Wie ist es eigentlich, als Kind nackt wandern zu müssen?

Text: Denise Jeitziner

Das nackte Mädchen auf dem Foto mit dem Würstchen in der Hand, das bin ich. Auf der Picknickdecke neben mir sitzen mein Bruder, meine Mutter und mein Vater. Wir bräteln auf dem Wartenberg Würstchen und tragen alle nur Wanderschuhe und Socken und sonst nichts.

Wenn ich heute mein Fotoalbum durchblättere, gibt es plötzlich diese Bilder, auf denen niemand von meiner Familie etwas trägt. Auf dem ersten Foto bin ich sechs Jahre alt, auf dem letzten, ein paar Seiten weiter hinten, zwölf. Ich bin nackt am Strand in Afrika, nackt beim Wandern - oder eben nackt beim Picknicken auf dem Wartenberg beim Rastplatz in der Nähe der Ruinen. Der Wartenberg ist ein sehr beliebtes Ausflugsziel in Basel, und auch an diesem Tag im Sommer 1971 ist er voller Familien und Wanderer. Immer wieder laufen Leute an uns vorbei. Alle starren uns an, einige zeigen mit dem Finger auf uns. Ich schäme mich - damals wie heute. Für mich und für meine Eltern.

Meine Familie und ich sind immer im VW Käfer zum Wandern gefahren. Die Autositze waren heiss, und die nackte Haut hat darauf geklebt. Im Rucksack hatten wir immer Kleider dabei, falls wir unterwegs tanken oder was einkaufen mussten. Wir konnten ja nicht nackt in die Migros. Manchmal sind wir auch angezogen von zu Hause los. Dann hat Papi auf dem Parkplatz vor dem Wanderweg angehalten und gesagt: So, jetzt ziehen wir alle unsere Kleider aus. Das war schlimm! Da waren doch andere Leute auf dem Parkplatz! Wir haben uns im Auto ausgezogen, die Wanderschuhe geschnürt und sind dann nackt ausgestiegen. Es war jedes Mal eine Mutprobe für mich. Einmal hat sich mein Bruder geweigert, seine Hose auszuziehen, aber mein Vater sagte: «Du Angsthase, traust du dich nicht?»

Irgendwann, ich muss um die zwölf gewesen sein, sind wir nicht mehr zum Nacktwandern gefahren. Vielleicht haben wir uns zu sehr aufgelehnt, vielleicht war auch einfach die Zeit dafür vorbei.

Ohne die Fotos im Album käme mir alles unwirklich vor. Als hätte ich mir das alles nur ausgedacht. Ich würde mich vielleicht fragen, weshalb ich heute scheinbar grundlos etwas kompliziert bin, wenn ich mich im Schwimmbad umziehen muss. Weshalb das Badetuch immer alles bedecken muss, damit niemand etwas sieht, was er nicht sehen darf. Und weshalb ich bis heute ein bisschen verklemmt bin. Wenn man mit wenigen Tabus aufwächst, schafft man sich seine eigenen umso mehr.

Ich erinnere mich, dass ich mit etwa sechs zum ersten Mal Scham empfunden habe. Erst viel später, als Erwachsene, wird mir klar, dass dieses Schamgefühl verletzt worden ist. Mit Folgen: Mit 18 verbringe ich meine ersten eigenen Ferien mit Freundinnen. Wir liegen an einem Strand in Griechenland, und alle finden es chic, möglichst nahtlos braun zu werden. Alle meine Freundinnen sind oben ohne. Nur ich nicht. Ich bin die Einzige, die ein Bikini trägt.

Von meinem prägendsten Erlebnis gibt es kein Foto. Ich werde es trotzdem nie vergessen. Mein Bruder und ich sitzen nackt auf einem Baum und werfen unseren Eltern Äpfel zu. Für jeden einen. Da kommt ein Bauer auf seinem Traktor auf uns zugefahren. Er ist ausser sich vor Wut. «Wie lauft ihr rum?», schreit er. «Das ist nicht erlaubt!» Vorher war es mir einfach nur peinlich gewesen, nackt mit meinen Eltern zu wandern. Nun kam zur Scham das Gefühl hinzu, etwas Verbotenes, Unerlaubtes getan zu haben. Nie zuvor habe ich mich ohne Kleider so schutzlos gefühlt. Ich weiss noch, wie mein Vater dem Bauern dann ein Nötlein zugesteckt hat. Ich weiss nicht, ob es für die geklauten Äpfel war oder für unsere Nacktheit.

*Name geändert