Apropos Mode

Das Ende dem Mode-Messias

Text: Jacqueline Krause-Blouin; Foto: Getty Images

Das Ende dem Mode-Messias
  • Selber ein kleiner Modegott: Alessandro Michele, Creative Director bei Gucci

Die stellvertretende annabelle-Chefredaktorin Jacqueline Krause-Blouin prophezeit den derzeit gehypten Fashion Hotshots keine rosige Zukunft.

Kein Geheimnis: Die Modeszene steckt in einer handfesten Identitätskrise. Alles wird infrage gestellt: Saison, Geschlechtertrennung, Zeitpunkt der Shows. Krisen sind essenziell für eine Entwicklung und könnten kreatives Empowerment bedeuten, denn die Mode liebt nichts so sehr wie das Neue. Schwierig nur, dass das Neue bald alt ist. Also tut die Fashioncrowd in ihrer Panik das, was sie schon immer tat: Sie krallt sich junge, kreative Rebellen und hofft auf Rettung. Ein Mode-Messias muss her! Dabei liegt die Lösung auf der Hand: Die Mode, pardon, die Kleidung muss zurück ins Rampenlicht. Sie ist das, worauf die Branche aufbaut, nur haben wir das vor lauter Designerkarussell, Frontrow-Wahnsinn und Social-Media-Abhängigkeit vergessen.

Die neuen jungen Wilden sind indes schnell gefunden: Alessandro Michele und Demna Gvasalia. Sie sollen die Modewelt umkrempeln, wie die «New York Times» titelt. Gvasalia sorgte mit Vetements, einem Kollektiv, für Furore. Der Hype ist auch deshalb so gross, weil es sich um eben dies handelt: ein Kollektiv. Hievt man aber einen Einzelnen daraus auf die Cover der Branchenzeitschriften, verliert er seine Glaubwürdigkeit und das, was alle so toll an ihm fanden: dass es ihm eben nicht um den Designer als Popstar geht, sondern um das Textil, das uns Tag für Tag umgibt. «Die Branche wurde zu einer Bühne für die grossen Designer, auf der sie sich wie Solokünstler exponieren konnten», lamentierte er noch im Januar. Im Februar schmückte er das Cover von «The Business of Fashion» und liess sich mit Kanye West ablichten. Man muss dazu sagen, dass Gvasalia nicht viele Interviews gegeben hat. Aber die, die er gab, wurden zitiert, paraphrasiert und interpretiert bis zur Bewusstlosigkeit. Das zeigt, wie verzweifelt die Branche ist, wie gierig nach Erleuchtung. Fashion ist ein hungriges Biest. Und auch der nächste Messias wird gefressen werden.

Jacqueline Krause-Blouin

Die stellvertretende Chefredaktorin interessiert sich für Mode, Musik, Theater und alle Facetten der Popkultur. Und für aussergewöhnliche Frauen: berühmt oder berüchtigt, tot oder lebendig.

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