Weihnachtsfest

Das erste Weihnachtsfest nach der Trennung

Als ihre Liebe zerbrach, geriet unsere Autorin ins Taumeln – zwischen Freiheitsrausch und Familienentzug. An Weihnachten litt sie darob an Phantomschmerz. Erinnerungen an eine tränenreiche Zeit, die dennoch irgendwann alle Wunden heilte.

Eines Tages sagte er: Ich ziehe aus. Wir hatten uns zuvor nicht gestritten, zumindest nicht unmittelbar zuvor. Es war Sommer, warm, er hatte mir den Rücken zugewandt und starrte in den Bildschirm des Computers, wie so oft in den letzten Wochen, Monaten, Jahren. Seit der Geburt der Kinder waren wir zur Familie zusammengewachsen mit einem gemeinsamen Fundament, gemeinsamem Blut. Als Paar aber hatten wir uns auseinanderbewegt. Erst war da eine Distanz, dann ein Abgrund. «Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein», heisst es bei Nietzsche.

Ich studierte, wie die einzelnen Haarsträhnen zerzaust und flach an seinem Hinterkopf lagen. Er sagte: Die Wohnung liegt hier in der Nähe, dann können wir uns die Kinderbetreuung teilen. Ich hatte mit ihm alt werden und sterben wollen, und trotzdem hatte ich ihn hintergangen, betrogen mit einem anderen Mann. Jetzt waren wir beide fertig. So viel Streit, Versöhnung, wieder Streit. Vertrauen und Liebe in Scherben. Niemals hätte ich aufgegeben. Niemals wäre ich ausgezogen. Und deshalb war ich erleichtert, als er sagte: Ich habe eine Wohnung gefunden. Erleichtert, dass er uns aus dieser Situation befreite.

14 Jahre zusammen

Er packte seine Sachen, und ich stand daneben, hin- und hergerissen zwischen Erlösung und Bedauern. Tagsüber war ich voller Zuversicht, abends weinte ich. Er auch. Wir hatten 14 Jahre zusammen verbracht, wir hatten beide einen Vater verloren in dieser Zeit. Wir hatten Kinder geboren, Berge bestiegen, Drogen genommen, uns in Hotelzimmern stundenlang geliebt. Viele Probleme lassen sich wegficken, aber nicht alle. Jetzt sortierte er aus unserem gemeinsamen Haushalt aus, was er mitnehmen wollte.

Es kamen Freunde, um ihm beim Umzug zu helfen, und ich wies sie an, was mitzunehmen, was dazulassen war. Ich trug mit ihnen Kartonschachteln in seinen neuen Keller und fragte mich, ob sie in Zukunft auch meine Freunde bleiben würden. Die Realität bedeutete: Wir sind jetzt getrennt. Aber mit dem Realitätsbewusstsein ist es in einem solchen Moment nicht weit her. Unsere Herzen waren in all den Jahren zusammengewachsen, ein solches Organ kreiert seine eigene Realität. Irgendwie, dachte ich, würden wir trotzdem zusammenbleiben. Wir waren schliesslich eine Familie. Aber vielleicht fütterte ich mich auch nur selber mit Illusionen, wie ein Schmerzpatient, der sich selber seine Morphiumdosen verabreicht.

Süsse Freiheit

Die Kinder trugen die neue Situation mit Fassung. Sie bekamen nun beide ein eigenes Zimmer und erst noch eine zusätzliche Wohnung. Sie gingen in die Schule, am einen Tag kamen sie zu mir nachhause, am andern gingen sie zu ihm. Nach einiger Zeit stellten sie Fragen. «Warum könnt ihr euch nicht wieder vertragen?» Im Grunde war es keine Frage, sondern eine Bitte. Kinder wollen, dass ihre Eltern zusammen sind. Ich konnte ihnen nicht erklären, warum das nicht mehr ging. Mir selber ging es in der ersten Zeit, nachdem er ausgezogen war, blendend. Freiheit, süsse Freiheit. Sie war wie ein frischer Luftzug, der in ein seit Jahren nicht mehr gelüftetes Zimmer dringt.

Dabei ging es längst nicht nur darum, nachhause kommen zu können, wann ich wollte. Es ging darum, nachhause zu kommen, ohne eine zweite Schicht leisten zu müssen. Ohne dass Menschen sich mit ihren Kümmernissen, ihren Bedürfnissen oder ihrem Ärger an dich richten. Ohne Beziehungsprobleme wälzen zu müssen. Vorher hatte ich die Verantwortung nie ganz abgegeben. Jetzt, wenn die Kinder bei ihm waren, war ich frei. Ausgehen, solange du willst. Nach der Arbeit heimkommen und alles irgendwohin schmeissen. Eine spontane Hausparty mit Freundinnen veranstalten, das ganze Wochenende kiffen und dich, wenn du in den frühen Morgenstunden heimkommst, mit verschmiertem Lippenstift im Spiegel betrachten, dazu eine Zigarette rauchen. Mitten in der Wohnung. Einfach so.

Alles zerstört mit meinem Egoismus

Ich hatte jetzt zwei Leben. Die Hälfte der Zeit als freie Frau, die tun und lassen kann, was ihr einfällt, schlafen, mit wem sie will. Und die andere Hälfte Mutter sein und kostbare Zeit mit den Kindern verbringen. Was kann eine Frau sich mehr wünschen? Eine Familie vielleicht. Freunde, ein intaktes soziales Umfeld. Normalität. Nach und nach sank die Realität in meinen magisch verzückten Freiheitsrausch ein. Meine Familie war kaputt-gegangen. Ich hatte alles zerstört mit meinem Egoismus.

Inzwischen waren Monate ins Land gezogen. Mir fehlte die Familie, die wir gewesen waren. Unsere einst gemeinsamen Freunde hielten alle zu ihm. Ich war immer die Zugezogene gewesen, er der von hier. Er erzählte ihnen seine Version der Trennung, und in diesem Stück spielte ich keine vorteilhafte Rolle. Manche signalisierten Neutralität, sagten, sie würden nicht urteilen. Aber ich schämte mich und räumte das Feld. Ich hielt mich an meine eigenen Freunde, die in anderen Städten wohnten. Aber im Alltag als Mutter war ich isoliert. Die Kinder fragten mich, warum ich keine Gäste mehr einlade, ich hatte immer gern Gäste gehabt. Ich konnte es ihnen nicht erklären.

Papa und Mama gehören zusammen

Dann kam Weihnachten, meine Geschwister kamen alle angetanzt mit ihren Frauen, Männern und Kindern. Sie mochten ihre Probleme haben wie alle Paare mit Kindern, aber sie waren eine Familie. Während ich nur eine Mutter mit zwei Kindern war. Wir sangen zusammen Weihnachtslieder, und ich fühlte mich, als hätte man mir einen Körperteil amputiert. Ich litt unter dem Phantomschmerz, der sich nicht vom echten Schmerz unterscheidet. Die Nichten und Neffen wollten wissen, wo der Papa ihrer Cousinen steckt. Wir sind nicht mehr zusammen, sagte ich, und sie sahen mich mit grossen Augen an, die Information war ihnen neu. Und sie machte ihnen Angst, denn Papa und Mama gehören zusammen.

Ich schützte Normalität vor in der Hoffnung, dass sich irgendwann Normalität wieder einstellen würde. Aber je mehr ich die Form zu wahren versuchte, desto mehr Druck baute sich auf. Versagensängste und Schuldgefühle, ein fundamentales, unwiderrufliches Gefühl des Scheiterns. Ich weinte oft in öffentlichen Verkehrsmitteln, meistens im Zug. Im Zug ist es leicht, sich dem Selbstmitleid hinzugeben. Wenn ich durch die Landschaft fuhr, zogen auch meine Gedanken an mir vorbei, meine Erfahrungen, in die der Schmerz sich eingegraben hatte wie Flussläufe in eine Landschaft.

Zusammengewachsene Herzen

Einmal war ich mit meiner Mutter unterwegs, und sie fragte, wie es mir so gehe mit der Trennung. Ich hatte ihr zuvor nichts erzählt, nur, dass er ausgezogen war, dass wir Probleme hätten und hofften, alles wieder auf die Reihe zu kriegen. Ich schämte mich, und ich wollte nicht zugeben, dass ich gescheitert war. Ich erzählte meiner Mutter von den zusammengewachsenen Herzen und dass es sich anfühle, als würde dieses Organ jetzt auseinandergerissen. Sie nahm mich in den Arm und tröstete mich.

Schliesslich wurde es Frühling. Wieder eine Feier im Kreis der Familie, Ostern diesmal, und wieder kam ich allein. Aber dieses Mal war es schon weniger schlimm. Die Wunde begann langsam zu heilen. Denn meine Familie war ja noch da, für mich und meine Kinder. Dafür war ich unendlich dankbar. Schwieriger war es, sich ein neues Umfeld aufzubauen. Kinder wollen nicht nur mit ihrer Mutter etwas unternehmen. Wenn ich mit ihnen allein blieb, waren sie angespannt und konkurrenzierten um meine Aufmerksamkeit.

Leben als Mutter und als Single

Kinder wollen Gemeinschaft, Freunde, Sippe, Betrieb. Sie wollen Erwachsene, die miteinander reden und kochen und einen Klangteppich aufbauen, sie wollen andere Kinder um sich haben, mit denen sie selber einen Klangteppich erzeugen. Bei einer Familie ist das gegeben. Jetzt musste ich es orchestrieren. Das war nicht einfach. Wenn ich etwa mit den Kindern in die Ferien wollte, war es anders als damals mit dem Vater, als Familie. Jetzt organisierte ich irgendwelche Freunde, mit oder ohne Kinder, die uns begleiteten. Oft klappte es nicht, sie sagten wieder ab, und wir standen zu dritt allein da. Mein Sozial-, mein Erwerbs- und mein Leben als Mutter und als Single zu synchronisieren, erwies sich als schwieriger, als ich gedacht hatte.

Doch trotz allem: So sehr ich trauerte um meine Liebe und meine Beziehung, so sehr ich glaubte, ich würde nie wieder jemanden so lieben können, wie ich ihn geliebt hatte, so sehr es mich schmerzte, die Familie zerbrechen zu sehen, so sehr ich mich schämte – ich genoss meine Freiheit, immer mehr sogar. Nur manchmal vermisste ich die Kinder. Denn so ist es: Je grösser und selbstständiger sie werden, desto kostbarer wird die Zeit, die man mit ihnen verbringen darf. Meine beiden Kinder waren sehr auf Ausgleich bedacht. Kam die Rede auf den Vater, betonten sie, sie hätten uns beide genau gleich gern. Aber manchmal fragte ich mich heimlich, ob sie ihn nicht vielleicht sogar noch lieber hatten.

Eifersucht

Zu den Schamgefühlen kam jetzt gelegentlich noch Eifersucht. Wahrscheinlich war er sogar der bessere Vater, als ich ihnen eine Mutter war. Doch ich wusste, dass solche Gedanken Gift sind und keinen Sinn machten, und versuchte tunlichst, mir nichts anmerken zu lassen. Es hatte vorher schon Männer gegeben. Aber als der Sommer vorbei war, traf ich einen, von dem ich nicht genug kriegen konnte, und er nicht von mir. Wir verbrachten mehr und mehr Zeit zusammen, es ging mir immer besser. Irgendwann stellte ich mir die Frage, ob und wann ich den Kindern etwas sagen sollte, und wenn ja, was.

Ich hatte zwar keinerlei Absicht, eine Familienkonstellation mit einem neuen Mann einzugehen – aber war es vielleicht trotzdem bereits eine … Beziehung? Sollte ich sie vor den Kindern offenlegen? Zunächst dachte ich Nein, weil ich sie nicht verunsichern wollte. Dann begannen sie mich zu fragen, wer dieser ganz bestimmte Mann sei, der immer wieder anrufe. Ich sagte: ein guter Freund. Mir gefällt mein Leben als Mutter, und mir gefällt mein Leben als Frau. Mir gefällt meine neue Beziehung. Aber ich will keine Patchworkfamilie.

Eine Trennung wird immer besser

Manchmal sehne ich mich noch nach der Familie, die ich verloren habe, aber die ist mit der Beziehung zum Vater in die Brüche gegangen. Das Hier und Jetzt ist ein neues, ein anderes Leben, und ich bin gespannt darauf, was es mir und meinen Kindern noch bringen wird. Diesen Vorteil immerhin hat eine Trennung gegenüber einer Beziehung. Beziehungen fangen irgendwann an zu bröckeln, aber eine Trennung wird immer besser, von Jahr zu Jahr.

Text: Kerstin Bleuler; Illustration: Pacco

Empfehlungen der Redaktion

Newsletter

Das Beste jede Woche in Ihrer Mailbox