Jungfrau mit 31

Das verflixte erste Mal

Text: Claudia Senn; Fotos: Djamila Grossman

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«Kaum verliebte ich mich, war ich völlig blockiert. Dann ging die Gedankenmühle los»: Wolfram Huke aus Leipzig

«Seit ich Eva kenne, kann ich irgendwie nicht mehr pessimistisch sein»

Während seine Freunde längst Kinder bekamen oder schon wieder geschieden waren, wartete Wolfram Huke noch immer auf den ersten Kuss. Mit 31. Welche Weichen hatte er in seinem Leben falsch gestellt?

Mit 14 dachte er, jetzt werde es jeden Moment losgehen mit den Mädchen. Mit 16 wunderte er sich: Komisch, warum bin ich denn so spät dran? Mit 20 kam ihm zum ersten Mal der Gedanke, dass mit ihm etwas nicht stimmen könnte. Mit 30 glaubte er, dass sich sowieso keine Frau einen Übriggebliebenen wie ihn antun wolle, einen von der Restenrampe, vom Wühltisch des Lebens. Wie ein Ausserirdischer fühlte er sich, der die Sprache der Liebe, die alle anderen so selbstverständlich zu beherrschen schienen, nicht verstand.

Wolfram Huke, inzwischen 35, mag kein Adonis sein – aber sein Äusseres ist auch in keinster Weise abschreckend. 1 Meter 80 gross, offener Blick, sympathisches Lächeln, Dreitagebart, wuschelige Locken, die schon länger keinen Coiffeur mehr gesehen haben, leichter Hang zum Übergewicht. Sein etwas nachlässiger Look passt zu seinem kreativen Beruf – Dokumentarfilmer –, den Frauen eigentlich per se cool finden müssten. Zudem kann Huke prima über Gefühle reden und empathisch auf sein Gegenüber eingehen, er pflegt weder abschreckende Hobbys, noch frönt er bizarren Leidenschaften, die potenzielle Partnerinnen in die Flucht schlagen könnten. Trotzdem hatte er erst mit 31 zum ersten Mal Sex.

Eine US-Studie aus dem Jahr 1994 ergab, dass 4.2 Prozent der Männer und 2.7 Prozent der Frauen zwischen 18 und 60 noch niemals Geschlechtsverkehr hatten. Fachleute schätzen, dass die Lage in Europa etwa ähnlich ist. Manche erleben es bis zu ihrem Tod nie, umworben, geküsst, begehrt, berührt, verführt zu werden. Die Gründe dafür sind so individuell wie die Menschen selbst. Und doch ist Wolfram Hukes Fall in vielerlei Hinsicht exemplarisch.

Wir treffen Huke an seinem Wohnort Leipzig in einem Jugendstilcafé, das mit seinem köstlichen Essen und der prachtvollen Architektur wie eine französische Enklave in der ostdeutschen Stadt wirkt. Es wäre der perfekte Ort für ein erstes Date. Das Schlimmste daran, ohne Liebe zu leben, sei nicht das Alleinsein gewesen, sagt Huke. Sondern die Aussicht, einsam zu bleiben. Für immer. «Normale Singles sind ja auch allein, doch sie gehen nicht davon aus, ihr ganzes Leben lang unberührt und ungeküsst zu bleiben.» Sie treffen immer mal jemanden, knutschen hier und da und wissen, irgendwann wird es schon wieder klappen. Aber er? «Bei mir passierte nie irgendwas», sagt Huke und legt in diesen einen Satz die ganze Trübseligkeit seiner verlorenen Jahre. Von ihnen erzählt er mit der Erleichterung eines Überlebenden, der die entsetzliche Krankheit der Einsamkeit endlich hinter sich gelassen hat.

Mit 19 Jahren leistete Huke Zivildienst im polnischen Krakau. Er arbeitete auf der Palliativstation eines Spitals. Kaum einer der Sterbenden, die dort ihre letzten Tage verbrachten, erzählte dem jungen Mann aus Deutschland von seiner Karriere. Wer sie einmal gewesen waren, was sie einmal besessen hatten – es spielte längst keine Rolle mehr. Stattdessen bekam Huke Geschichten vom Tanzen und Küssen zu hören, von glücklichen und weniger glücklichen Liebeleien, von Hochzeiten, Partnern und Liebhabern. Das war es, was für die Sterbenden am Ende zählte. Wenn ich morgen überfahren werde, dann war da bei mir nix, dachte Huke. Kam dazu, dass er sich gerade heftig und unglücklich verliebt hatte, in Katharina, eine andere Zivildienstleistende aus Berlin. Er hatte sie so lange verzagt angeschmachtet, bis sie ihr Herz einem Polen schenkte, der forscher zur Tat schritt als Wolfram Huke. Sein Liebeskummer führte ihn immer tiefer hinein in einen Strudel aus Einsamkeit und Depression.

Huke begann Philosophie zu studieren, in München, einer Stadt, die es ihm schwer machte, Anschluss zu finden. In manchen Wochen war die Kassierin im Supermarkt der einzige Mensch, der mit ihm sprach. Mutterseelenallein hockte er in seiner Einzimmerwohnung und versuchte, die Leerstellen in seinem Leben mit Bier und Chips zu füllen. Manchmal ging er für ein Stündchen in die Buchhandlung Hugendubel, um dort auf einem der roten Kunstledersofas ein bisschen «Frauen zu schauen». Wenigstens von fern wollte er bewundern, was ihm so schmerzlich fehlte. Das Glück der anderen führte ihm die Trostlosigkeit seines eigenen Lebens beinahe unerträglich vor Augen. Kurz dachte er sogar daran, ins Kloster zu gehen, «doch Gott wäre ja nur die zweite Wahl gewesen».

Woran lag es, dass er nicht bekam, wonach er sich so sehnte? Welche Weichen hatte er falsch gestellt, dass er für so viele Jahre auf dem Abstellgleis gelandet war? Huke weiss das inzwischen sehr genau. Damals allerdings tappte er vollkommen im Dunkeln. Schüchtern war er nicht. Frauen anzusprechen, das kriegte er hin. Auch flirten konnte er – solange er nicht wirklich interessiert war. «Doch kaum verliebte ich mich, war ich völlig blockiert. Dann ging die Gedankenmühle los», sagt Huke. Statt witzig und eloquent war er dann nur noch verdruckst und «schuljungenverzagt». Charme und Wagemut verschwanden hinter seiner Angst vor Zurückweisung. Selbst wenn ihm eine Frau eindeutiges Interesse signalisierte, redete er sich ein, es werde ja eh nichts draus. Dann zog er die Handbremse gleich noch ein bisschen fester an – so lange, bis die Gelegenheit entwischte. Ja, man könnte sagen: Vor lauter Angst, einen Korb zu bekommen, nahm sich Wolfram Huke den Korb gleich selbst.

«Wenn ich mit 16 mal ein Erfolgserlebnis gehabt hätte, wäre das nicht passiert», glaubt er, «dann wäre es sogar egal gewesen, wenn mich die nächsten fünf Frauen abgelehnt hätten.» Einmal zu erfahren: Mit dir ist nichts verkehrt, es kann klappen – das hätte seinen «Knoten», wie sich Huke ausdrückt, gar nicht erst entstehen lassen. Viele Jahre später, als sich der Knoten gelöst hatte, erzählten ihm gleich mehrere Frauen, wie verwirrt sie damals von seinem Verhalten gewesen seien, wie sehr es sie verunsichert habe, dass er sich plötzlich zurückzog. «Die wussten nicht, was ist jetzt mit dem? Eben war doch noch alles okay? Will der jetzt, oder will er nicht? Dass ich ein Problem mit mir selbst hatte, war ihnen gar nicht klar.»

Man kann Wolfram Huke nicht vorwerfen, er habe sich nicht bemüht, seine Situation zu ändern. Zeitweise war er bei zehn Dating-Plattformen gleichzeitig angemeldet. Aber das half ihm auch nicht weiter, «denn irgendwann sitzt man dann ja doch voreinander». Er hatte sich beim Speeddating zum Deppen gemacht und sich im Amsterdamer Rotlichtviertel von einer Prostituierten in ihr Schaufenster locken lassen. Das Bett quietschte, als würde eine Ferkelfamilie darunter hausen, und so ähnlich roch es auch: nach Moder, fremden Körperdüften und billigem Deodorant. Huke ergriff die Flucht, bevor die mit einem einschüchternd grossen Busen ausgestattete Prostituierte zum Vollzug schreiten konnte, deprimierter und einsamer als je zuvor.

Erst als Wolfram Huke sein Philosophiestudium an den Nagel hängte und stattdessen eine Regieausbildung begann, konnte in seinem Inneren etwas in Bewegung geraten. An seinem 29. Geburtstag fasste er einen geradezu verwegenen Beschluss: In einer Art Scheiss-drauf-Fatalismus entschied er, die Grossbaustelle seines Lebens, seine Suche nach Zweisamkeit, zum Thema eines Dokumentarfilms zu machen. Sollte doch jeder sehen, wie er sich abmühte, eine Freundin zu finden! Schlimmer konnte es ja eh nicht mehr kommen. Die Scham über seine Jungfräulichkeit, die für so viele Jahre eine treue Begleiterin gewesen war, warf er wie einen alten Lumpen über Bord. Er hatte es einfach satt, sich selbst peinlich zu sein.

Ein Jahr lang schleppte er die Kamera immer und überall mit sich herum. Filmte sich beim Aufstehen, Duschen, Essen, Auf-dem-Klo-Sitzen, Im-Internet-Surfen, Masturbieren. Ging in eine Stylingberatung, wo er lernte, es doch mal mit Hemden und Chinos zu versuchen statt der ewig gleichen praktischen Cargohosen und Kapuzenpullover, die ihn noch moppeliger aussehen liessen. Suchte sich eine Therapeutin, die ihm klarmachte, dass er selbst es war, der seinem Glück im Weg stand – für Huke eine völlig neue, in einem positiven Sinn erschütternde Perspektive, «ich hatte ja immer geglaubt, ich bin ein Opfer, die ganze Welt ist gegen mich». Sein Film «Love Alien» lief in kleinen Programmkinos und im Bayerischen Rundfunk. Interviews und Einladungen in Talkshows folgten und einige Zeit später auch ein Buch. Zu seiner Überraschung machte sich keiner über ihn lustig. Das lag wohl an der entwaffnenden Ehrlichkeit, mit der Huke über sein Problem sprach. Und vielleicht auch daran, dass Unsicherheit und die Angst vor Zurückweisung selbst Beziehungsprofis nicht fremd sind. Gehört zu einer jungen Liebe nicht immer das Risiko, verletzt zu werden? Fühlt sich der erste Sex mit einem neuen Liebespartner nicht jedes Mal an, als sei man wieder so tapsig und unerfahren wie beim allerersten Mal?

Gelöst war sein Problem noch immer nicht, aber durch die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema hatte es sich «irgendwie zerredet». Huke zermarterte sich jetzt nachts nicht mehr den Kopf, er hatte nämlich Besseres vor: Erst zaghaft, dann immer leidenschaftlicher verfiel er dem Swingtanz Lindy Hop. 15 Frauenhüften und 30 Frauenhände in einer einzigen Stunde – so viel Anfassen war noch nie!

Wie ein Gewitterregen nach einem drückenden Tag befreite das Tanzen Huke aus dem Korsett seiner Hemmungen. Die mitreissende Musik war einfach stärker als sein altes Verhaltensmuster, den «Discosteher» zu geben, so wie früher, und den anderen bloss dabei zuzugucken, wie sie sich amüsierten. Erfreulicherweise muss man beim Lindy Hop auch keinen Smalltalk machen. «Und wenn die Chemie stimmt», sagt Huke mit leuchtenden Augen, «wenn man mit jemandem wirklich gut tanzen kann, dann hat das etwas Magisches. Da ist gleich eine Verbindung da.»

In den drei Jahren, die seither vergangen sind, hatte er «drei Schnupperbeziehungen und eine richtige». Drei der vier «Mädels» hat er beim Tanzen kennen gelernt – Huke sagt tatsächlich Mädels, obwohl es sich durchwegs um erwachsene Frauen handelt. Vielleicht deshalb, weil er in Liebesdingen noch ein Junge ist.

Die erste erlöste ihn beherzt aus seiner Jungfräulichkeit, was toll war, «aber auch unglaublich überfordernd». Hilfe, wie geht das? Wo fass ich denn jetzt an? «Zum Glück», sagt Huke, «hatte sie so viel Erfahrung, dass sie ganz entspannt war, weil sie wahrscheinlich schon alles gesehen hatte. Die kann man mit nix schocken.» Der zweiten las er Gedichte vor, was er für romantisch hielt, bis sie seinen Mund mit Küssen verschloss, weil ihr der Sinn nach Ekstatischerem stand als der Poesie. Doch so richtig platzte sein Knoten erst mit der vierten: Eva, seiner grossen Liebe. Bei ihr wagte er es sogar, den ersten Schritt zu machen.

Huke kramt das Handy aus der Tasche und scrollt durch die Fotodatei, um stolz seine Eroberung zu präsentieren. Zu sagen, Eva sehe gut aus, wäre untertrieben. Sie ist bildhübsch, eine 28-jährige mandeläugige Beauty aus Taiwan, die als Studentin in Europa ein Auslandsemester absolvierte. «An diesem Gesicht werde ich mich selbst in fünfzig Jahren nicht sattsehen», sagt Huke mit dem glückseligen Lächeln des Schwerverliebten. Auch sie erspähte er beim Tanzen. Nach einer durchküssten Nacht reisten sie gemeinsam durch Europa, verbrachten, als Eva nach Taiwan heimgekehrt war, halbe Nächte auf Skype. Schliesslich flog er für ein halbes Jahr nach Taipeh, um herauszufinden, ob das junge Glück sein grosses Versprechen auch einhielt.

Erfüllt die Liebe seine Erwartungen, jetzt, wo er sie endlich kennen gelernt hat? Oder kann die Wirklichkeit mit seinen Sehnsüchten, die über so viele Jahre ins Leere gelaufen sind, gar nicht Schritt halten? Die Antwort kommt ohne jedes Zögern: «Mag schon sein, dass ich romantischen Luftschlössern hinterhergehangen bin», sagt Huke, «aber die Realität ist auch super.» Es sei nicht so sehr der Sex gewesen, den er vermisst habe, das sagenumwobene erste Mal, von dem die anderen glaubten, er müsse es bloss hinter sich bringen, und dann sei endlich alles gut, «sondern Beziehung, Liebe, ein Mensch». Das alles habe ihm völlig zu Recht gefehlt.

Aber natürlich ist auch seine Romanze nicht wie im Film, wo mit schluchzenden Geigen der Abspann folgt, sobald sich die Liebenden endlich gekriegt haben und die wahren Probleme noch gar nicht in Sichtweite sind. Zwischen ihm und seiner Eva liegen 9000 Kilometer. Wie sollen sie es schaffen zusammenzuleben, wenn Wolfram Huke nicht in Taipeh arbeiten kann und seine Freundin, eine Projekt- und Social-Media-Managerin, nicht in Leipzig? Und was passiert, wenn Evas Eltern erfahren, dass ihre Tochter mit einem Europäer liiert ist, was in Taiwan überhaupt nicht als comme il faut gilt? Auch seinen ersten richtigen Streit hat das junge Paar noch vor sich. Trotzdem ist Wolfram Huke optimistisch. «Seit ich Eva kenne, kann ich irgendwie nicht mehr pessimistisch sein», sagt er, «vielleicht habe ich meinen Pessimismus aufgebraucht.»

Zum Schluss bitteschön noch ein Tipp für all die anderen da draussen im Orbit der Liebessehnsüchtigen und Ungeküssten: Wie entkommt man der Einsamkeit, Wolfram Huke? Huke zaudert. Er betrachtet sich eigentlich nicht als jemanden, der anderen Ratschläge erteilen sollte. Aber so viel sagt er doch: «Vergesst Onlinedating. Lernt, mit euch selbst klarzukommen, und geht unter Leute. Tanzen, Mannschaftssport, Chorgesang oder irgendein Verein – Hauptsache, ihr seid dort, wo andere Menschen sind.» Die Antworten auf die wirklich grossen Fragen der Menschheit sind eben manchmal erschreckend simpel.

Wolfram Huke: Love Alien. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt 2016, 224 Seiten, ca. 15 Franken

Claudia Senn

Die Autorin ist Kultur-Redaktorin und Reporterin bei annabelle. claudia.senn@annabelle.ch

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