Trendshooting

«Stärke und Lebenskraft sind für mich Ausdruck von Weiblichkeit»

Interview: Kerstin Hasse; Foto: John Patrick Walder

Was heisst neue Weiblichkeit im Jahr 2017? Wir haben mit drei Millennials, die Teil unseres grossen Modeshootings aus dem Trendheft sind, über Femininität gesprochen. Für Liska Bernet, Flüchtlingshelferin, hat sich dieser Begriff sehr stark durch ihre Arbeit in Griechenland verändert. 

annabelle: Liska Bernet, wie hat Ihr Engagement als Flüchtlingshelferin Ihre Sichtweise auf Weiblichkeit verändert?
Liska Bernet: Die Rollen der Frauen in den verschiedenen Kulturen unterscheiden sich sehr stark. Welche Aufgaben eine Frau übernehmen kann, wie sich eine Frau verhalten soll, das alles ist unterschiedlich und für uns Westeuropäerinnen ist es manchmal schwierig, diese Rollenbilder zu verstehen. Innerhalb unseres Teams von Helfern und Helferinnen ist Gleichstellung zwischen Frauen und Männern eine Selbstverständlichkeit, in der Arbeit mit Flüchtlingen ist sie jedoch nicht immer einfach umsetzbar. Weil Frauen meistens für die Familienbetreuung verantwortlich sind, können sie unsere Schule nicht regelmässig besuchen. Also haben wir eine Kinderkrippe eröffnet, sodass es Frauen auch möglich ist, an den angebotenen Kursen teilzunehmen. Auch in Europa sind die Sichtweisen auf die Geschlechterrollen und die Definition von Weiblichkeit sehr vielfältig. Gerade im patriarchalischen Griechenland herrschen sehr traditionelle Rollenbilder. Ich habe gelernt, diese Vielfalt zu akzeptieren und damit umzugehen und meine persönliche Ansicht dennoch überzeugt zu vertreten.

Wie reagieren die Frauen darauf?
Auch das ist unterschiedlich. Viele Frauen sind erst Anfang zwanzig und haben bereits vier oder fünf Kinder. Wenn ich ihnen sage, dass ich bereits 27 bin, aber weder verheiratet noch Mutter, reagieren sie schockiert: «Was? Du hast keinen Mann? Du bist doch hübsch, du musst heiraten!» Ich versuche ihnen dann zu erklären, dass das bei uns in Europa ein bisschen anders funktioniert. Viele Afghaninnen zum Beispiel, die teilweise bereits mit 15 Jahren Mutter werden, sagen mir aber auch: Du machst das richtig, ich würde auch gern studieren, und ich finde es nicht gut, dass in unserer Kultur Frauen so früh Kinder haben müssen.

Gibt es so etwas wie weibliche Bedürfnisse bei den Flüchtlingen, die Sie als Helferin beobachtet haben?
Da Weiblichkeit je nach Kultur und Gesellschaft anders definiert wird, kann ich diese Frage nicht so leicht beantworten. Ich stelle fest, dass viele Frauen sehr kooperativ und hilfsbereit sind, sich nicht schnell entmutigen lassen und versuchen, aus ihrer Situation das Beste zu machen. Ich beobachte ausserdem, dass viele Frauen auch in Extremsituationen viel Wert auf ihr Äusseres legen. Selbst wenn sie im grössten Schlamm und Dreck mit 15 Leuten in einem Zelt leben, ist ihnen ein würdevoller Auftritt wichtig. Sie waschen sich jeden Tag, schauen, dass ihre Kleidung immer sauber ist. In unserem Zentrum haben wir einen Woman Space, wo die Frauen unter sich sein und sich austauschen können und wir Workshops anbieten.

Wie muss man sich diese Workshops vorstellen?
Es finden verschiedene Workshops statt, die meistens von den geflüchteten Frauen selbst organisiert werden. Zum Teil wird über erlebte Gewalt gesprochen oder über Rechte und Pflichten der Frauen in den unterschiedlichen Kulturen. Manchmal organisieren die Frauen aber auch Beauty-Workshops mit Make-up, Henna und Nagellack. Da werden vermeintlich typische Frauensachen so richtig zelebriert. In solchen Momenten merkt man, dass sich unter den Frauen eine Gemeinschaft bildet. Manche Frauen schminken sich wieder ab, bevor sie den Raum verlassen, da sie äussere weibliche Attribute nicht so stark betonen möchten. Und die Haare verschwinden dann wieder unterm Kopftuch. 

Wie hat sich Ihrer Zeit als Flüchtlingshelferin in Griechenland Ihr eigenes Bedürfnis nach weiblichen Ritualen und Attributen verändert?
Früher habe ich mich viel öfter geschminkt und mir mehr Gedanken über Äusserlichkeiten oder Schönheitsideale gemacht. Heute arbeite ich weitgehend mit Menschen zusammen, die Muslime sind und nach den Werten des Islam leben. Daher passe ich meine Kleidung an, wenn ich in einem Flüchtlingscamp arbeite. Grundsätzlich bewege ich mich in einem aktivistischeren, feministischeren und emanzipierteren Umfeld als früher und setze mich kritischer mit traditionellen Rollenbildern und Vorstellungen von Weiblichkeit auseinander. Heute setzte ich Weiblichkeit nicht mehr mit Äusserlichkeiten gleich.

Sondern?
Für mich hat Weiblichkeit viel mit Stärke, Sorgfalt und mit Aufmerksamkeit gegenüber anderen zu tun. Frauen auf der Flucht zeigen oftmals eine unglaubliche Kraft und einen starken Willen. Wenn ich sehe, dass Frauen – oft allein – mit fünf oder mehr Kindern auf der Flucht sind, weil sie ihre Angehörigen oder Männer verloren haben, dann beeindruckt mich das sehr. Frauen sind auf der Flucht besonders vielen Gefahren ausgesetzt. Diese Stärke, diese Lebenskraft ist für mich ein Ausdruck von Weiblichkeit.

Liska Bernet (27) hat Politikwissenschaften an der Universität Zürich und Entwicklungszusammenarbeit mit Fokus auf humanitäre Nothilfe an der London School of Economics (LSE) studiert. Die von Bernet gegründete Organisation Khora bietet Flüchtlingen in Athen unter anderem einen Kinderhort, Sprachkurse, juristische Beratung, eine Zahnarztpraxis sowie kostenloses Essen an.

Haare: Rachel Bredy für Style Council/Zürich. Make-up: Daniela Koller für Style Council/Zürich. Styling: Daniella Gurtner & Nathalie de Geyter. Casting & Production: Monica Pozzi. 

Kerstin Hasse

Die Online-Reporterin findet Menschen und ihre Geschichten spannend. Egal ob die Geschichte traurig oder schön, klein oder gross ist – sie erzählt sie gern.

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