Erziehung: Kummerbuben

Text: Franziska Schutzbach
Illustration: Edward McGowan

04. August 2010

Sie sind das neue schwache Geschlecht: Buben füllen die Klassenzimmer der Sonderschulen und werden kriminell, wenns grad nicht so gut läuft. Schuld daran sind angeblich die feminisierten Schulen. Falsch, sagt unsere Autorin, die Soziologin Franziska Schutzbach, und warnt vor einer rückwärtsgewandten Pädagogik.

Seit den Pisa-Studien – so etwas wie der 11. September der Bubendebatte – ist es amtlich: Buben schneiden in der Schule schlechter ab als Mädchen, vor allem in Basiskompetenzen wie Lesen und Schreiben. Buben machen seltener die Matur; in Kleinklassen, Sonderschulen und Förderprogrammen hingegen sind sie in der Mehrzahl. Auch ausserhalb der Schule häufen sich die Horrorszenarien: Buben seien anfälliger für Krankheiten, verletzten sich und andere öfter und litten viermal häufiger unter Hyperaktivität, Aufmerksamkeitsdefiziten, Stottern, Autismus, Bettnässen. Medien und Experten verkünden nicht weniger als eine allgemeine «Krise der kleinen Männer». Gefordert werden gezielte Bubenförderung, mehr Männer an Primarschulen und eine weniger «verweiblichte» Pädagogik.

Der Ruf nach männlichen Rollenvorbildern für Buben ist zwar richtig. Fatal ist allerdings, dass dabei oft stereotype Bilder von harten Cowboys, lässigen Fussballprofis oder gradlinigen Machern beschworen werden. So schreibt etwa der Jugendpsychologe Allan Guggenbühl in seinem viel zitierten Buch «Kleine Machos in der Krise», die feminisierten Schulen würden das Wesen der Buben konsequent missachten. Es sei an der Zeit, typisch männliche Eigenschaften wieder stärker zu fördern. Dazu gehöre, körperliche Auseinandersetzungen unter Einhaltung von Fairness zu akzeptieren. Prahlen müsse als Potenzial verstanden, die Grandiosität der Buben kreativ genutzt werden. Mit anderen Worten: Buben sollen wieder jagen, einsam durch Wälder streunen, in Schlachten ziehen. Die Frage ist: Hilft dieser Rückwärtssalto in klischierte Bubenbilder den Buben?

Schaut man sich die öffentlichen Diskussionen über Buben und ihre angeblich angeborenen Eigenschaften an, muss man sich fragen: Wie kommt es, dass die Arme-Buben-Debatte auf dem Jäger-und-Sammlerinnen-Stand von anno 1950 geführt wird? Und das, obwohl es auch in der Schweiz an jeder Ecke Gendertrainings, Fachtagungen und Weiterbildungen und, mit Organisationen wie dem «Netzwerk für schulische Bubenarbeit», fortschrittliche Angebote gibt, die sich der Thematik professionell angenommen haben, die aber in den polemischen Debatten so gut wie nie gehört oder zitiert werden?

Man versteht das leicht falsch: Es geht nicht darum, dass Buben etwas falsch machen oder die schlechteren Menschen wären. Das Problem sind nicht die Buben, sondern die Klischees, die sie erfüllen müssen, um als rechte Buben zu gelten. Und diese Klischees kollidieren mit den Anforderungen der Schule. Das hat aber nichts damit zu tun, dass die Pädagogik feminisiert ist und nur Mädchen fördert. Vielmehr leben wir zunehmend in einer Leistungsgesellschaft, die Flexibilität und Kooperation verlangt. Erwachsene Männer ahnen es allmählich: Nicht mehr der Lauteste, sondern der Eloquenteste ist gefragt, nicht mehr der Stärkste, sondern der Cleverste, nicht mehr der coolste, sondern der empathischste Chef holt langfristig das Beste aus seinen Mitarbeitenden heraus. Dass den Buben urzeitliche Klischees zugemutet werden, von denen sie sich hinterher mühsam wieder lösen müssen, ist nicht die Schuld von Feministinnen – die fordern ja schon seit ein paar Jahren, Buben- und Männerbilder zu überdenken. Schuld daran sind die gesellschaftlichen Vorstellungen: Die verändern sich zwar permanent und schnell – bloss dann nicht, wenn Buben mal was anderes machen sollen als Fussball spielen und stark sein.

Kommentar lesen (1)
Ist es nicht so, dass aller Soziobiologie zum Trotz immer wieder solche "feelfood" Theorien verfasst werden? Eigenverantwortung und vor allem soziale Kompetenz der Eltern ist gefragt. Wenn die Unterschiede im sozialen Bereich von zu Hause zur Schule zu gross sind, kann eine Lehrperson nichts ausrichten. Eine Gesellschaft reift durch Erfahrung.
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