Willkommen auf der Welt, Lili!
Ewig lange haben Nemu und Peter auf ihre thailändische Adoptivtochter Lili gewartet. Als sie das Mädchen letzten Sommer endlich in Bangkok abholen durften, waren sie fast ein wenig überwältigt: Vom Glück und von der Realität, über Nacht ein Paar mit Kind geworden zu sein.
Sechs Monate ist Lili jetzt bei ihren neuen Eltern in Zürich. Seither zeigen sie ihrer Tochter jeden Tag dieselben drei Bilder, damit sie sich niemals fragen muss, wer sie ist. Auf dem ersten Bild sieht man Lili als Baby mit ihrer Pflegerin im Kinderheim in Bangkok. Auf dem zweiten: Lili und ihre Pflegerin zusammen mit Nemu und Peter in Bangkok. Auf dem dritten: Lili, Nemu und Peter in der Schweiz. Da ist Lili schon etwas mehr als ein Jahr alt.
Manchmal rätseln Nemu und Peter, wie das Leben ihres Adoptivkinds im ersten Jahr wohl genau ausgesehen hat. Etwa dann, wenn Lili ihrer neuen Mutter Nemu sofort ihre Zehen entgegenstreckt, sobald sie eine Nagelschere sieht. Woher hat sie das? Sie wissen, dass Lili mit 19 Tagen ins Kinderheim gebracht wurde. Ein paar kleine Geheimnisse, das ist ihnen bewusst, wird es immer geben.
Heute versuchen die thailändischen Behörden während ungefährt eines Jahres, ein Adoptivkind in der Familie oder im Dorf oder zumindest im eigenen Kulturkreis unterzubringen. Erst wenn das nicht klappt, dürfen es Menschen aus anderen Ländern in einer offenen Adoption zu sich nehmen. Die Eltern klären das Kind über seine Herkunft auf und müssen unterschreiben, dass sie es, wenn es einmal 18 ist, ziehen lassen werden, auch wenn es dann in sein Land zurückkehrt. Aber für alle Eltern kommt irgendwann der Tag, an dem sie ihre Kinder ziehen lassen müssen.
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