste anfangen zu hängen. Ich entscheide mich für den Masters Track – den Kurs für Fortgeschrittene, der von Chelsea Ridenour geleitet wird. Chelsea ist mindestens 1.80 m gross, sehr kurvig und erhebt am Ende eines jeden Satzes gleichzeitig Stimme und Augenbrauen. Sie nennt sich selbst ein Veteran Sugar Baby und berichtet als Erstes, dass Sugar Dating ihr Beruf ist. Chelsea ist ungefähr 30 und hat demnächst ihre erste eigene Million auf dem Konto – alles gut angelegte Sugar Funds –, sie fährt einen Bentley und trägt ausschliesslich Designerkleidung, wenn auch mindestens eine Nummer zu klein. «Sugar Dating kann harte Arbeit sein», sagt Chelsea ins Mikrofon, und einige Babys schreiben mit. «Zu meinen Höchstzeiten hatte ich zwölf Daddys gleichzeitig! Einen fürs Frühstück, einen fürs Mittagessen und einen fürs Dinner» – und das vier Mal die Woche», sagt Chelsea. Auf die Frage, ob die Sugar Daddys voneinander wüssten, lacht sie verschmitzt. «Ich versuche nicht zu lügen. Aber manchmal ist es eben unvermeidlich fürs Geschäft.» Wissendes Gelächter.

Von Chelsea kann man einiges lernen. Zum Beispiel, dass man immer gut aufräumen muss. «Mich hat mal ein Daddy nachhause geschickt, weil ich mein ganzes Make-up im Hotelbad auf Hawaii habe herumliegen lassen. Seid sauber!» Auch so ein Problem ist natürlich, wenn der Sugar Daddy verheiratet ist. Und laut der Statistik von Seekingarrangement.com sind das 39 Prozent der Männer. Deshalb: «Ruft nie im Leben bei ihm zuhause an!», sagt Chelsea streng. «Diskretion ist alles! Und erwartet nicht, dass er seine Familie verlässt. Das wird er nicht tun. Das wollt ihr auch nicht. Ihr wollt ja nicht ihn, sondern sein Geld.»

Auch auf die ganz grossen Fragen des Sugar Dating weiss Chelsea eine Antwort: etwa, dass man am meisten Geld bekommt, wenn man ebendieses nicht erwähnt. «Man muss geduldig sein», sagt sie. «Dann kann es sein, dass schon am nächsten Tag 5000 Dollar mehr auf deinem Konto sind.» Oft werden die Sugar Babys in Geschenken, teuren Essen und Reisen bezahlt. Aber die Königinnendisziplin ist Cash. «Ich liebe ja meine Birkin», sagt ein Mädchen aus dem Publikum. «Aber ich kann darin nun mal nicht wohnen. Wie mache ich meinem Daddy klar, dass ich Bares brauche?» Chelsea überlegt eine Weile. «Wedel mit einer Rechnung vor seinem Gesicht hin und her und mach ein ganz süsses, verzweifeltes Gesicht, etwa so!» Sie verzieht ihr Gesicht zu einer Schnute und schlägt die dick umrandeten Augen auf. «Das funktioniert immer!», sagt sie triumphierend. «Und erzähle ihm von dir und deinen Hobbys. So habe ich einen Daddy dazu gebracht, 50 000 Dollar in meinen Blog zu investieren. Die Männer wollen helfen, weil sie sich dann gut und mächtig fühlen.»

Sex gegen Geld

Damit hat Chelsea Ridenour den Kern des Sugar Dating auf den Punkt gebracht. Was Sugar Dating, neben der Langfristigkeit der Beziehungen, von einem herkömmlichen Escort-Service unterscheidet, ist das Verkaufen der Illusion, dass das Mädchen den Daddy tatsächlich mögen könnte. Und zwar nicht des Gelds wegen. Ein cleveres Sugar Baby hält diese Illusion möglichst lange am Leben, indem es Geld nicht erwähnt. Sobald die Beziehung zu einer Transaktion wird, stirbt die Fantasie. Es ist eine unausgesprochene Abmachung, einander etwas vorzumachen, um nicht direkt mit dem konfrontiert zu sein, was Sugar Dating wirklich ist: knallhartes Business. Jugend und Schönheit gegen Geld. Sex gegen Geld. Aber man möchte sich ja nicht schäbig fühlen. Untereinander nennen sich die Männer und Frauen nicht Daddy und Baby, sondern Boyfriend und Girlfriend. Manchmal fällt auch der Begriff Mentor.

Handelt es sich also um eine moderne Form der Prostitution? Oder gar um das Gegenteil, wie einige Sugar Babys behaupten, um die höchste Form der Emanzipation? (O-Ton einer Workshopteilnehmerin: «Ich nehme mir, was ich möchte, das bedeutet, ich bin emanzipiert, logisch!») In zahlreichen Videos auf Seekingarrangement.com und im Expertenpanel des Workshops gibt Brandon Wade, CEO des Sugar-Dating-Imperiums, gleich selbst Antwort auf diese Fragen. «Sugar Dating haftete lange Zeit ein sehr negatives Stigma an», sagt Wade. «Aber heutzutage ist es ein Lifestyle, zu dem jeder aufschaut. Mutually beneficial Relationships – also beidseits profitable Beziehungen – sind das Liebesmodell der Zukunft.»

Brandon Wade war, bevor er der vermutlich erfolgreichste digitale Zuhälter der USA wurde, ein kompletter Versager. Er konnte sich nicht überwinden, Frauen anzusprechen, sagt er, und wenn er es doch tat, verhaspelte er sich oder stolperte gar und machte sich zum Gespött der Schule. «Meine Mutter sagte mir, ich müsse nur sehr hart arbeiten, dann würde ich zu Geld kommen und die Frauen würden automatisch auf mich fliegen», so Wade. Gesagt, getan. Er gründete Seekingarrangement und wurde innerhalb kürzester Zeit zum Millionär. Sein Dating-Imperium wächst stetig und umfasst noch weitere Websites, wie Openminded.com (eine Site für Swingerpärchen), Misstravel.com (eine Site, auf der reiche Männer schöne Frauen als Reisebegleitung buchen können) und Whatsyourprice.com (eine Auktionsplattform, auf der reiche Männer um ein erstes Date mit hübschen Frauen bieten)

Wade, der aus Singapur stammt, ist selbst das Paradebeispiel eines Sugar Daddy. Er hat sein Sugar Baby Tanya, eine über zwanzig Jahre jüngere Russin, sogar geheiratet und zeigt sie jetzt bei jeder sich bietenden Gelegenheit stolz in die Kameras. Etwas anderes als eine monogame Beziehung kommt für Wade selbst allerdings nicht in Frage. «Man muss der Typ dafür sein», sagt er knapp. Hat er, jetzt, wo er selbst ein Ehemann ist, keine Bedenken, dass er verheirateten Männern eine praktische Seitensprungplattform bietet? «Im Gegenteil», so Wade, der sich offenbar für eine Art Wohltäter hält, «Seekingarrangement hat schon viele Familien gerettet. Das Modell ist simpel: Der unzufriedene Ehemann datet ein Sugar Baby, das ihn glücklich macht, und ist dadurch ausgeglichener und netter zu seiner Frau. Insofern hält Sugar Dating die Familie zusammen!» Und Sugar Dating mit Prostitution zu vergleichen, sei sowieso ein Witz. «Über unsere Site fliesst kein Geld, und alle machen freiwillig mit.» Es handle sich um eine klassische Win-Win-Situation. Luxuriöser Lifestyle für sie und tolle Gesellschaft für ihn. Mutually beneficial eben. Nach eigenen Angaben beschäftigt Seekingarrangement sogar ein ganzes Team, um die fünf Millionen Mitglieder zu überprüfen. Frauen, die bei Escort-Agenturen gelistet sind, werden sofort gelöscht. Dass seekingarrangement.com allerdings eine äusserst lukrative Marktlücke füllt, zumindest in den USA, wo Prostitution illegal ist, ist sicherlich nur ein netter Nebeneffekt. Man wolle keine Profis, so Wade.

Studentinnen bevorzugt

Studentinnen allerdings werden mit offenen Armen empfangen. Schliesslich möchten die erfolgreichen Sugar Daddys «intellektuelle Gespräche» führen. Also bekommen Mädchen, die sich auf der Website mit einer .edu-E-Mail-Adresse registrieren (jeder Student in den USA erhält bei der Immatrikulation eine solche), eine kostenlose Premium-Mitgliedschaft. Laut der Site machen Studentinnen 42 Prozent der Userinnen aus. Nach einem Studium in den USA ist ein Student im Durchschnitt ganze 14 Jahre verschuldet. Viele suchen deshalb während des Studiums nach Mitteln und Wegen, die hohen Gebühren zu begleichen. Wenn in den USA eine junge Frau Schlagwörter wie «Hilfe für College-Gebühren» googelt, poppen Werbebanner von Seekingarrangement.com auf. Ein farbiges Mädchen aus Queens erzählt mir, dass sie alleinerziehende Mutter ist und ihrem Sugar Daddy ihr Kleinkind verheimlicht. Fast die Hälfte der Teilnehmerinnen sind übrigens schwarz. Sie werden Brown Sugar genannt und beklagen sich, dass viele Typen Blondinen bevorzugen. «Es ist Platz für Sugar Babys in allen Farben in unserer Zuckerdose», sagt Brook Urick gut gelaunt. Alle klatschen, ein farbiges Sugar Baby zwinkert mir zu. Ein Hoch auf das süsse Leben!

Doch jetzt ist es Zeit für Chris Cooke, einen unabhängigen Finanzberater aus New York City, der früher bei J. P. Morgan war. Er ist hier, um uns fortgeschrittenen Babys zu zeigen, wie wir den meisten Gewinn aus unserem Sugar schlagen. «Spart immer mindestens zehn Prozent von eurem erhaltenen Geld», so Cooke. «Irgendwann seid ihr alt und vielleicht dick und werdet nicht mehr so viel verdienen. Dann seid ihr froh um ein Polster.» Die Mädchen schreiben eifrig mit. Cooke zeigt Tortendiagramme in einer Powerpoint-Präsentation und erläutert das Wichtigste. «Macht dem Sugar Daddy klar, dass er euch nie mehr als 10 000 Dollar auf einmal überweisen darf. Sonst gilt das Geld nicht mehr als Geschenk, und ihr müsst es als Einkommen versteuern. Will der Daddy euch mehr als 10 000 schenken, soll er es in mehreren Tranchen überweisen.» Cooke sieht aus wie Prinz William und wirkt etwas eingeschüchtert. «Sind Sie selbst ein Sugar Daddy?», fragt ein Mädchen und zwinkert ihm zu. Cooke winkt ab, wird rot und wendet sich wieder seinen Tortendiagrammen zu. Man solle sich schnellstmöglich einen Finanzberater suchen und in Aktien investieren. Disney zum Beispiel sei eine gute Aktie. Prinzessinnen investieren in Disney, ist doch klar.

Und was wäre eine Sugar-Baby-Prinzessin ohne unverwechselbaren Style? Ein Nichts natürlich. Deswegen hat Seekingarrangement weder Kosten noch Mühen gescheut und eine kaugummikauende Stylistin und einen transsexuellen Make-up Artist engagiert, um auch wirklich das Beste aus uns herauszuholen. Wir lernen, wie der legere Sugar-Baby-Style funktioniert, aber auch bei der Cocktailhour eine aparte Figur zu machen. Folgende Merksätze der Stylistin schreiben sich die Babys in ihre flauschigen Notizbücher: «Die Kleidung muss nicht teuer sein, aber sie muss teuer aussehen», «Auf einer Jacht haben Highheels nichts verloren» und «Zieht unbedingt Unterwäsche an. Ihr wollt ja euer Geheimnis nicht frühzeitig preisgeben». Zwischendurch muss ich mich zusammenreissen, um nicht laut «Meint ihr das ernst?» zu schreien. Der Sugar-Baby-Workshop ist ein Prostitutionskurs im Kleid einer launigen Pyjamaparty. Aus den unterschiedlichsten Motiven, aber käuflich sind hier alle. Wer sich bereiterklärt, sexy für ein Foto zu posieren, bekommt zwei T-Shirts. Endlich werden wir mit dem Satz «Los, Babys! Ihr habt nur noch drei Stunden, um euch zu stylen!» in die Freiheit entlassen. Vorerst.

Die Daddys warten

Ich möchte das Experiment abbrechen. Ich fühle mich auf extrem düstere Art desillusioniert. Hier wird das Modell «Sex gegen Geld» als eine einzige glamouröse Party verkauft. So ziehe ich mir ein Kleid an, mit dem ich sonst nicht mal ins Bett gehen würde, und setze mir meine schwarze Spitzenmaske auf. Denn jetzt ist es Zeit, das Gelernte in die Praxis umzusetzen. Die Daddys warten, und ich – beziehungsweise Taylor – soll sie unterhalten, um ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Ich komme in einen düsteren Raum, der nur mit etwas dunkelrotem Licht ausgeleuchtet ist. Ich gehe direkt auf einen riesigen Schokoladenbrunnen zu und ahne bereits, dass diese Party eine bittersüsse Angelegenheit ist. Auf einer Bühne tanzen zwei osteuropäische Stripperinnen, daneben fiedelt eine halbnackte asiatische Techno-Geigerin zum Playback. Mir werden drei Getränkegutscheine in die Hand gedrückt. «Gin Tonic bitte.» Alle haben Masken auf, und ich befürchte, dass gleich Tom Cruise um die Ecke kommt. «Eyes Wide Shut»-Style. Stattdessen kommt ein Mädchen auf mich zu. Ich frage sie nach ihrem Namen. «Fake-Name oder richtiger Name?», fragt sie. Wir lachen. Norah ist Studentin und betont gleich dreimal, dass sie Jüdin sei. Sie trägt schwarze Schnür-Overknees und sieht ein wenig aus wie Sandra Bullock in den Neunzigern. Sie fühle sich wie in «Sex and the City», sagt sie. «Ich muss aufhören, mit den verdammten Kellnern zu flirten, aber die sind halt viel heisser als die Sugar Daddys!» Erst jetzt fällt mir auf, dass sich oberhalb des Dancefloors eine Art Galerie befindet, auf der sich Männer in Anzügen zuprosten und zu uns herunterblicken. «Da oben sitzen die superreichen Daddys», sagt ein drittes Mädchen und gesellt sich zu uns. «Wir müssen uns unter den Scheinwerfer setzen, dann können uns die Typen am besten sehen.» Erst jetzt verstehe ich: Die Männer auf der Empore haben 3100 Dollar bezahlt, um einen Tisch in der VIP-Kategorie zu haben. Das Ticket beinhaltet einen Personal Matchmaker, eine Hostess, die die gewünschten Sugar Babys wie ein Dessert ganz bequem zum Tisch bringt. Ich sehe Männer von oben herab auf Mädchen zeigen, worauf eifrige Hostessen herunterkommen, die Mädchen ansprechen und hinaufgeleiten. Ein gigantisches Dessertbuffet aus jungen willigen Dingern. Auch ich positioniere mich aufreizend mit Blick zur Empore. Norah und ich lachen über einen extrem operierten Mann. «Stell dir vor, du müsstest neben dem aufwachen!», sage ich. «Darling, ich würde jeden Tag neben so was aufwachen – solange es in einem Fünf-Sterne-Hotel ist!» Da steht auf einmal eine asiatische Hostess vor uns. «Ein Gentleman wünscht eure Bekanntschaft zu machen», sagt sie. Wir gehen in Richtung Empore. Neidische Blicke der anderen Babys streifen uns.

«Babe, your pussy is an ATM!»

«Das ist Rick», sagt die Hostess, und ein stattlicher Mann erhebt sich, um uns die Hand zu geben. «Taylor, hoch erfreut!», sage ich, während mir ein Kellner Veuve Clicquot eingiesst. «Was bringt dich hierher, Taylor?», fragt Rick, nicht ahnend, dass er mit mir die Niete des Abends gezogen hat. «Ich liebe Maskenbälle», sage ich und lächle dümmlich. Rick bittet mich, meine Maske abzunehmen. Ich gehorche, und er nickt mir zustimmend zu, offenbar darf ich bleiben. Rick kommt aus Minneapolis. Er trägt ein gestreiftes Ralph-Lauren-Hemd und einen gut sitzenden Anzug. Er muss um die 55 sein und hatte bestimmt früher einmal Haare auf dem Kopf. Mir fällt seine Rolex auf, und ich erfahre, dass Rick «in Öl macht». Ein Kellner bringt uns pinke Zuckerwatte – wie passend. Nachdem unser potenzieller Sugar Daddy uns einige Standardfragen gestellt hat («Wie viele Sprachen sprichst du?», «Wie flexibel sind deine Arbeitszeiten?», «Reist du gern?»), entschuldigen Norah und ich uns in Richtung Powder Room. «Oh mein Goooott, er ist so verdammt reich!», kreischt Norah mir ins Ohr, aber da fällt uns schon ein weinendes schwarzes Mädchen auf. «Er hat mich überall begrapscht», schluchzt sie. «Ach Darling, er ist bestimmt nur betrunken», tröstet sie ein Mädchen, das wie ein «Sports Illustrated»-Model aussieht. «Denk an all die Geschenke, die er dir geben wird. Manche Frauen müssen sich all das gefallen lassen und bekommen nichts dafür!» Ich schlucke. Norah geht zurück zu Rick, aber ich muss erst mal durchatmen. Leider kommt es nicht dazu, weil ich Zeugin einer einschlägigen Konversation werde, gewissermassen dem Schlüsselsatz dieser Nacht: «Ich habe kein Geld mehr für Drinks», sagt eine Blondine, die sich ihre Lippen nachzieht. «Babe, your pussy is an ATM!», ruft ihre Freundin – deine Muschi ist ein Geldautomat. Wo zur Hölle bin ich hier gelandet?

Als ich auf dem Weg zurück zu Rick bin, tippt mich ein schmaler Asiate mit einer Pfauenmaske an. «Darf ich dich zu einem Getränk einladen?» Er darf. Kim aus Korea ist Herzchirurg an einem renommierten New Yorker Spital. Er ist traurig, weil er das schwarze Schaf in seiner Familie ist, da unverheiratet und kinderlos. «Keine Frau kann mit meinem Job umgehen», sagt er. Offenbar ist er auf der Suche nach einer Frau ohne Besitzansprüche – ausser materieller Art, versteht sich. «Wenn ich nachts notfallmässig ins Spital muss, kann ich kein Mädchen gebrauchen, das beleidigt ist. Die Mädchen hier wissen, was der Deal ist, ich schätze das sehr.» Wir tanzen zu Rihanna, doch als Kim mir etwas zu nahe kommt, verabschiede ich mich mit einer Ausrede. Ich muss ja zurück zu Rick.

Der allerdings will langsam gehen, es sei ihm zu laut. Norah klagt über Hunger, wir springen in ein Taxi und fahren zu einem Restaurant. Es ist schon spät, aber Rick kennt den Geschäftsführer – natürlich. Ohne zu fragen, bestellt er für uns alle Champagner, Austern und Hummer. Ich erzähle, dass ich als Modejournalistin arbeite, Rick tut beeindruckt, möchte aber lieber von sich erzählen. Eigentlich spricht er pausenlos über seine Ex-Frau und seine Kinder, die beinah so alt sind wie Norah und ich, und als er uns ein Bild von seiner ältesten Tochter zeigt, bekomme ich Gänsehaut – sie könnte meine Zwillingsschwester sein. Norah will über Ricks Job reden, aber er blockt ab. Sowieso ignoriert er sie mittlerweile komplett und schaut nur noch mich an, ich allerdings vergnüge mich lieber mit meinem Hummer. Ricks letzte Sugar-Beziehung sei blutig auseinander gegangen, erzählt er und zeigt auf eine Narbe auf seiner Stirn. «Es war eine total verrückte Latina, die bei mir zuhause angerufen hat – daraufhin hat mich meine Frau verlassen.» Trotzdem glaubt Rick an das Businessmodell von Seekingarrangement. Das Modell sei brillant, die Mädchen wollen nicht immer gleich heiraten, sagt er. Ich lächle. Nein, vom Heiratswunsch bin ich gerade weit entfernt.

Wie kann es sein, dass bekannte CEOs von grossen Firmen sich einem solchen Risiko aussetzen? Als 2013 der Google-Manager Forrest Hayes auf seiner Jacht von einem Sugar Baby ermordet wurde, ging der Fall wochenlang durch die Presse. Offenbar schreckt so etwas aber nicht ab, sondern ist perfekte PR. Die Mitgliederzahl von Seekingarrangement stieg nach dem Fall um 600 Prozent. Die Premiummitgliedschaft kostet einen Sugar Daddy 2040 Franken pro Jahr. Dafür steht ein Diamant-Icon vor seinem Profilfoto, was bedeutet, dass sein Vermögen verifiziert wurde (er schickt dafür seine Steuererklärung ein). Selbstverständlich steigen seine Datingchancen damit um ein Vielfaches. Seekingarrangement hat mittlerweile 5 Millionen Mitglieder, über 10 000 davon in der Schweiz. Tendenz steigend. Ein Sugar Baby ist durchschnittlich 24 Jahre alt, ein Sugar Daddy 44. Im Durchschnitt gibt er monatlich über 3000 Franken für sein Baby aus. Auch Rick gibt alles und begleicht die Rechnung, während der Geschäftsführer uns ein Taxi ruft. Wir bringen erst Norah nachhause, er fragt sie nicht nach ihrer Nummer. Nun bin ich mit Rick allein, zum ersten Mal ist mir wirklich unwohl. «Endlich ist sie weg», sagt Rick und legt seine Hand auf meinen Schenkel. «Ich möchte mit dir allein sein», sagt er, «Taylor, morgen kommst du mit mir nach Minneapolis.» Ich lächle angestrengt und versuche aus diesem durchaus ernstgemeinten Angebot einen Scherz zu machen. «Ja klar!», sage ich ironisch. «Da wollte ich schon immer mal hin!» Aber Rick lacht nicht. Er meint es ernst, zückt sein Handy und befiehlt der Frauenstimme am anderen Ende der Leitung – offenbar seine Assistentin – ein Flugticket zu buchen. Rick fragt mich nach meinem Nachnamen, seine Hand drückt noch stärker auf meinen Oberschenkel. Ich lächle nicht mehr. «Ich kann morgen nicht», sage ich kleinlaut. Rick runzelt die Stirn und fährt mich an: «Was meinst du damit, du kannst nicht?» Er kann seine Ungeduld nicht mehr länger unterdrücken, wird laut und drückt aggressiv seine Finger in mein Bein.

Ich bekomme Angst. «Stop the car», sage ich bestimmt zum Taxifahrer. Er muss die Angst in meiner Stimme gehört haben und tut, was ich ihm sage. Noch bevor das Auto zum Stehen gekommen ist, springe ich hinaus in die New Yorker Nacht. Rick schreit mir hinterher. «Taylor! Was zur Hölle ist los mit dir?» Aber ich laufe schon die Seitenstrasse runter, so schnell es meine Highheels möglich machen. «Taylor, Taylor!» höre ich von weitem. Aber ich drehe mich nicht um. Ich kenne keine Taylor.

New-York-Style

Jacqueline Krause-Blouin (rechts) wagte sich für diese Ausgabe in die Untiefen des New Yorker Datingdschungels. Undercover nahm sie an der weltweit ersten Sugar Baby Convention teil – Maskenball inklusive. Offenbar konnte sie aber keiner der US-Millionäre so richtig überzeugen: Unsere Kollegin tauchte wohlbehalten (und mit einer pikanten Story im Gepäck) wieder bei uns auf.

Jacqueline Krause-Blouin

Die stellvertretende Chefredaktorin interessiert sich für Mode, Musik, Theater und alle Facetten der Popkultur. Und für aussergewöhnliche Frauen: berühmt oder berüchtigt, tot oder lebendig.

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