Tamy Glauser im Interview

«Ich hatte keine Vorbilder»

Interview: Sven Broder; Fotos: tamyinthecity/instagram

  • Dominique Rinderknecht (28, links) und Tamy Glauser (32) am Zurich Pride im Juni

Seit ihrem Liebesbekenntnis zu Dominique Rinderknecht ist Tamy Glauser die Vorzeigelesbe der Schweiz. Ob ihr diese Rolle gefällt?

annabelle: Gab es Momente, in denen Sie und Dominique Ihr öffentliches Liebesbekenntnis bereut haben?
Tamy Glauser: Nein. Zudem geschah dies ja nicht nur freiwillig. Es gab Gerüchte, überall wollte man uns öffentlich knutschen gesehen haben, auch in Clubs, die wir nie gemeinsam betreten hatten. Man hat uns richtiggehend nachgestellt. Es gab Journalisten, die sich am Telefon als Paketlieferant ausgegeben haben, nur um endlich an das offizielle Liebesgeständnis zu kommen.

Wenn Sie das Jahr Revue passieren lassen: Würden Sie alles noch mal genau gleich machen?
(überlegt lang) Ja. Ausser vielleicht das erste gemeinsame Interview in der «Weltwoche». Das hätten wir uns sparen können. Zum Glück hatten wir darauf bestanden, es gegenlesen zu können. Wir mussten sehr vieles richtigstellen.

Warum redeten Sie denn ausgerechnet erstmals über Ihre Liebesbeziehung mit der «Weltwoche», die nun nicht unbedingt dafür bekannt ist, besonders frauen- oder gar lesbenfreundlich zu sein?
Gerade deshalb. Es ging uns nicht darum, mit unserem Outing Schulterklopfer aus der Community abzuholen, das wäre einfacher gegangen. Wir wollten raus aus der eigenen Filterbubble. Wir wollten Leute erreichen, die Vorurteile haben gegenüber Frauen wie Dominique und mir. Weil sie ein grundsätzliches Problem mit der gleichgeschlechtlichen Liebe haben und ihr auch 2017 noch nicht die gleichen Rechte einräumen wollen wie der heterosexuellen Liebe.

Aber ist es wirklich nötig, sich dafür quasi nackt beim gemeinsamen Badespass zu präsentieren?
Vielleicht mussten wir das tatsächlich. Sehen Sie, weder Dominique noch ich entsprechen dem leider noch immer sehr verbreiteten Klischee der unattraktiven, frustrierten Frau, die nur deswegen lesbisch ist, weil sie keinen Mann abbekommt. Letztlich war die Message bei all unseren öffentlichen Auftritten immer dieselbe: Schaut her, wir sind lesbisch. Ja. Aber vor allem sind wir einfach nur zwei junge, selbstbewusste Frauen, die sich lieben, und die tun, was alle tun, die sich lieben: Wir küssen uns, wir berühren uns und ja, wir haben auch Sex. Wer ein Problem damit hat, muss damit klarkommen. Nicht wir.

Täuscht der Eindruck, dass lesbisch zu sein gerade recht hip ist?
Klar stelle auch ich fest, dass sich momentan viele gerade junge Frauen outen oder womöglich auch nur mit dem Lesbisch-Sein kokettieren. Aber ist das schlecht? Als junger Mensch sucht man seinen eigenen Weg und testet dabei vieles aus, um letztlich das zu finden, was einem wirklich entspricht. Am Ende wird sich keine Frau für die gleichgeschlechtliche Liebe entscheiden, wenn sie nicht auch so empfindet.

Sie selber wussten schon früh, dass Sie lesbisch sind.
Nun, ich wusste vor allem, dass ich irgendwie anders bin. Und weil ich es müde war, mich ständig zu verteidigen, passte ich mich an, liess mir die Haare wachsen, trug Kleider wie die anderen Mädchen …

… und gingen mit Jungs aus?
Ja, ich ging mit vielen Jungs aus. Für eine echte Liebesbeziehung hat es aber nie gereicht. Mir ging es vor allem darum, mir selbst und meinem Umfeld quasi zu beweisen, dass ich eben nicht lesbisch bin und Sex mit Männern toll ist. Ich wollte dazugehören und normal sein. Damals hatte ich keine Vorbilder, an denen ich mich hätte orientieren können.

Vorbilder wie Sie und Dominique?
Wenn Sie so wollen, ja. Es gab da im vergangenen Jahr diese junge Frau. Sie erzählte uns, dass ihre Oma ein Problem mit ihrer Homosexualität gehabt habe. Weil ihre Grossmutter aber immer ein Fan von Dominique gewesen sei, habe sie seit unserem Outing auch kein Problem mehr mit dem Lesbischsein ihrer Enkelin. Das ist doch wundervoll.

Sie sind in einem kleinen Dorf aufgewachsen, zogen mit 21 Jahren nach New York. Half Ihnen dieser Schritt, um zu sich selber zu finden?
Ja. In New York sah ich, was ich in der Schweiz vermisst hatte; nämlich wie vielfältig das Leben sein kann. Und ich realisierte, wie sehr ich mich über all die Jahre angepasst hatte. In New York habe ich nach und nach zu mir zurückgefunden.

Heute heisst es, Sie hätten mit der Hälfte der in einer «Vogue» abgebildeten Models schon mal Sex gehabt.
Ich bin Model – und war Single. Hätte ich in einer Bank gearbeitet, wären es Bankerinnen gewesen.

Bevor sie sich in Sie verliebte, war Dominque jahrelang mit einem Mann zusammen. Darf man sagen, dass Sie generell nicht nur auf lesbische Frauen, sondern auch auf vermeintlich heterosexuelle Frauen eine besondere Anziehungskraft ausüben?
Das ist so. Aber was Dominique betrifft, war ich nicht die Erste. Man hatte sie nur nie danach gefragt.

Ist nicht das Andere, auch das Nicht-auf-Anhieb-zu-Bekommende schlicht erotischer als das, was einem quasi vor die Füsse fällt?
Generell sind Frauen für mich interessanter, wenn ich nicht von Anfang an alles haben kann.

Mit Dominique scheinen Sie in Sachen Liebe aber vorerst angekommen zu sein.
Ja. Bei ihr fühle ich mich zum ersten Mal in meinem Liebesleben so richtig angekommen, zuhause. Es stimmt einfach. Für uns beide.

Keine Angst, dass Dominique sich irgendwann wieder auf Männer fokussiert?
Angst ist unsexy. Sobald eine von uns beiden Angst hat, stimmt etwas nicht mehr zwischen uns. Ich denke, das gilt für alle Paare, egal in welcher Konstellation.


«Ich hatte mich über Jahre angepasst»: Tamy Glauser im Interview

Sven Broder

Der Reportagenleiter schwärmt für Anekdoten und gute Geschichten, mag Fragen lieber als Antworten, Optimisten lieber als Nörgler. Er hat ein Näschen für Tabus und Fettnäpfchen, aber erschreckend wenig Talent, sie aktiv zu meiden. Er lebt mit Frau und drei Kindern in Zürich.

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