Hulda Hähni

Drei Witwen erzählen von ihrem Schicksal
Er ist meine grösste, meine einzige Liebe geblieben
67 Jahre waren sie verheiratet. Seit ihr Mann gestorben ist, sind die schönen Erinnerungen für Hulda Hähni (90) der grösste Trost.
Natürlich gehört der Tod zum Leben, wenn man älter wird. Die Freundinnen werden Witwe, man versucht zu helfen, so gut es geht. Wenn der eigene Mann stirbt, ist trotzdem alles ganz anders. André sass noch am Tischli, ich sah es in seinen Augen, dass etwas nicht stimmte. Er war nicht mehr ansprechbar, und zwei Stunden später starb er. Ich blieb eine ganze Woche lang in unserer kleinen Wohnung im Altersheim. Ich wollte allein sein. Ich dachte nach und musste mich innerlich fassen. 67 Jahre sind eine lange Zeit: Wir lernten uns 1936 auf einer Kunsteisbahn im Welschland kennen. Auch andere hatten es auf ihn abgesehen, aber er wollte nur mich. Die Selbstverwirklichung war früher nicht so wichtig. Mein Mann war von Anfang an um mich besorgt. Er dachte immer zuerst an mich. Und ich zuerst an ihn. So blieb es. Im Nachhinein glaube ich, war dies das Geheimnis unserer langen und glücklichen Beziehung. Ich wollte nie einen anderen. André ist meine grösste und auch meine einzige Liebe geblieben.
Wenn man zusammen alt wird, ist das ein Privileg. Man unterstützt sich gegenseitig, sorgt füreinander: «Hast du deine Pillen genommen?» «Komm, ich bring dir schnell das Jäggli.» Man geniert sich nie voreinander, und der andere ist auch an Kleinigkeiten interessiert, die man sonst niemandem erzählen würde, weil sie unwichtig erscheinen. Nach zwölf Operationen brauchte mein Mann auch meine praktische Hilfe. Ich hätte jedes Mal läuten können, damit eine Angestellte des Altersheims kommt. Aber schnell ein frisches Unterleibchen anziehen, den Rücken waschen, die Zehen verbinden, das machte ich lieber selbst. Er sah fast nichts mehr. So schnitt ich ihm das Fleisch und sagte ihm, was auf dem Teller liegt. Dieses Umsorgen fehlt mir sehr. Der Gedanke, dass ich alles für ihn gemacht habe, was möglich war, ist heute ein Trost. Für andere da sein, das war mein Schicksal, seit der Vater ganz jung starb. Die ungewollte Freiheit bin ich nicht gewohnt.
Als mein Mann bereits dement war, hörte er tagelang klassische Musik. Das tat ihm gut, und mir gefiel es auch. Jetzt höre ich auch wieder die alten Schlager.
- SEITE 1 | 2
- Nächste Seite ›
























