Kinder

Warum immer ich? Das Kinderfragebuch von Mikael Krogerus

Text: Sven Broder

Warum immer ich? Die ewige Fragerei der Erwachsenen geht Kindern ganz schön auf den Wecker. Und dann schenkt Papa auch noch ein Fragebuch!

Auf die Frage, welche Frage er sich selbst immer wieder stelle im Leben, sagte Mikael Krogerus einmal: «Warum immer ich?» Mikael Krogerus kennt sich aus mit den grossen Fragen des Lebens. Vor vier Jahren legten er und Roman Tschäppeler das «Fragebuch» für Erwachsene vor, entstanden aus der Lust heraus, «Fragen zu stellen, und aus einer noch viel grösseren Lust, gute Fragen zu beantworten». Das Buch wurde ein Bestseller.

Nun muss man sagen, dass mein Sohn sich genau dieselbe Frage stellte, die sich Krogerus zeitlebens stellt, als ich neulich mit dem Nachfolgewerk in seinem Kinderzimmer aufmarschierte, dem «Kinderfragebuch». «Warum immer ich?», fragte mein Sohn – und schaute mich dabei ernsthaft genervt an. Ich dachte, ganz ehrlich, wie gemein! … Schliesslich hatte ich ihm das Buch zum Geburtstag geschenkt. Ein gutes Geschenk, wie ich fand. 333 Fragen, auf die es – nicht wie in der Schule oder wie sonst zuhause – keine richtigen oder falschen Antworten gibt. Nur ehrliche und unehrliche. Das Buch, für Kinder gestaltet zwar, aber so cool, dass es auch lässige Grafiker-Eltern kaufen, es sollte ihm Freude bereiten. Tat es aber nicht, jedenfalls vorderhand nicht.

Kindergeschenke

Was ein gutes oder ein schlechtes Geschenk ist, ist eben relativ. Bei Kindergeschenken besonders. Das hätte mir eigentlich klar sein sollen, nachdem sich meine Tochter mit ihrem ersten Ersparten diese Fur-Real-Katze gekauft hatte. Ein Tier, aus dem gleichen Abteil wie der Golden Retriever. «Er trinkt echtes Wasser, hebt dann sein Beinchen und macht Pipi», steht im aktuellen Weihnachtskatalog von Franz Carl Weber völlig ironiefrei. Frühförderung sieht anders aus.

Emilia, so nennt meine Tochter ihre Katze, kann kein Pipi, dafür drei hölzerne Bewegungen und einen miesen Miau-Laut. Kurz: Emilia gibt sich wahrhaft Mühe, mir tierisch auf die Nerven zu gehen. Meine Tochter hatte sie sich nur kaufen dürfen – letztlich gegen mein inständiges Bitten und nach vielen vergeblichen Bestechungsversuchen –, weil sie sie selber bezahlte. Und dann gehen einem als Vater ja irgendwann auch die Argumente aus.

«Wieso immer ich?»

... fragte mein Sohn also, als er mich sah mit diesem «Kinderfragebuch» unter dem Arm, tappte dann aber doch hinter mir her ins Wohnzimmer, um die elterliche Lektion über sich ergehen zu lassen. So jedenfalls stand es ihm ins Gesicht geschrieben; ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter, hätte meine Mutter gesagt. Derweil seine kleine Schwester, mal wieder, von den Erwachsenen unbehelligt, sich ihrer Spielzeugmieze widmen durfte.

«Komm!», sagte ich zu meinem Sohn aufmunternd, rubbelte ihm zur geistigen Belebung das Deckhaar, «macht doch Spass!», dann reichte ich ihm das Buch und einen Stift – und er fing an, die Fragen zu beantworten. Widerwillig zwar, aber immerhin. «Wie heisst du?» – «Wie heisst du rückwärts?» – «Hast du Spitznamen?» – … So weit, so gut. Bei der sechsten Frage jedoch begann es bereits zu harzen. «Wie würdest du dich selbst beschreiben, damit dich jemand erkennt, der dich noch nie gesehen hat?» Mein Sohn rümpfte die Nase. Hausaufgaben, also doch. Er studierte. Und studierte. Er studierte so lange, bis ich den Glauben daran verlor, dass er überhaupt noch irgendwas studierte – irgendwann meinte ich nett wie die Stimme aus dem Off in der «Sendung mit der Maus»: «Schreib, was dir in den Sinn kommt. Es gibt kein Falsch und kein Richtig» – und dann schrieb er: «kleine füse» …

Mein Sohn hat grosse Nasenlöcher wie sein Vater. Knubbelige Zehen wie seine Mutter. Er hat dünnes Haar, volle Lippen. Aber kleine Füsse? – «Kommt dir nichts Gescheiteres in den Sinn?», schoss es mir aus dem Mund.

Das hätte mir nicht passieren dürfen. Denn schon waren wir dort, wo wir nie hätten landen sollen; in einem lautstarken Disput über gute und schlechte Antworten. Damit verstiessen wir, also vor allem ich, so ziemlich gegen sämtliche Regeln dieses «Kinderfragebuchs».

Fragebücher sind nicht jedermanns Sache

«Na gut», meinte ich, um mal einen Punkt zu machen, «mach, was du willst.» Ich verliess den Raum, derweil sich mein Sohn noch einige Antworten aus den Fingern sog und sie auf die leeren Zeilen zwischen den Fragen kritzelte. Nach fünf Minuten rief er: «Chan ich jetzt endlich gah?!» Ich las seine Antwort auf Frage 18 – «Bei Oma gefällt mir am besten das Fernsehen» – und liess ihn entmutigt springen.

Fragebücher sind eine eigene literarische Gattung, eine Kunstform schier. Marcel Proust, Max Frisch, Peter Fischli und David Weiss; jede Zeit hat ihre Fragen und ihre Geister, die sie stellen, um uns zum Nachdenken zu bringen über uns und die Welt, die uns umgibt. Ich habe Fragebücher gern.

Vielleicht hatte ich deshalb zu viel erwartet. Verdrängt, wie sehr mir selbst die Fragerei zuweilen auf den Wecker ging, damals, als ich neun war, so alt wie mein Sohn heute. Vor allem, wenn die Fragen so lehrmeisterlich daherkamen. Und wenn die Antworten darauf nicht grundlegend zu interessieren schienen, sondern immer nur unter dem Vorbehalt, dass sie auch gefallen, den Eltern, Grosseltern und Bekannten. Wie wars in der Schule? Wie geht es Christian? Und überhaupt: Musst du pinkeln?

Aber eben: Ist man selber Vater, wünscht man sich von seinen Kindern – mehr noch als gute Noten und schöne Zeichnungen –, dass sie interessiert sind. Offen. Neugierig. Auch gegenüber ihren eigenen Erzeugern. «Wer nöd frögt, bliibt dumm!»: Kein Satz meiner Mutter liegt mir noch so sehr im Ohr wie dieser.

Wie also konnte ich ins Gespräch kommen mit meinem Sohn und ihn zugleich anregen, nachzudenken «über grosse Träume und heimliche Abenteuer, über beste Ferien und dumme Streiche, komische Erwachsene und echte Freunde», ohne abstossend paternalistisch zu wirken, sondern ehrlich väterlich interessiert? Im Grunde ist das die 334. Frage dieses Buchs. Sie richtet sich einzig und allein an uns Grosse. Schon ihretwegen lohnt sich der Kauf.

Die Strategie

Ich dachte lange darüber nach. Dann legte ich mir folgende Strategie zurecht:
Tag 1 – Sympathie zurückgewinnen: «Wenn du mal traurig bist, was könnte ich dir kochen, um dich aufzuheitern?» – «Milchreis.»
Tag 2 – Emotionale Nähe aufbauen: «Welches Schimpfwort findest du lustig?» – «Arschloch.»
Tag 3 – Interesse zeigen: «Welchen Zauberspruch aus ‹Harry Potter› würdest du gern mal ausprobieren?» – «Expecto Patronum!»
Tag 4: – Wille zur Besserung signalisieren: «Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie streng bin ich?» – «7.» – «Wo auf der Skala hättest du mich lieber?» – «3.»
Tag 5 – Vater-Sohn-Beziehung zementieren: «Angenommen, du bist allein zuhause und hörst plötzlich, wie jemand in unsere Wohnung einbricht. Wo versteckst du dich?» – «Bei dir natürlich!»
Tag 6 – Erfolg ernten: «Welches Spiel spielen deine Eltern gern mit dir?» – «Dieses Fragespiel.» – «Gefällt es dir auch?» – «Ischokay!»

Wie heisst es so schön: Wer die Welt verändern will, muss erst die richtigen Fragen stellen.

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