Tante

Familie: Helene Aecherlis Rolle als Tante

Text: Helene Aecherli; Illustration: Pacco

Familie: Mein Rolle als Tante
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annabelle-Redaktorin Helene Aecherli und ihre vierjährige Nichte haben es faustdick hinter den Ohren: Mal leisten sie sich ein Shooting in einem Fotoautomaten, mal schliessen sie alle Türen mit ihren Füssen. Als die Kleine erfuhr, dass ihre Tante einen Text über ihre gemeinsamen Abenteuer geschrieben hat, war sie begeistert. «Dann komme ich wirklich in annabelle?», fragte sie. So ist es.

annabelle-Redaktorin Helene Aecherli über ihre liebste Rolle: die als Tante.

Meine vierjährige Nichte Emma und ich haben ein Ritual, das wir «Poulet massieren» nennen, und das geht so: Jedes Mal, wenn Emma mit ihrem Pingu-Übernachtungsköfferchen zu mir kommt, was mindestens einmal pro Woche der Fall ist, gehen wir ein Poulet kaufen, krempeln in der Küche die Ärmel hoch, binden uns Schürzen um, ich lege Soulmusik von Otis Clay auf. Emma schleppt den Schemel heran, wir salzen das Huhn und begiessen es mit Olivenöl, das Emma konzentriert einmassiert, wonach sie die öltriefenden Händchen weit von sich streckt. Ich schütte Gewürze über das Tier, Zimt, Ingwer, Kreuzkümmel, die auch einmassiert werden müssen, wobei sich Emma darüber beklagt, dass sie vom Kreuzkümmel gepiekst wird, und verlangt, die Hände zu waschen, was wir kichernd tun, um das Poulet dann mit einem Rrrrumms in den Ofen zu schieben. Es sind Momente des Übermuts und der Atemlosigkeit, Momente, in denen wir beseelt sind vom Gefühl, ein super Team zu sein, auf immer und ewig. Also dieses Gefühl habe zumindest ich, Tante Helene.

Ja, hiermit verkünde ich: Ich bin eine Tante. Ich lasse das Wort genüsslich auf der Zunge zergehen, als wäre es ein Champagnertruffe, und amüsiere mich köstlich, wenn mich die Leute dabei konsterniert anblicken. Tante bezeichnet nüchtern gesehen zwar bloss einen Verwandtschaftsgrad, doch wird der Begriff heute fast gänzlich mit der ältlichen, stets etwas muffig riechenden, vielleicht sogar etwas nervigen Bekannten assoziiert – s Tanti Röösi – deren Kinnhaare beim Begrüssungskuss kratzen. Immerhin, im Gegensatz zum Onkel, in dessen Subtext stets ein Hauch der sexuellen Bedrohung mitschwingt, gilt die Tante als harmlos. Harmlos natürlich auch in dem Sinn, als dass sie sexuell jenseits jeglicher Attraktivität ist, ziemlich verdorrt also. Tante ist nur dann positiv besetzt, wenn von der Tante Ju die Rede ist, dem dreimotorigen Flugzeug der Marke Junkers aus den Dreissigerjahren, das sich mit Sightseeingflügen ein Gnadenbrot verdienen darf.

Bedingungslos

Kein Wunder, verbieten es die meisten biologischen Tanten, die nach 1960 geboren worden sind, ihren Nichten und Neffen, sie Tante zu rufen. Die Frau von 2015 ist jugendlich, erfolgreich, sexuell im Dauersaft, da hat Tantiges keinen Platz. Und bevor Emma in mein Leben trat, erschien auch mir der Begriff als Rufmord. Heute aber ist er für mich eine Ehre. Denn auch wenn mich Emma Nanna nennt (wobei ich auf dem Doppel-n bestehe, da Nana auf Spanisch Grossmutter heisst), bin ich noch nie so stolz gewesen, habe ich mich noch nie so erkannt gefühlt wie in jenem Augenblick im Familienwagen der SBB, als sich Emma zwischen mich und ein paar Kinder drängte, die ich eben nach dem Namen gefragt hatte, die Kleinen empört anschaute und krähte: «Heeeeej, das ist meine Tante!» Als ich Emma zum ersten Mal sah, wurde mir schlagartig bewusst, dass das Leben für mich ein neues Kapitel aufgeschlagen hatte. Mich durchströmte eine Liebe, deren Bedingungslosigkeit mich ebenso tief berührte, wie sie mich erschreckte. Mir wurde klar, dass ich ab sofort auch Verantwortung tragen will für dieses Wesen. Dass ich mich allen humanistischen Prinzipien zum Trotz in eine reissende Bestie verwandeln werde, sollte ihm auch nur ein einziges Haar gekrümmt werden. Mehr noch, Emma würde alles von mir haben können, Herz, Niere, Augapfel, was auch immer. Kurz, ich wäre bereit, mein Leben für sie hinzugeben. «Du bist jetzt nicht mehr Single», sagte meine Schwester augenzwinkernd, «du bist jetzt Tante!» Wie wahr.

Dieses Gefühl hat sich nicht abgeschwächt, im Gegenteil. «Du wirst es geniessen, Emma zu hüten, aber gottenfroh sein, wenn du sie wieder abgeben kannst», haben mir Freunde mit Babysitting-Erfahrung prophezeit. Doch ich bin nie froh, Emma nach unseren gemeinsamen Stunden oder Tagen wieder abzugeben, selbst wenn diese Zeit von Gebrüll oder nicht enden wollendem Herumturnen geprägt gewesen ist. Ich empfinde stets eine leise Melancholie, wenn ich mich von Emma verabschiede, und zähle, ähnlich einer Frischverliebten, die Tage, bis ich sie wieder sehe.

Manche in meinem Umfeld finden dies eher ungewöhnlich, was mich dazu hinreisst, über Fragen zu brüten wie: Falle ich als leidenschaftliche Tante tatsächlich aus dem Rahmen? Kann es sein, dass Emma in meinem Leben eine solch zentrale Rolle einnimmt, weil ich selber keine Kinder habe? Ich hätte sehr gern welche gehabt, doch ich habe zu lange gewartet, und dann war es zu spät. Ist meine Beziehung zu Emma aber auch deshalb so innig, weil sie es sein darf? Weil meine Schwester und ich uns nahestehen, und sie, wie auch mein Schwager, meine Tantenrolle zulassen, auch dankbar darüber, dass ich einen Teil der Kinderbetreuung übernehme, dies aber nicht als selbstverständlich erachten? Oder ist mein Engagement für Emma biologisch bedingt, motiviert vom Drang, die Zukunft meiner Gene zu sichern? Die meisten Aktivitäten eines menschlichen und tierischen Organismus sind schliesslich darauf ausgerichtet, sich fortzupflanzen. Sonst gäbe es keine Evolution. Robert Zingg, Senior Kurator des Zoo Zürich, spricht in diesem Zusammenhang von «genetischer Fitness», die Art und Weise, wie Gene weiterbefördert werden. Dafür reproduziert man sich oder unterstützt die Träger der eigenen Gene; Letzteres ist dann quasi Tantensache. Im Tierreich spielen solche Tantenfunktionen bei Löwen, Schakalen, Eisvögeln und Wölfen eine Rolle, vor allem aber bei Elefanten. Gut beobachten lässt sich dieser Instinkt an der zoo-eigenen Elefantentante Druk, mit 47 ein Jahr jünger als ich und ebenso ohne Nachwuchs. Obwohl das Familiengefüge bei den Zooelefanten ein künstliches ist, hält Druk dem Elefantenbaby Omysha bereitwillig die Zitzen hin. Und als Omysha die Treppe zum Trockengraben hinunterfiel, eilte auch sie zu Hilfe. Erst recht Sinn macht der Tanteneinsatz in der freien Wildbahn. «Wenn ein weibliches Tier das Junge seiner Schwester unterstützt», erklärt Zingg, «fördert es so die Weitergabe seiner eigenen Gene.»

Nun, auch wenn zwischen mir und der Elefantentante durchaus Ähnlichkeiten bestehen und die genetische Motivation nicht völlig von der Hand zu weisen ist, sehe ich meine Beziehung zu Emma nicht als Resultat evolutionsbiologischer Triebe. Vielleicht ist es sogar müssig, sich überhaupt zu fragen, warum man seine Nichte liebt. Denn warum sollte eine Tante nicht in ihre Nichte vernarrt sein und sich darüber freuen, wenn die Kleine zu einem festen Teil ihres Lebens wird? Seit ein jemenitischer Freund mir erzählte, dass die Tante, die mit seiner Familie zusammenlebte, stets wie eine zweite Mutter für ihn war und sie ihn noch heute als ihren Sohn bezeichnet, fühle ich mich bestätigt. Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zum Schluss, dass stolz gelebtes Tantentum vielleicht deshalb ungewöhnlich wirkt, weil Tanten im gesellschaftlichen Mainstreamdiskurs off Radar sind. Denn im Zentrum der Aufmerksamkeit steht die Kleinfamilie, zudem gilt die Mutterschaft noch immer als Königsetappe eines Frauenlebens, analog dazu sind damit verbundene gesellschaftspolitische und wissenschaftliche Debatten auf Mütter ausgerichtet. Tanten hingegen werden weder von den sonst so findigen Marketingstrategen umgarnt, noch ist ihr Wirken Thema in Zeitschriften, Blogs oder Ratgeberliteratur. Unbegreiflich eigentlich angesichts der steigenden Anzahl Frauen, die zwar keine eigenen Kinder haben, deshalb aber nicht zwingend ohne Kinder leben. Die Tantenexistenz, so scheint es, spielt sich im Stillen ab.

Tanten, ein ernstzunehmender Wirtschaftsfaktor

Immerhin, im englischen Sprachraum haben sich Stimmen geregt, die diese Stille durchbrechen: 2008 lancierte die US-Autorin, Unternehmerin und mehrfache Tante Melanie Notkin die Plattform SavvyAuntie.com, cleveres Tantchen. Ziel ist, die Millionen Amerikanerinnen ohne eigene Kinder aus ihrer Schattenexistenz hervorzuholen und dem stereotypen Bild der gewollt oder ungewollt kinderlosen Frau einen neuen Anstrich zu geben: «Eine Frau ohne Kinder wird entweder bemitleidet, als karrierebesessen oder als champagnertrinkende Dauerpartygängerin betrachtet, was natürlich der Realität dieser Frauen nicht entspricht», erklärt sie. Mehr noch, ein Grossteil der kinderlosen Frauen arbeitet Vollzeit, ist bestens vernetzt, vielseitig interessiert und äusserst spendabel. Gemäss einer Studie unterstützen gut 34 Prozent der Tanten Amerikas die Ausbildung ihrer Nichten und Neffen finanziell und zeigen sich gegenüber den Kleinen auch sonst ziemlich freigiebig: Melanie Notkin schätzt den Umsatz der Tanten auf jährlich neun Milliarden Dollar, sie sind also ein ernstzunehmender Wirtschaftsfaktor. Und mit dem Bewusstsein ihrer Kaufkraft wird wohl das Selbstverständnis der Tanten wachsen. Notkin hofft, dass bald auch Marketingstrategen auf ihr Potenzial aufmerksam werden. Ihr eigens für die cleveren Tanten kreiertes Akronym PANK (Professional Aunt, No Kids) gewinnt auf jeden Fall an Momentum, ihr Ratgeber «Savvy Auntie. The Ultimate Guide for Cool Aunts, Great-Aunts, Godmothers, and All Women Who Love Kids», ist ein Bestseller, und klar gibt es auch einen Tantentag: der letzte Sonntag im Juli.

Wirklich herzerwärmend sind die Einsichten, die der britische Autor Rupert Christiansen in seinem «Complete Book of Aunts» vermittelt, eine liebevolle Auffächerung der Historie der Tantenexistenzen. Haben Sie gewusst, dass Beatles-Legende John Lennon bei seiner Tante Mimi aufgewachsen ist, Modeschöpferin Coco Chanel kraft ihrer beiden Tanten nähen lernte und sowohl Jane Austen wie auch Virginia Woolf, Aunt Ginny genannt, stolze Tanten waren? Eben. Daneben figurieren auch die Heroic Aunts, meist unverheiratete, kinderlose und beruflich leidenschaftliche Frauen, die gerade aufgrund ihres Lebens jenseits gesellschaftlicher Konventionen für ihre Nichten und Neffen zu inspirierenden Bezugspersonen wurden. Dies zu lesen, hat mich als Tante regelrecht beflügelt.

Durch dick und dünn

Denn ja, das ist es: Ich bin eine Mischung aus PANK, obwohl ich das Professional mit Passionate ersetzen würde, und Helden-Tante. Ich erzähle Emma, was mich bewegt und woran ich arbeite, und bringe ihr stets etwas von meinen Reisen mit. Inzwischen weiss sie, wo sich Afghanistan, Schweden und Oman auf dem Atlas befinden, und weiss, dass es im Jemen einen Palast gibt, der auf einem einzelnen Felsen gebaut ist. Wir picknicken auf meinem Wohnzimmerteppich oder bauen Raumstationen aus Lego. Und seit Emma stehen kann, nutzt sie mich als Sicherheits-Back-up für die Bewältigung physischer Herausforderungen. Will sie einen Waldhang hinaufkraxeln oder auf einem Zaun balancieren, heisst es: «Komm Nanna, das ist nur etwas für uns.» Emma liess mir die Ehre zuteil werden, ihr die ersten Ballettschritte beizubringen, sie aufzufangen, als sie sich zum ersten Mal auf Ski einen Hügel hinunterwagte, und gebot mir, bei ihrer Premiere auf der Drachenrutschbahn in ihrem Lieblingsspielwarengeschäft mitzufahren: Ich zwängte mich also unter den indignierten Blicken der Verkäuferinnen hinter Emma in den Drachenschlund, sagte: «Ready, Babe?» Sie nickte. Dann sausten wir los.

Emma hat mir aber auch schnell zu verstehen gegeben, dass sie mich nicht nur als Tante fürs Gefährliche sieht, sondern auch als so etwas wie ihren emotionalen Sparringpartner. Das hat sich vor kurzem in aller Deutlichkeit manifestiert, als sie zum ersten Mal einen Kaugummi hinunterschluckte und vor Entsetzen erstarrte, weil sie wusste, dass man Kaugummi nur kauen sollte, sonst hiessen sie ja Schluckgummi. «Das sagen wir Mami und Papi aber nie nie, gell Nanna?», piepste sie, und ich versprach ihr, dass dies unser Ta-Ni (Tante-Nichte)-Geheimnis bleiben würde, für immer und ewig. Und dann kuschelten wir uns aufs Sofa, assen eine Glace und filetierten das Unbill so lange, bis wir es sogar irgendwie lustig fanden. Und immer wenn ich gerade dran bin zu glauben, dass ich alles richtig mache, geschieht mir ein Missgeschick, ich wische ihr zum Beispiel im falschen Moment die Glacespuren um den Mund ab, was Emma furchtbar entrüstet. Dann stemmt sie ihre Hände in die Hüften, runzelt die Stirn, wie wohl nur Vierjährige die Stirn runzeln können, und sagt: «Aber Nanna! Du machst einfach immer alles falsch!»

Kurz gesagt

Pacco arbeitet als Comiczeichner und Illustrator für die Werbung und für Printmedien. Für uns hat er «Ich, die Tante» illustriert (Seite 56). Er lebt mit Frau, Tochter und Stieftochter im Südwesten von Frankreich, wo er seine Tage mit Zeichnen, Schreiben, Gitarrespielen und Wellenreiten verbringt. Seine wahre Ambition verrät er in seinem CV: «Zeichnet und liebt es. Hat immer davon geträumt, den kürzesten Lebenslauf der Welt zu haben … und hat es fast geschafft.»

Pacco.fr

Helene Aecherli

Die Redaktorin will Menschen sicht- und hörbar machen, deren Stimme kaum wahrgenommen wird. Sie ist getrieben von einer fast pathologischen Neugier. Ihre bevorzugten Themen: Naher Osten, Gender, Medizin und Sexualität.

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