Papi & Papa

Ein schwules Paar im Familienglück

Text: Yvonne Eisenring, Fotos: Stephan Schacher

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Familienglück in New York: Jeremiah, Jonathan, «Abba» Felix, Rachel und «Daddy» Pascal.

Unbekümmert: Rachel, Jeremiah und Jonathan haben bisher keine Fragen zu ihren zwei Vätern.

Spielzeit: Felix (l.) lässt die Kinder eher gewähren, Pascal ist der strengere Vater.

Nesthäkchen: Jonathan wurde wie zuvor seine Geschwister von Leihmutter Angela geboren.

Kajüte mit drei Kojen: Jeremiah (5), Jonathan (3) und Rachel (4) teilen sich ein Zimmer.

Schwule Männer haben keine Kinder. Punkt. Auch Felix und Pascal haben einmal so gedacht. Jetzt sind sie dreifache Eltern.

Auf einem Spielplatz im Central Park. Jeremiah, fünf Jahre alt, sitzt im Sandkasten und baut Burgen. Neben ihm der Nachbarsbub. Irgendwann fragt dieser: «Wo sind denn deine Eltern?» Jeremiah zeigt auf die Bank wenige Meter entfernt. «There are my two dads.» Damit ist alles geklärt. Die Kinder spielen weiter.

Eine kleine Geschichte. Felix Wolf erzählt sie mit Stolz. Als wolle er damit sagen, seht nur, wie einfach, wie unkompliziert alles ist. Er sitzt bequem auf einem Schaukelstuhl, im Arm sein jüngster Sohn Jonathan. Auf dem Kopf trägt Felix, 53-jährig, die Kippa. Abba nennen ihn die Kinder, Papa auf Hebräisch. Daddy ist im Untergeschoss bei den zwei älteren Kindern. Er ist 13 Jahre jünger als Felix, heisst Pascal, hat einen breiten Berner Dialekt und wirkt wie einer dieser modernen Väter, die Babys wickeln, Velos flicken und gleichzeitig den Kochlöffel schwingen.

Alles begann in der Schwulenbar «Barfüsser» in Zürich

Kaum haben beide Väter Platz genommen, ist es so laut, dass Pascal wieder aufstehen, die Kinder zur Ruhe mahnen muss. Familienalltag, wie er alltäglicher nicht sein könnte. Die Kinder seien eben übermüdet. Gestern war die Leihmutter Angela wieder einmal zu Besuch. Es wurde spät. Zu spät. Wenn Pascal und Felix erzählen, bekommt man den Eindruck, sie seien selbst erstaunt darüber, welche Wendung ihr Leben genommen hat. Pascal aus Bern und Felix aus Schaffhausen lernen sich in Zürich in der Schwulenbar «Barfüsser» kennen. Nach einem Jahr muss Felix nach Amerika. Er ist Tierarzt und hat von einem Forschungslabor in New York ein Jobangebot bekommen. Wenige Monate später reist Pascal, der in der Schweiz als Lehrer arbeitet, hinterher. Er beginnt ein Psychologiestudium und die beiden kaufen sich ein kleines Apartment in der Upper East Side.

Hätte man Felix Wolf damals gefragt, ob er einmal Kinder haben wolle, hätte er gelacht. Das war, wie wenn man einen Gehbehinderten gefragt hätte, ob er am New York Marathon teilnehmen möchte. Homosexuelle haben keine Kinder. So war das damals. Und so ist es in der Schweiz noch heute. «Als ich mich mit 25 geoutet habe, war mir klar, Kind und Hochzeit wird es für mich nicht geben.» Auch Pascal bedauerte dies – «aber eben».

Synagoge für Homosexuelle

Pascal ist jüdisch. Felix will konvertieren. Den Lehrgang, den sie darum besuchen, absolviert auch ein lesbisches Paar. Die zwei Frauen sind gerade Mamis geworden und bringen ihr Baby mit. Pascal ist hin und weg. Je mehr Zeit er mit dem Kind verbringt, desto stärker wird der Wunsch: Das will ich auch. Aber im Gegensatz zu zwei Frauen, die nur einen Samenspender brauchen, ist das Kinderkriegen für Schwule kompliziert. Und: Felix will eigentlich keine Kinder. Noch nicht. Das war vor zehn Jahren.

Nachdem Felix zum Judentum konvertiert ist, treten er und Pascal einer schwul-lesbischen jüdischen Gemeinde bei. Eine Synagoge speziell für Homosexuelle. Immer mehr Paare nehmen ihre Kinder dorthin mit. Und irgendwann, nachdem er mehrere Väter mit ihren Babys auf dem Arm gesehen hat, fallen auch Felix’ Vorbehalte. Und so sitzen eines Morgens auch er und Pascal in einer Agentur, die Kinderwünsche erfüllt. In einer Full-Service-Agency. Für 100 000 Dollar machen sie den Traum vom eigenen Kind wahr.

Suche nach einer Leihmutter

Der erste Schritt: Eine geeignete Leihmutter suchen. In Zeitungen und Zeitschriften werden Annoncen geschaltet. Für eine Schwangerschaft bekommt eine Frau 20 000 Dollar Entschädigung. Die Anforderungen an sie sind hoch. Eigene Kinder, ein Mindesteinkommen und eine gute Gesundheit muss eine Leihmutter bieten. Pascal und Felix wird Angela aus North Carolina vorgeschlagen. Ihr Profil: 27 Jahre alt, Krankenschwester, Banker als Ehemann, drei Kinder. Sie treffen sich, finden sich sympathisch. Entscheiden, gemeinsam schwanger zu werden. Nicht ein-, sondern dreimal. Angela wird die Mutter aller drei Kinder von Felix und Pascal.

Eine Schwangerschaft ist für Angela ein Kinderspiel. Sie fühlt sich grossartig, hat keinerlei Beschwerden. Gegenüber einer Lokalzeitung sagt sie, ihre Familie sei komplett gewesen, also habe sie sich auf die Annonce gemeldet. Um anderen Menschen zu helfen, ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Ihr Mann habe keine Probleme mit ihrem aussergewöhnlichen Nebenerwerb. Nach den drei Kindern für Felix und Pascal hat Angela noch für ein Hetero-Paar zwei Kinder ausgetragen. Sie habe bis jetzt fast nur positive Reaktionen erlebt, werde aber oft gefragt, ob es nicht schlimm sei, das Kind nach neun Monaten wegzugeben. «Ich gebe das Kind nicht weg, ich gebe es zurück», sagt sie dann. Es sei nie das ihre gewesen.

Eine anonyme Spende kam nicht infrage

Genetisch gesehen ist es tatsächlich nicht ihr Kind. Denn die Eizellenspenderinnen sind wiederum andere Frauen. Deren Kriterien: Es müssen junge Frauen sein, so um die zwanzig, dann ist die Eiqualität am besten. Kluge Frauen, meist Studentinnen. Sympathisch und hübsch. Felix und Pascal wollen zudem keine dunkelhäutige oder südländische Eizellenspenderin. «Das Kind soll in die Familie passen.» Ist die Frau gefunden, muss sie Hormone nehmen, damit sie mehrere Eier produziert. Sie bekommt rund 5000 Dollar dafür und hat keinen Anspruch auf die gespendeten Eizellen. Das Ehepaar Wolf kennt alle drei Spenderinnen, schickt ihnen jährlich ein Bild der Kinder. Eine anonyme Spende kam nie infrage. Wollen die Kinder eines Tages wissen, woher sie kommen, können Felix und Pascal Antwort geben.

Soweit ist es noch nicht. Sie sind erst drei, vier und fünf Jahre alt. Rachel, die Mittlere, flitzt mit einem Nemo-Plüschtier durchs Zimmer. Jeremiah rauft mit Jonathan. Schlägt zu fest zu. Daddy Pascal sieht es. Jeremiah muss ins Time-out. So alt, wie sie sind, so viele Minuten müssen sie dann ins Zimmer. Pascal ist der strengere Vater. Aber auch der aktivere. Felix ist gutmütiger. Lässt sie machen und sich selbst nicht aus der Ruhe bringen. Wenn ein Kind in der Nacht schreit, steht häufig er auf. Er schlafe danach schneller wieder ein. Die Rollen sind verteilt. Wie in jeder Familie.

«Wir sind schwanger»

Als Angela mit ihrem ersten Kind im dritten Monat schwanger ist, rufen Felix und Pascal ihre Verwandten in der Schweiz an. Verkünden: «Wir sind schwanger.» Felix’ Eltern sind entsetzt. «Sie hatten die Vorstellung im Kopf, die viele haben, die uns aber so wahnsinnig macht»: Ein Kind braucht eine Mutter. «Wir geben unseren Kindern mehr Liebe als manche Mutter.»

In manchen Staaten der USA sind Adoption und Leihmutterschaft schon seit dreissig Jahren erlaubt. Unterdessen belegen diverse Studien, dass Kinder keinen Schaden davontragen, wenn sie von gleichgeschlechtlichen Eltern aufgezogen werden. Im Gegenteil. Oft seien diese Kinder später toleranter und grosszügiger. Auch das Vorurteil, Kinder von Homo-Eltern würden ebenfalls homosexuell, hat sich nicht bestätigt.

Felix und Pascal haben auf alle Einwände eine Antwort. Je länger man ihnen zuhört, desto gewöhnlicher findet man die Tatsache, dass zwei Männer für 100 000 Dollar Eltern werden können. Dass in der Schweiz das Thema Regenbogenfamilien noch in den Kinderschuhen steckt, ja vielleicht gar nie rauswächst, finden Wolfs schade. Aber New York sei auch nicht Amerika, sagt Pascal. Nur in Manhattan gebe es einen Gay-Baby-Boom.

Sie wollen sagen, «es sei von beiden»

Beim ersten Kind geben sowohl Felix als auch Pascal ihr Sperma ab. Sie wollen sagen, es sei «von beiden». Als Jeremiah aber auf die Welt kommt, geht das nicht mehr: Er ist Felix aus dem Gesicht geschnitten. Durch eine Adoption wird er auch Pascals Sohn. Rechtlich jedenfalls. Pascal ist das egal. «Seit ich Jeremiah das erste Mal in den Armen hielt, ist er mein Sohn», sagt er. Auch Felix findet, Genetik sei unwichtig. Aber: «Natürlich finde ich es schön, dass Jeremiah meine Merkmale hat. Doch ich liebe ihn deswegen nicht mehr als die anderen beiden.» Aber wenn das Erbgut so unwichtig ist, hätte man ja auch adoptieren können? Vor zehn Jahren war das vor allem für Felix ein No-Go. Heute wären beide auch mit einer Adoption einverstanden. Sie wissen, dass sie ein Kind lieben können, auch wenn es nicht mit ihnen verwandt ist. Beim zweiten Kind spendet nur Pascal sein Sperma. Beim Dritten mischen sie noch einmal. Ein Vaterschaftstest ergibt: Auch Jonathan ist von Pascal.

Die Geburten verpassen sie jedes Mal. Wenn Angela anruft und sagt, die Wehen hätten eingesetzt, fahren sie los. In North Carolina angekommen, ist ihr Baby aber jedes Mal schon da. Ein unglaubliches Gefühl. Zwei Jahre das ganze Prozedere, ein Haufen Geld, und dann ist es endlich da. Ihr eigenes Kind. Angst, mit der Situation überfordert zu sein, kennen sie nicht. «Frauen haben schliesslich auch kein Gen, das sie spüren lässt, wie sie mit einem Kind umgehen müssen.» Auch dass ein Kind vor allem in den ersten Monaten seine Mutter brauche, lassen sie nicht gelten. «Wir können dem Kind genauso viel Wärme geben, es in den Schlaf singen, stundenlang mit ihm auf dem Arm herumspazieren.»

«Wenn sie in diesem Alter sind, finden sie uns sowieso doof, egal ob wir Vater und Vater sind»

Die ersten Monate pumpt Angela Milch ab, schickt sie eingefroren nach New York. Nach vier Monaten ist sie wieder schwanger. «Wir wussten nie, ob es ein Bub oder Mädchen wird. Als wir Rachel bekamen, dachten wir schon, hoffentlich geht das gut. Aber bis jetzt merken wir keinen Unterschied.» Und wenn sie in die Pubertät kommt? Wer zeigt ihr, wie man Tampons benutzt? «Sie hat weibliche Bezugspersonen. Ein Gotti, Tanten, Grossmütter. Und warum soll eine Frau offener mit solchen Themen umgehen? Es gibt auch Mütter, für die Sexualität ein grosses Tabuthema ist.» Aber was ist, wenn die Kinder Teenager werden und sich vielleicht schämen, dass sie zwei Väter und keine Mutter haben? «Wenn sie in diesem Alter sind, finden sie uns sowieso doof, egal ob wir Vater und Vater oder Mutter und Vater sind.»

Es ist 18 Uhr. Die Kinder müssten in einer Stunde im Bett sein. Gegessen haben sie noch nicht. Jonathan, der Jüngste, habe gerade eine schwierige Phase. «Er isst nur weisse oder gelbe Speisen, also Reis oder Teigwaren mit nichts.» Pascal holt Sushi. Sashimi für die beiden Älteren. Das mögen sie am liebsten. Klebreis für Jonathan.

Jeremiah malte Daddy Pascal und Abba Felix

Die Familie Wolf lebt auf kleinem Raum. Die Kinder teilen sich ein Zimmer. Das Elternschlafzimmer wird tagsüber zum Spielzimmer umfunktioniert. Neben der Wohnung ist Pascals Psychotherapiepraxis. Er arbeitet drei Tage die Woche, Felix fünf. An drei Tagen schaut eine Nanny zu den Kindern. Die Grosseltern leben in der Schweiz. Der Rest der Familie auch. Ein Grund heimzukehren. Aber? «Wir wollen, dass die Kinder perfekt Englisch können. Wenn sie im Schulalter sind, können wir nochmals über einen Umzug nachdenken.» Doch was, wenn sie in der Schule gehänselt werden? «Wenn Kinder einen Klassenkameraden hänseln wollen, finden sie immer einen Grund. Das kann auch eine grosse Nase oder eine bunte Hose sein.»

Kürzlich mussten in Jeremiahs Kindergarten alle ihre Familien zeichnen. Jeremiah malte zuerst seinen Daddy Pascal und Abba Felix, dann seine Schwester Rachel, seinen kleinen Bruder Jonathan und mittendrin sich. Seine Kindergartengspändli stellten keine Fragen. Für sie war damit alles gesagt. Auf den Tag, an dem Jeremiah wissen will, wie es kommt, dass er Vater und Vater zeichnet, sind Pascal und Felix Wolf aber vorbereitet. «Wir werden ihm erklären, dass es Familien mit Mami und Papi gibt. Familien mit nur einem Mami oder nur einem Papi. Familien mit zwei Mamis und eben auch solche wie die unsere. Drei Kinder, zwei Papis.»

Information: Die Rechtslage in der Schweiz

In unserem Land wachsen schätzungsweise 6000 bis 30 000 Kinder in Regenbogenfamilien auf – in Familien also mit nicht heterosexuellen Eltern. Meist stammen diese Kinder aus früheren Beziehungen oder wurden in eine schwule oder lesbische Partnerschaft hineingeboren. In der Schweiz steht diese Familienkonstellation rechtlich auf wackligen Beinen, weil nur die leibliche Mutter oder der leibliche Vater als Elternteil anerkannt ist. Stösst diesem etwas zu, erhält der Partner nicht automatisch das Sorgerecht.

Für Homosexuelle in eingetragenen Partnerschaften sind Adoption, Leihmutterschaft und andere fortpflanzungsmedizinische Verfahren verboten. Adoptieren können Homosexuelle ein Kind nur, wenn sie ledig sind. Künftig soll für sie die Adoption des Kindes des Partners möglich sein. Das entsprechend revidierte Adoptionsrecht geht voraussichtlich Ende Jahr in die Vernehmlassung. In den meisten Ländern Westeuropas können Schwule und Lesben bereits jetzt nicht nur die Stief-, sondern auch fremde Kinder adoptieren (Volladoption).

Yvonne Eisenring in NY

Bei Felix und Pascal Wolf in New Yorks Upper East Side fühlte sich Journalistin Yvonne Eisenring gleich zuhause, denn die kleine Wohnung des schwulen Paars könnte familiärer nicht sein: Tonnen von Spielzeug überall, Kinder, die auf der Matratze ihrer beiden Väter rumhopsen – ganz so, wie es bei jungen Familien halt so aussieht.

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