Gerda Loosli

Text: Franziska K. Müller
Fotos: Sandi Kozjek
Erstellt: 2. Dezember 2009

02. Dezember 2009

Drei Witwen erzählen von ihrem Schicksal

In der Mitte des Lebens ist es am schwierigsten
Vor sieben Jahren hat Gerda Loosli (64) ihren Mann verloren. Sie fühlt sich zu jung, um in der Vergangenheit zu leben. Aber zu alt für einen Neuanfang.

Ich wollte die Beamten in Zivil zuerst nicht ins Haus lassen. Ich dachte, das seien vielleicht Räuber. Aber sie hielten mir die Ausweise hin und sagten, ich solle mich in die Nähe einer Sitzgelegenheit begeben. Dann teilten sie mir mit, dass mein Mann tödlich verunfallt sei. Ich fiel nicht in Ohnmacht. Ich dachte nur: Das ist unmöglich. Es war die Hiobsbotschaft meines Lebens.

In den kommenden Wochen war ich von vielen Menschen umgeben. Fast ein ganzes Jahr lang wurde ich eingeladen, und mein Umfeld begegnete mir mit viel Sympathie. Doch irgendwann befanden die anderen, dass nun Schluss sein müsse. Man kümmerte sich weniger um mich. Es gab eigenartige Reaktionen. Sätze wie «Das Leben geht doch weiter» trösteten mich nicht. Die Geduld gegenüber Trauernden ist in unserer Kultur nicht so gross. Es muss schnell gehen, man soll nach vorn blicken und bald wieder gesellig sein. Sonst wenden sich die anderen ab. Nach zwei Jahren war ich völlig auf mich allein gestellt.

Mein Mann und ich sind immer eigenständige Menschen gewesen. Wir hatten unsere Hobbys, unsere Berufe und schon seit längerem getrennte Schlafzimmer. Doppelbetten waren für uns unbequem. So musste ich mich nach seinem Tod nicht umgewöhnen oder gar einen Bettteil weggeben. Doch gibt es nun kein Gemüse aus seinem Biogarten mehr, und auch die frisch gefangenen Fische sind Vergangenheit. Das Haus gab ich auf und zog in eine kleine Wohnung. Solche Dinge sind zu verkraften. Was mir wirklich fehlt, ist das gemeinsame Lachen, die unkomplizierte Zweisamkeit. Wenn wir am Wochenende nichts geplant hatten, gingen wir spontan auf eine kleine Wanderung oder assen einen Happen in der Beiz. Früher musste das Alleinsein geplant werden, nun ist es die Geselligkeit. Bin ich heute unterwegs und bekomme Hunger, fühle ich mich in einem Selfservice-Restaurant wohler. An einem feineren Ort bin ich den Blicken der anderen ausgesetzt, und die Wirte sehen es nicht gern, wenn eine Einzelperson den Tisch besetzt.

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