Martina Naegeli

Drei Witwen erzählen von ihrem Schicksal
Die Wut trieb mich vorwärts
Nach dem Tod ihres Mannes liess Martina Naegeli (35) alles hinter sich. Weinen konnte sie nicht. Schwarz trug sie nur ein paar Tage lang.
An den 15. Mai 2006 – es war ein Muttertag – erinnere ich mich, als ob es gestern gewesen wäre. Wir lebten auf den Philippinen, unsere ältere Tochter war drei Jahre alt, das Baby neugeboren. Am besagten Tag glaubte ich meinen Mann auf einem Betriebsausflug mit Übernachtung. Ich hatte unruhig geschlafen, stand um sechs Uhr auf, bemerkte seine Reisetasche im Gang. Auf dem Tisch lagen beide Handys. Ein eigenartiges Gefühl beschlich mich. Auf meinem Display sah ich ein SMS. Es war seine Abschiedsnachricht, drei Zeilen lang. Zwei Dinge wusste ich sofort: Thomas ist tot, und er befindet sich im Haus. Meine damaligen Gefühle lassen sich nicht in Worte fassen. Die abgrundtiefe Furcht, die ich empfand, als ich ihn in jedem einzelnen Zimmer suchen musste und nicht wusste, in welchem Zustand ich ihn finden würde, begleitet mich für immer. Ich fand ihn schliesslich in der Tiefgarage. In unserem Auto. Ein Schlauch lag auf seiner Schulter, er hatte die Fenster verklebt, damit das Kohlenmonoxid schneller wirkt. Ein schwarzer Abgrund tat sich auf.
Ich funktionierte lange Zeit wie von aussen gesteuert. Innerhalb weniger Wochen verkaufte und verschenkte ich, was an unser gemeinsames Leben erinnerte. Seine persönlichen Dinge gab ich alle weg, bis auf die beiden Lieblingshemden und eine Flasche Eau de toilette. Dann reiste ich mit der Urne im Handgepäck und den Mädchen auf den Armen in die Schweiz zurück. Schwarz gekleidet ging ich nur in den ersten Tagen, weinen konnte ich nicht. Ich empfand eine wahnsinnige Wut auf meinen Mann. Oft hätte ich mir gewünscht, meine Trauer anders verarbeiten zu können, friedvoll und ruhiger. Daran hinderten mich auch meine Schuldgefühle und die quälenden Fragen nach dem Warum. Bei Familie und Freunden hatte ich manchmal das Gefühl, sie redeten nicht gern über Thomas, weil sie mich schonen wollten. Dabei wollte ich unbedingt über ihn sprechen, über die Zweifel, die Fragen, die Art, wie er gestorben ist.
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