Claudia Senn

Meine Meinung: Mein Bett gehört mir

Foto: annabelle Fotostudio 

Claudia Senn ist annabelle-Redaktorin. Für gemeinsame Nickerchen am Tag ist sie durchaus zu haben. Ansonsten plädiert sie jedoch für getrennte Schlafzimmer.

Die meisten meiner Freunde sind aus der Jeder-wie-es-ihm-beliebt-Fraktion. Um sie nachhaltig zu verstören, müsste ich schon mehr bieten als getrennte Schlafzimmer: die Ankündigung, den Rest meiner Tage als Mann zu verbringen vielleicht oder im Luftschutzkeller ein Crystal-Meth-Labor einzurichten. Doch manchmal hat man ja auch konservativere Menschen zu Gast. Und dann kann ich beim Rundgang durch unsere Wohnung die Zahnrädchen hinter ihren Stirnen förmlich rattern hören: Waaas, die haben zwei Schlafzimmer?! Wieso lassen die sich nicht gleich scheiden? Es folgt für gewöhnlich ein mitleidiger Blick, als wären wir zwei Frühvergreiste, deren Liebesleben nur noch als ferne Erinnerung in unseren verkalkten Synapsen nachglimmt.

Um diese anscheinend so dringliche Frage gleich als Erstes zu klären: Ja, wir haben noch Sex. Aber was hat denn das eine mit dem anderen zu tun? Wieso sollte man mehr oder besseren Sex haben, bloss weil man im selben Bett schläft? Weil man sich dann nur noch träge rüberrobben muss auf die andere Bettseite? Und warum sollte das Kuscheln zu kurz kommen, wenn man es nicht abends im Bett tut? Kann man es nicht auch beim «Tatort»-Gucken auf dem Sofa praktizieren, sogar in der Löffelchenstellung und vor 22 Uhr? Seit 21 Jahren sind wir nun ein Paar. Ein gemeinsames Schlafzimmer besassen wir nie. Die Gründe dafür sind profan: Er schnarcht. Ich inzwischen auch, wie er mir kürzlich offenbarte (es kann sich dabei nur um ein harmloses Zirpen handeln!). Er möchte im Dunkeln bei leiser Musik einschlafen. Ich will im Schein meiner Nachttischlampe lesen, bis mir die Augen zufallen. Er ist abends früher müde und morgens früher wach. Vor allem aber bin ich eine lausige Schläferin, die von jedem Gewälze, Geräusper und Geraschel wach wird und sich tags darauf in eine nörgelnde Furie verwandelt. Will ich das? Nein, darin kann der Sinn der Ehe nicht liegen.

Natürlich, das gemeinsame Bett ist ein starkes Symbol. Doch zu unseren Bedürfnissen passt es nun mal nicht. Warum ist das so ein Riesending? Ich glaube kaum, dass wir noch ein so inniges Liebespaar wären, wenn wir uns dieser Konvention gebeugt hätten. Und ich weiss von vielen anderen (meist Frauen), die auch gern ihr eigenes Bett hätten, sich aber nicht trauen, es einzufordern. Wer hätte gedacht, dass getrennte Schlafzimmer heute noch so ein Tabu sind?

Vor Jahren interviewte ich einmal den österreichischen Schlafforscher Gerhard Klösch. Er erzählte mir von erbitterten Machtkämpfen in amerikanischen Betten, weil für amerikanische Paare nicht nur das gemeinsame Schlaflager heilig sei, sondern auch die gemeinsame Decke. Die armen Amis zerren also Nacht für Nacht an ihrem Zipfel des Duvets, weil das angeblich so romantisch ist. Wer weiss, vielleicht brechen sie deshalb ständig Kriege vom Zaun. Mir wäre jedenfalls wohler, wenn ich wüsste, dass Obama seine eigene Decke hat. Übernächtigte Politiker sind eine unkontrollierbare Gefahr!

Gerhard Klösch hat zudem in einer Studie herausgefunden, dass Frauen im gemeinsamen Bett schlechter schlafen als allein, Männer jedoch besser. Die mit einem stärkeren Verantwortungsbewusstsein ausgestatteten Frauen, so glaubt er, schliefen im gemeinsamen Bett mit einem wachen Auge, weil sie auf den geliebten Menschen neben sich aufpassen müssten. Die Männer wiederum spürten, dass da jemand ist, der auf sie aufpasst – und könnten sich so besser entspannen.

Irgendwie ungerecht. Und so anstrengend. Ich für meinen Teil habe beschlossen, wenigstens in der Nacht gern mal meine Ruhe zu haben.

Claudia Senn

Die Autorin ist Kultur-Redaktorin und Reporterin bei annabelle. claudia.senn@annabelle.ch

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