Lebenslang hinter Gittern
Sie ist 1.54 Meter klein, 44 Kilo leicht, sie hat Porzellanhaut und Sommersprossen. Ihr Händedruck sagt «Mich gibt es nicht», und immer wieder bricht sie in Tränen aus. Seit fünf Jahren lebt Courtney Schulhoff hinter Mauern und Stacheldrahtzaun. Sie ist 21. Und alles spricht dafür, dass sie das Gefängnis im Sarg verlassen wird. Als alte, als ungelebte Frau mit einer Geschichte, wie sie wohl nur in den USA möglich ist.
An einem Abend im Februar 2004, sie ist gerade 16 geworden, wartet Courtney Schulhoff mit ihrem Hund vor einem Haus in Altamonte Springs, Florida, während drinnen ihr 20-jähriger Freund ihren schlafenden Vater mit dem Baseballschläger erschlägt. Das junge Paar glaubt, damit ein Problem aus der Welt zu schaffen. Ein Problem, das begann, als Courtneys Familie zerbrach.
Ihre Eltern sind Mormonen, die von ihren Kindern die Einhaltung von Regeln verlangen - kein Kaffee, kein Alkohol, kein Sex ohne Trauschein -, gegen die sie selbst ständig verstossen. Courtney, der Teenager, reagiert auf die Verlogenheit mit Depressionen und Auflehnung, sie raucht, trinkt, zieht sich schwarz an, erzählt vom Sex mit ihrem Freund. «Meine Mutter steckte mich in eine Umerziehungsschule. Sie wollte nicht, dass ich mit einem Null-Bock-Gesicht in die Kirche gehe.» Ihr tiefgläubiger Stiefbruder bricht mir ihr, weil sie ihre Jungfräulichkeit vor der Ehe verschenkt hat.
Dann die Affäre der Mutter, die für den anderen Mann die Familie verlässt. Courtney leidet mit ihrem Vater, er ist jetzt ihr letzter Verbündeter in der Familie. Aber der macht plötzlich «Dinge, die ein Vater bei seiner Tochter normalerweise nicht macht». Zwei Mal. «Ich habe mich so geekelt. Wenn er nach Hause kam, bin ich gegangen. Ich konnte seine Gegenwart nicht mehr ertragen.» Der Vater trinkt, bringt eine Frau nach Hause, die Courtney nicht mag, es gibt nur noch Streit, sie klaut ihm Cheques, um Kleider zu kaufen, er zeigt sie an, ein paar Tage sitzt sie dafür im Gefängnis, einmal brennen sie und ihr Freund mit dem Auto des Vaters durch. Irgendwann glauben sie, es wäre besser, er wäre tot.
In Ocala, Florida, im Besucherraum des Lowell-Frauengefängnisses, sitzt Courtney Schulhoff, Insassennummer 154495, verurteilt wie ihr Ex-Freund zu «Lebenslänglich ohne Möglichkeit der vorzeitigen Entlassung», taubenblaue Gefängnisuniform, Pagenschnitt, Tränen in den Augen. «Vor ein paar Tagen habe ich ein Gedicht geschrieben, wie sehr ich meinen Dad vermisse, es kam einfach so aus mir heraus.» Sie stockt, schluchzt, schluckt, sagt mit dünnem Stimmchen: «Ich vermisse alles, meinen Dad, eine Familie zu haben, geliebt zu werden. Es tut alles so weh, es ist ein furchtbares Auf und Ab an Wut, Angst und Selbsthass. Ich habe keine Ahnung, wie ich das durchstehen soll. Das hier ist kein Leben.» Sie lehnt ihren Kopf an die Brust ihrer Freundin Alicia (25), auch sie sitzt lebenslänglich ein. «Wir werden hier drin sterben», sagt Alicia kühl.
In den USA ist alles grösser als sonst wo: die Autos, die Schoggiriegel, die Popcornbecher im Kino, die Gewalt, ihre Verherrlichung, die Angst vor ihr, die Erbarmungslosigkeit der Gesetze und Gerichte, um der Gewalt Herr zu werden.
Die US-Strafjustiz hat etwas Monströses. Kein Land sperrt seine Bürger in so grosser Zahl und für so lange weg wie die USA, die zwar nur fünf Prozent der Weltbevölkerung stellen, aber fast ein Viertel der weltweit Inhaftierten - 2.3 Millionen Menschen leben in US-Gefängnissen. Auf 100 000 Einwohner kommen in den USA 751 Häftlinge - in England 151, in Deutschland 88, in der Schweiz 76. Nach einer Untersuchung der «New York Times» wächst die Gruppe der zu Lebenslänglich Verurteilten besonders schnell, es dürften heute weit mehr als 130 000 Menschen sein; darunter sind etwa 10 000, die ihre Taten als Kinder oder Jugendliche begangen haben. Bei fast 2500 der minderjährigen Täter trägt das Lebenslänglich-Urteil den Zusatz «without parole» - damit wird ihnen ausdrücklich die Chance verwehrt, selbst nach jahrzehntelanger Haft und bester Führung vorzeitig auf Bewährung entlassen zu werden. Weil Begnadigungen extrem selten sind, bedeutet das Urteil de facto, dass die Verurteilten im Gefängnis sterben werden. Als die Uno Ende 2006 eine Resolution gegen diese Art der Bestrafung Minderjähriger verabschiedete, stimmten 176 Länder dafür und eines dagegen - die USA.
Die Gerichte verurteilen Kinder und Jugendliche, als wären sie Erwachsene. Damit sind sie laut Gesetz alt genug, um lebenslang hinter Gitter gesperrt zu werden, aber gleichzeitig zu jung, um Zigaretten und Bier kaufen zu dürfen, zu wählen, ein Konto ohne Unterschrift der Eltern zu eröffnen, zu jung, um rechtskräftige Verträge abzuschliessen.
Die Opfer im Land der Masslosigkeit sind Menschen wie Kenneth Young, heute 23, der als 15-Jähriger mit einem 30-jährigen Drogendealer vier Raubüberfälle in Motels in Florida begeht, um die Schulden seiner drogensüchtigen Mutter bei diesem Dealer zu begleichen. Bei den Überfällen greift Kenneth in die Kasse, während der Komplize die Überfallenen mit einer Waffe in Schach hält; es fällt kein Schuss, niemand wird verletzt, aber der Minderjährige erhält viermal Life without Parole. Lebenslänglich auch für Sara Kruzan (28) in Kalifornien, die mit 16 ihren Zuhälter tötet, für den sie drei Jahre lang anschaffen musste und der sie missbraucht hatte, seit sie 11 war. Oder Dietrick Mitchell in Colorado, heute 34: Mit 16 fährt der Schwarze in angetrunkenem Zustand nachts einen weissen, ihm unbekannten Jugendlichen zu Tode, die Staatsanwaltschaft konstruiert daraus einen Mord im Bandenmilieu. Oder Tim Kane in Florida, der als pausbäckiger 14-Jähriger als Mutprobe mit einem 17- und einem 19-Jährigen in ein scheinbar leer stehendes Haus einbricht. Doch die Eigentümer sind daheim, und während die zwei Älteren eine alte Frau und ihren Sohn massakrieren, sitzt Tim Kane zitternd und weinend unterm Wohnzimmertisch, paralysiert von dem, was er sieht; mit seinen 31 Jahren lebt er nun schon länger in Gefangenschaft als in Freiheit, 17 Jahre.
Auf einer Betonbank im Garten des Frauengefängnisses Lowell in Ocala, Florida, sitzt Rebecca Falcon (27), geboren an Heiligabend, und singt mit fester Stimme. Sie hat langes wallendes Haar, volle Lippen, ist von kräftiger Statur. In ihrem Lied wäscht ein Sünder mit seinen Tränen die Füsse Jesu, es handelt von Angst und Schmerz, von einem «alten Leben», in dem es «Gefangene der Sünde» gab, aber am Ende stehen Liebe und Erlösung. In wenigen Wochen wird Rebecca Falcon dieses Lied in der Gefängniskapelle vor mehr als hundert Gefangenen singen. Das Lied ist nur ein kleiner Teil im mehrstündigen Theaterstück, das sie selbst geschrieben hat und das den Titel «A Real Life Story about a Girl Named Lovely» trägt. Es erzählt Rebecca Falcons Geschichte.
Ihre Mutter und Grossmutter kommen darin vor, ihr Stiefvater, Freunde, die Stimme des Richters, als er die Strafe verkündet, «Life without parole», Tod im Gefängnis, aber auch Dämonen und Engel, und einmal steht Rebecca Falcon am Altar, als der Teufel zu Jesus sagt: «Du kannst sie nicht haben, denn sie ist ein schlechter Mensch», aber Jesus widerspricht, «ja, sie war schlecht, aber ich habe sie erneuert.» Rebecca Falcon ist nun in ihrem zehnten Jahr hinter Gittern, sie sagt: «Die ersten fünf Jahre war ich ständig am Ausrasten, ich war aggressiv, liess keinen Streit aus.» Sie sass wochenlang in Einzelhaft, 23 Stunden am Tag in einer Zelle so gross wie eine Toilette, weil sie Gefängniswärterinnen beschimpft, geschrien, vor Wut auf den Boden gespuckt hatte. Sie streckt ihren rechten Unterarm vor: «Ich habe mich auch selbst verletzt, mit Rasierklingen, Nägeln, Scheren, den eigenen Fingernägeln.» Sie lächelt. «Ich habe eine gute Haut - meine Narben verschwinden allmählich. Ich verletze mich auch nicht mehr, seit ich vor drei Jahren gerettet wurde.»
In ihrer ausweglosen Situation hat Rebecca Falcon zum Glauben gefunden, und vielleicht bleibt einem nicht viel anderes übrig, wenn man als junger Mensch ein Lebenslänglich aushalten soll: die gefrorenen Tunfischstückchen im Essen, lebenslang; den ekligen Geschmack der Teller, die oft nicht mit Seife abgewaschen werden; das Gewecktwerden um 5.30 Uhr, für den Rest des Lebens; dass man nie mehr allein duschen kann, nie mehr länger zu Mittag essen darf als zwanzig Minuten; das täglich fünfmal stattfindende Abzählen der Inhaftierten, und wenn man beim letzten Master Count abends um 22.30 Uhr schon schläft, wird man geweckt und muss sich wieder im Bett aufrichten; die vielen sinnlosen Regeln, die vorgeben, wie man die Socken zu tragen hat und welche Farben für Lidschatten und Lidstrich erlaubt sind.
Rebecca Falcon arbeitet als Hilfskraft in der Gefängnisgemeinde, sie verrichtet Büroarbeit, organisiert Bibelstunden und Gottesdienste. «Gott hat mich in ein produktives Umfeld gebracht, ich bin den ganzen Tag beschäftigt», sagt sie. Ihre vier besten Freundinnen, «my Christian sisters», sind ihre Familie, die älteste von ihnen ist 62, «wir nennen sie Mummy, und Jesus ist unser Daddy». Die Mitarbeit in der Gefängnisgemeinde hat ihr geholfen, eine Doppelzelle zu bekommen, wo sie immerhin eigenes Licht am Bett hat und eine gewisse Privatsphäre, anders als in einem der Schlafsäle mit 100, 150 anderen Frauen, die nachts in ihren Etagenbetten weinen, schnarchen, reden, streiten, alpträumen, die sich das T-Shirt zum Schlafen übers Gesicht legen gegen das nie völlig gelöschte Licht. Die Zugehörigkeit zur christlichen Ersatzfamilie hilft Rebecca Falcon halbwegs zu ertragen, dass sie kaum noch Kontakt zu ihrer Mutter und ihren drei jüngeren Brüdern hat. «Ich vermisse sie, seit ich 15 bin. In den letzten zwei Jahren habe ich meine Mutter drei Stunden gesehen, sie wohnt zu weit weg und kann sich die Fahrt kaum leisten.» Und vielleicht zieht sie aus ihrem Glauben sogar einen Sinn dafür, dass sie niemals mehr einen Menschen umarmen oder küssen darf, allenfalls Besucher zur Begrüssung und zum Abschied, und dass sie ihre Sexualität wegdrücken muss für den Rest ihrer Zeit.
Ganz sicher aber gibt ihr der Glaube Hoffnung. Es ist die Hoffnung auf einen Lottogewinn. «Wenn es Gottes Plan ist, dass ich hier bis zum Ende bleibe, kann ich es nicht ändern. Aber Gott vollbringt Wunder. Jeden Morgen wache ich mit dem Gedanken auf, dass ich ausgerufen werde: «Rebecca Falcon, packen Sie Ihre Sachen, Ihre Daten sind auf unerklärliche Weise aus dem Computer verschwunden, Sie können heimgehen.» Davon träume ich sogar. Ich glaube daran, dass Gott mir eine zweite Chance gibt.»
Ihre erste Chance jenseits der Mauern als «Girl named Lovely» war keine echte Chance. Es fing schon damit an, dass keiner sie für lovely hielt, weil sie pummelig war und dicke Brillengläser trug. Im Alter von 6 Jahren fummelt der Verlobte ihrer Mutter, der später ihr Stiefvater werden wird, an ihr herum, und als sie es Mutter und Grossmutter erzählt, glauben sie es nicht. Mit 12 hat sie zum ersten Mal Sex mit einem Jungen, mit 13 wird sie von einem Schulfreund und dessen vier Kollegen vergewaltigt, mit 14 gerät sie an einen Freund, der ihr vor anderen ins Gesicht schlägt, sie eine Schlampe und Hure nennt, der sie zum Sex zwingt, wann immer er will. «Ich habe mich nicht getraut, Nein zu sagen. Ich dachte, ich würde ihn lieben, hätte nichts Besseres verdient», erzählt sie. Schon damals schneidet sie sich die Unterarme auf, beginnt zu trinken wie ihre Mutter und schluckt deren Schmerztabletten; mit 15 macht sie einen Selbstmordversuch. Der Mutter und dem Stiefvater fällt nichts anderes ein, als sie zur Grossmutter zu schicken, nach Florida, weit weg von Kansas, wo alles besser werden soll.
Es wird nur schlimmer. Wieder gerät sie in eine Clique von älteren Jungs. «Ich wollte nicht mehr verletzt werden, deshalb habe ich mich hart und härter gemacht. Ich trank, hörte den härtesten Rap, und wir gingen verbal extrem grob miteinander um.» In einer Novembernacht 1997 sitzt die 15-jährige Rebecca Falcon mit einem 18-Jährigen in einem Taxi, sie ist stark angetrunken, er hat eine Pistole mitgebracht, und weil keiner uncool sein oder gar Angst zeigen will, ziehen sie ihre spontane Idee durch, den Taxifahrer auszurauben. Der Mann stirbt durch eine Kugel. Wer sie abgefeuert hat, wird vor Gericht nicht geklärt, beide Teenager erhalten Life without Parole. Die Witwe des Taxifahrers, mit der Rebecca Falcon in Kontakt steht, findet heute, dass die Strafe «zu hart» für ein 15-jähriges Mädchen gewesen sei.
Auraria Campus in Denver, Colorado. Im St. Cajetan's Center, einer ehemaligen Kirche, findet eine Podiumsdiskussion statt, Thema «When Kids get Life» - Wenn Kinder zu Lebenslänglich verurteilt werden. Eine Richterin sitzt auf der Bühne, ein früherer Polizeichef, ein Rechtsprofessor, ein Mann, der als 17-Jähriger seine Mutter erschoss und nach 17 Jahren wieder freikam. Ganz rechts sitzt Carol Johann, eine magere, drahtige Frau von 69 Jahren, ihr Gesicht ist faltig, ihre Stimme rau und tief wie die eines Mannes. Sie wirkt etwas unsicher dort oben, ergreift nur einmal das Wort, um die Geschichte ihrer Tochter Cheryl zu erzählen. Vor Veranstaltungsbeginn hat sie am Eingang des Saals eine kleine Stellwand aufgebaut, sie sieht aus wie die vergrösserte Seite aus einem Familienalbum: Cheryl als Kleinkind, Cheryl beim Spielen mit ihren Brüdern, Cheryl beim Backen, Cheryl bei der College-Abschlussfeier im Gefängnis. Daneben stehen Sätze wie: «Cheryl wuchs in einer Familie voller Liebe und guter Werte auf.»
«Bis ich 14 war, war alles gut», erzählt die Tochter im Besuchsraum des Gefängnisses in Canon City, Colorado. Cheryl Armstrong ist 30 und wirkt so drahtig und energiegeladen wie ihre Mutter. «Aber als wir von einem kleinen Dorf in die Grossstadt Denver zogen, bin ich meiner Mutter und meinem Stiefvater entglitten. Wenn ich zurückschaue, erkenne ich mich kaum wieder. Ich war einfach ein dummer Teenager.» Sie experimentiert mit Drogen, klaut Kleider im Warenhaus, schwänzt die Schule, hängt nächtelang mit Gestalten herum, die mit ihren Pistolen prahlen. Jedes dritte ihrer Worte ist fuck, und vor allem geht es darum, wer mit wem. Und dann ist da diese Nacht im April 1995 - Cheryl ist 16 -, in der ihr Ex-Freund und dessen neue Freundin sterben. Zu fünft sind sie zu ihnen gefahren, Cheryl am Steuer, um ihnen eine Abreibung zu verpassen, ihnen Angst einzujagen, wie immer haben die Jungs ihre Pistolen dabei. Cheryl fährt um den Block, während es passiert, bis die jungen Männer zurückkommen und sagen, sie hätten das Paar erschossen. Die Presse macht daraus «Natural Bored Killers», der Staatsanwalt erklärt Cheryl zum «Mastermind» eines Doppelmords, getrieben von rasender Eifersucht. Ihre Strafe: 96 Jahre Haft. Im Jahr 2039, kurz vor ihrem 61. Geburtstag, darf sie zum ersten Mal um vorzeitige Entlassung bitten.
Cheryl hat 14 Jahre, also knapp die Hälfte ihres Lebens, im Gefängnis verbracht, elf davon in Canon City, einer Stadt mit einem Dutzend Gefängnissen. «Ich bin im Knast erwachsen geworden», sagt Cheryl Armstrong ruhig. Sie hat im Gefängnis ihren Highschool-Abschluss nachgeholt und so viele Kurse und Fernstudiengänge absolviert wie nur möglich. In ihrer Anstalt ist sie die zweite, die je einen College-Abschluss geschafft hat. «Ich wollte eigentlich als Nächstes einen Grafikkurs machen. Aber das hat die Gefängnisleitung abgelehnt. Vermutlich, weil sie es als Verschwendung ansieht, mich etwas lernen zu lassen, das ich sowieso nie anwenden kann. Das war zwar nicht die offizielle Begründung, aber mit Sicherheit so gemeint.»
«Ich bin kein schlechter Mensch», sagt Cheryl Armstrong im Besucherraum, im Hintergrund brummen die Getränkeautomaten, zwei Tische weiter sitzt eine Gefängnisbedienstete als Aufpasserin. «Ich bin nicht gewalttätig, ich habe niemanden getötet. Und ich war 16, als diese Tragödie passierte, die mich für den Rest meines Lebens verfolgen wird. Wenn sie mich jetzt oder in ein paar Jahren freilassen, kann ich noch neu anfangen. Aber es ist einfach sinnlos, mich hier drinnen zu behalten, bis ich so alt bin wie meine Mutter.»
150 Meilen weiter nördlich in Denver klappt Carol Johann nach der Podiumsdiskussion die Stellwand mit den Fotos von Cheryl zusammen und trägt sie in ihr Auto. Dann fährt sie nach Hause, nach Canon City, wohin sie ihrer Tochter vor Jahren gefolgt ist, sie wohnt nur 13 Kilometer vom Frauengefängnis entfernt. Auf der Fahrt durch die Nacht raucht sie Kette. «Wir haben ein Gnadengesuch für Cheryl eingereicht und warten seit Monaten auf eine Reaktion. Jetzt können wir nur noch beten und eine Kerze für Cheryl anzünden. Sie ist ein tolles Mädchen. Ich will sie noch einmal in Freiheit sehen, bevor ich sterbe.»


























