Wie ist es eigentlich

Schwangerwerden klappt nicht

Text: Annette Wirthlin; Foto: Freeimages.com, Mario Alberto Magallanes Trejo

Wie ist es eigentlich, wenn es nicht klappt mit dem Schwangerwerden? Marion Bernhard erzählt, durch welche Hölle sie und ihr Mann wegen ihres unerfüllten Kinderwunschs gehen. 

Von aussen betrachtet sind mein Mann Manuel* und ich das absolute Traumpaar. Er sieht gut aus, ist lustig, charmant; und ich bin ein fröhlicher Wirbelwind, der – scheinbar – alles im Griff hat. Fast niemand ahnt, durch welche Hölle wir wegen unseres unerfüllten Kinderwunschs gehen. Die wenigen, die Bescheid wissen, sagen nur: «Das kommt schon noch, ihr werdet sehen.» Und dann wechseln sie, peinlich berührt, das Thema.

Dass mein Mann und ich uns Kinder wünschen, steht fest, seit wir zusammen sind, und das sind immerhin bald zehn Jahre. Wir waren beide 32, als wir uns richtig kennen gelernt haben. Verhütet haben wir kaum, wir liessen es einfach darauf ankommen, zumal für beide feststand, dass wir uns eine Familie wünschen – wenn auch er vielleicht nicht ganz so sehnlich wie ich.

Während der ersten paar Jahre war ich überzeugt, dass ich schon schwanger werde, wenn der richtige Moment gekommen ist. Erst als ich 36 war, begann ich mir langsam Sorgen zu machen. Ich fing an, meinen Zyklus zu überwachen, um auch ja die fruchtbaren Tage nicht zu verpassen. Ich fragte meinen Frauenarzt, ob ich mich vielleicht einmal gründlich untersuchen lassen solle, doch er meinte, es sehe alles tipptopp aus.

Als wir vierzig wurden, liessen Manuel und ich uns trotzdem untersuchen. Seither wissen wir: Für unsere Unfruchtbarkeit gibt es keinen benennbaren medizinischen Grund. Bei mir gab es überhaupt keinen negativen Befund, und Manuels Spermiogramm war zwar nicht hervorragend, dem Arzt zufolge jedoch absolut im Bereich des Normalen.

Trotz meiner Skepsis gegenüber aller Chemie begann ich dann mit einer Hormontherapie, als auch das nicht klappte, entschieden wir uns für die künstliche Befruchtung via Insemination. Dreimal in zwölf Monaten. Am Anfang stand jeweils eine Riesenportion Hoffnung. Wenn die Periode dann zum erwarteten Zeitpunkt nicht eintrifft, wirst du richtiggehend euphorisch. Du denkst: Jetzt, endlich! Wenn du am nächsten Morgen eine Schmierblutung entdeckst, stürzt ein Teil von dir ab, deine Hoffnung zerbricht wie ein Porzellanteller auf dem Boden.

Seit einiger Zeit haben Manuel und ich beide keine grosse Lust mehr, einander zu verführen, obwohl wir früher immer ein gutes Liebesleben hatten – kein Wunder, wenn sich alles nach dem Fahrplan meiner Hormone richtet. Viel zu viel Negatives hängt unterdessen mit dem Liebemachen zusammen. Es ist sogar schon ein paarmal vorgekommen, dass Manuel im entscheidenden Moment gar nicht mehr dazu fähig war.

Momentan mache ich eine Pause von den Hormonen und den Inseminationen. Wir müssen jetzt entscheiden, wie es weitergehen soll – wenn überhaupt. Ich bin hin- und hergerissen. Auch Manuels Verfassung schwankt ständig. Er macht sich Sorgen darüber, was mit mir passieren wird, wenn sich der Kinderwunsch nie erfüllt. Er fürchtet, dass alles zusammenbricht und ich ganz tief falle. Davor habe ich ehrlich gesagt auch Angst. Manchmal bin ich wegen all dieser Gedanken so gestresst, dass ich denke, ich kriege einen Infarkt. Das Herz schlägt dann einige Male so schnell und heftig gegen die Brust, dass es fast wehtut.

Natürlich kommt mir manchmal der Gedanke, dass es für mich vielleicht einfach nicht sein soll, Mutter zu werden. Dass das Schicksal anderes vorhat mit mir. Manche Leute haben mir schon gesagt: «Vielleicht wäre dein Kind ja gestorben oder schwer krank geworden, wenn du eines gehabt hättest.» Mag sein, dass ich das eines Tages als alte Frau auch so sehen kann. Aber ehrlich gesagt: Ich finde das Argument ziemlich blöd. Welche Mutter, deren Kind krank wurde oder gestorben ist, würde schon sagen: «Hätte ich doch keines gehabt»?

Namen geändert

Der Text ist eine stark gekürzte Fassung aus Annette Wirthlins Buch «Bye Bye, Baby? Frauen im Wettlauf gegen ihre biologische Uhr» mit Erlebnisberichten und Fachinterviews, Werd-Verlag, 2015, 160 S., ca. 30 Fr.. Lesen Sie im Interview mit Annette Wirthlin darüber, wie Frauen mit der Kinderlosigkeit klarkommen.

Update Mai 2016: Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt: Marion (Name geändert) hat vor kurzem erfahren, dass sie jetzt schwanger ist. Wir gratulieren ganz herzlich und wünschen alles Gute!

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