Kinderlose Frauen und Mütter: Der Nuggi-Graben

Interview: Julia Hofer
Illustration: Silke Werzinger

22. Juni 2010

Kinderlose Frauen und Mütter werfen sich gegenseitig Arroganz und fehlende Toleranz vor. Familiensoziologe François Höpflinger sagt warum.

François Höpflinger, Sie haben den Graben zwischen Eltern und Kinderlosen bereits 2007 prophezeit. Was hat Sie damals zu dieser Annahme bewogen?

Die Zahl kinderloser Frauen hatte zugenommen, und es war abzusehen, dass Haushalte mit Kindern zu einer demografischen Minderheit werden. Zudem sahen wir, dass sich die Menschen stärker denn je mit ihrer aktuellen Lebensphase wie Elternschaft oder jugendorientiertem Erwachsenenalter identifizieren und dementsprechend auch ihren Lebensstil anpassen.

Das heisst?
Späte Eltern – und das sind heute viele – ändern ihren Lebensstil viel bewusster und radikaler als jüngere. Jüngere Eltern sind weniger bereit, ihren Lebensstil aufzugeben, auf Reisen oder Ausgang zu verzichten. Da nun ältere Menschen ohne Kinder eher den jugendorientierten Lebensstil fortsetzen, kann dies zu Spannungen zwischen späten Eltern und
älteren Kinderlosen führen. Es prallen unterschiedliche Welten aufeinander.

Warum aber reagieren kinderlose Frauen gereizt auf Mütter?

Jüngere kinderlose Frauen haben kein Problem mit Müttern, weil für sie die Mutterschaft meistens noch eine Option ist und sie in den Müttern sozusagen ihre eigene Zukunft sehen.
Wenn diese Frauen dann gegen die vierzig gehen und realisieren, dass der Zug abgefahren ist, kann dies zu Aggressionen führen gegenüber denen, die im Zug sitzen. In unserer postmodernen Gesellschaft hält man sich gern alle Optionen offen.

Und was haben Mütter gegen kinderlose Frauen?
Zu sehen, dass andere nach wie vor Zeit für sich selbst haben, kann Neid hervorrufen. Gleichzeitig bringen Mütter oft zum Ausdruck, dass kinderlose Frauen für sie nicht so interessant sind, weil diese ein Leben führen, mit dem sie abgeschlossen haben.

Sind Mütter selbstbewusster geworden?
Ja, sie haben weniger Kinder und wollen die Phase, in der die Kinder klein sind, bewusst erleben. Viele bleiben die ersten Jahre zu Hause oder definieren die Mutterschaft als Teilzeit-Lebensrolle.

Kommentar lesen (1)
Besten Dank für interessantes Interview zum Thema „Kinderlose Frauen und Mütter: Der Nuggi-Graben“. Den unter anderem im „Mamablog“ auf www.tagesanzeiger.ch erschienenen provokativen Artikel von Bettina Weber unter dem Titel „Die Arroganz der Mütter“ sowie die zum Teil sehr kinder- und familienfeindlichen Kommentare einiger Leser und leider auch Leserinnen habe ich als zweifache Mutter mit grossem Befremden und Kopfschütteln gelesen. Ich verstehe diese Diskussion „Mütter gegen Kinderlose“ überhaupt nicht! Es soll doch jede/jeder das Leben leben dürfen, was ihm/ihr am besten behagt – und fertig. Wo liegt das Problem? Ich habe einfach grosse Mühe, wenn pauschalisiert und alle und jeder in ein und denselben Topf geworfen werden. So wie es bei den Müttern arrogante Menschen gibt so gibt es sie bei den Kinderlosen. Ja, ich bin Mami zweier Kleinkinder im Alter von 3 und 1,5 Jahren und stolz, glücklich und dankbar. Ja, ich stehe zu diesen Gefühlen, zeige sie und rede auch gerne darüber. Mich und andere Mütter deswegen als arrogant zu bezeichnen ist eine Frechheit – und arrogant! Die Kinder gehören nun mal zu meinem Alltag, zu meinem Leben – ja sie bestimmen es und bilden den eigentlichen Mittelpunkt! Das ist nun einmal so und wird noch lange so bleiben. Was bitte soll daran nun so schlecht sein?! Die Kinder lassen sich nun mal nicht einfach so wegzappen, nur weil sie jemandem nicht in den Kram passen. Zum Glück ist mein Umfeld, bestehend aus Kinderlosen und Eltern, sehr kinderfreundlich. Zusammen mit den Kindern bin ich gerne gesehen. Meine Freunde, Bekannten und Kollegen interessieren und fragen gerne nach dem Nachwuchs. Dementsprechend darf ich ohne Hemmungen über die Kleinen und die damit verbundenen Freuden und Sorgen sprechen. Und so wie mir zugehört wird, so interessiere ich mich andererseits für die Belange und die Nöten der Kinderlosen, wenn sie mir ihre Probleme mit dem Job, Stress mit dem Chef etc. erzählen. Es ist mir wichtig, auch die Kontakte zu Kinderlosen aufrecht zu erhalten. Schliesslich waren ihre Sorgen einst auch meine. Es ist zwar nicht mehr möglich sich so spontan und regelmässig zu treffen. Hauptsache ist doch, dass man dafür Verständnis hat, sich noch sieht und die Kontakte nicht abbrechen lässt! Man muss halt ein wenig flexibel sein ;-) Natürlich diskutiere ich mit Kinderlosen nicht zwingend dieselben Probleme wie mit Gleichgesinnten und Betroffenen. Ob mein Ältester nun zweimal am Tag aufs Töpfchen geht interessiert so wenig wie ob die Jüngste durchgeschlafen hat oder nicht ;-). Dies alles ist eine Frage des gesunden Menschenverstandes, nicht mehr und nicht weniger… Zudem bombardiere ich meine Gegenüber nicht bei der erstbesten Gelegenheit ungefragt mit den neusten Schnappschüssen der Jungmannschaft und halte meinen Freunden das Fotoalbum unter die Nase ;-). Obwohl die Kids mein Leben bestimmen, sind sie nicht das einzige. Auch ich geniesse mal einen Abend ohne Kids, freue mich jede Woche auf den einen Arbeitstag. Auch mir tuts gut, ab und zu über anderes zu sprechen als Windel, Schoppen, Kinderkrankheiten etc. Als vielseitig Interessierte kommen bei mir auch Themen zu Politik, Sport etc. nicht zu kurz. In einem Punkt pflichte ich Frau Weber jedoch bei. Nichts ist, vor allem für Kinderlose mit unerfülltem Kinderwunsch, schmerzlicher als die nervige Fragerei nach dem „wann und obs denn jetzt endlich soweit sei“. Mir käme es jedenfalls nicht in den Sinn, auch gute Freundinnen, mit diesen Fragen zu belästigen. Schliesslich weiss man ja selten wieso es nicht klappt mit dem Nachwuchs. Ich spreche da auch aus eigener Erfahrung, gehöre ich doch mit knapp 35 beim ersten und gut 36 beim zweiten Kind eher zu den Spätgebärenden. Auch mir gingen diese Fragen mit der Zeit auf den „Wecker“. Es gelang mir jedoch, darüber zu stehen und mir ein dickes Fell zuzulegen. So gab ich meistens nur trocken zur Antwort: „Ihr erfahrt es schon noch, wenn so weit sein sollte“. Mit dieser Taktik hatte ich mehr oder weniger Erfolg. So ist mein Motto dann auch: Leben und leben lassen – mehr Mit- und Füreinander statt Gegeneinander! Mit ein wenig mehr Toleranz, ein bisschen mehr Rücksicht, etwas mehr Respekt, einer Handvoll mehr gesundem Menschenverstand, einer Prise mehr Gelassenheit und einer Portion mehr Lockerheit auf Seiten der Eltern UND der Kinderlosen – und das Leben mit und ohne Kinder kann friedlich, spannend und erfüllend sein :-)
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