Liebe(r) am Nachmittag

Warum Sex tagsüber viel besser ist

Text: Helene Aecherli; Foto: iStock

... als nachts, verrät annabelle-Redaktorin Helene Aecherli.

Ach, mir läuft noch immer das Wasser im Mund zusammen, wenn ich daran denke: er, ein Prachtexemplar von einem Mann, Typ Albatros im Segelflug, gutes Lächeln, schöne Unterarme. Wir assen in einem Restaurant, versteckt unter Baumkronen. Ich bezahlte, er bestand darauf, mich nachhause zu fahren. Im Auto lief Trip-Hop, es war warm, er fuhr flott, bremste vor dem Gartentor. «Komm, ich Laptoptasche in deine Wohnung zu tragen!» – «Ach, ja, bitte!» Ich schloss die Tür auf, er packte mich, ich liess meine Tasche fallen, er hob mich hoch, trug mich ins Schlafzimmer, dann hatten wir Sex, so hungrig, als hätten wir nicht eben erst zu Mittag gegessen. Irgendwann tranken wir Prosecco, danach zog er sich an und ging, er hatte Sitzung um fünf. Eine halbe Stunde später ging auch ich und kam rechtzeitig um sechs zum Sprachkurs. Danach hatte ich drei Tage lang ein entrücktes Grinsen im Gesicht, und meine Haare waren so voluminös wie nie. Seither plädiere ich dafür, den Sex von der Nacht auf den Tag zu verlegen.

Sex gilt noch immer, rein semantisch zumindest, als pures Nachtschattengewächs, wird er doch ausschliesslich mit nächtlichen Aktivitäten assoziiert: Man schläft miteinander, hat einen One Night Stand oder verbringt eine gemeinsame Nacht. Und wann hat man nach der Hochzeit endlich Sex? Richtig. In der Hochzeitsnacht. Denn die Nacht ist sündig und voller Verlangen, im Schutz der Dunkelheit fallen die Hüllen, die Contenance, die Sittsamkeit. Der Tag hingegen ist hell besonnt, transparent und unschuldig, «einen Nachmittag miteinander verbringen» hört sich denn auch höchstens nach Schiffrundfahrt mit Kuchenbuffet an. Ha! Dabei verleiht gerade diese kollektive Unschuldsvermutung den Nachmittagsstunden einen speziellen Kick (der triggert übrigens auch die plötzliche Lust auf Sex im Museum), zudem sind die Stunden zwischen 13 und 16 Uhr erotisch besonders günstig, da in dieser Zeit der Biorhythmus eher flach liegt, Konzentration und Aufnahmefähigkeit also tendenziell tief sind, was aber wiederum andere Sinne stimuliert. Mehr noch, man ist nachmittags nicht total beschwipst, fällt also meist mit klarem Kopf übereinander her. Nicht zuletzt kommt man bei einem #afternoonstand – im Gegensatz zu einem nächtlichen Abenteuer – elegant darum herum, nach dem Sex in der eiskalten Nacht in ein Taxi steigen zu müssen oder stundenlang einen fremden Körper neben sich im Bett zu erdulden, der schnarcht, mit den Zähnen knirscht oder Alkoholfahnen pustet und der am nächsten Morgen um ein Haar auf den nassen Badezimmerplättli ausrutscht und in einem Anfall von posttraumatischem Schock ausbreitet, was er alles hätte verletzen können.

Zeit also, den Nachmittag endlich mit einem neuen Subtext zu versehen. Besonders dann, wenn die Albatrosse fliegen.

 

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Helene Aecherli

Die Redaktorin will Menschen sicht- und hörbar machen, deren Stimme kaum wahrgenommen wird. Sie ist getrieben von einer fast pathologischen Neugier. Ihre bevorzugten Themen: Naher Osten, Gender, Medizin und Sexualität.

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