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Himmlisch geerdet: Schweizer Designerduo Huber Egloff

Stil

Himmlisch geerdet: Schweizer Designerduo Huber Egloff

  • Text: Frank Heer; Porträtfoto: Maurice Haas; Fotos: Arnaud Pyvka/Walter Schupfer Management für Huber Egloff

Das junge Zürcher Designerduo Huber Egloff macht Mode für die eigene Generation und hebt dabei gerade ziemlich ab. Als Ideenteppich dient den beiden ihr ganz persönliches Umfeld.

Gute Mode entsteht im Kopf. Besser noch in zwei Köpfen. Der eine, mit Schnauz, heisst Andreas Huber, der andere, mit Fünftagebart, Raúl Egloff; wenn die beiden 32-Jährigen ihre Köpfe zusammenstecken, entstehen Frauenkleider. Doch bis dahin ist es ein langer Weg, denn am Anfang ist meistens die Leere – oder das Moodboard, wie die türgrosse Pinwand heisst, die im Zürcher Atelier von Huber Egloff steht. Daran werden Bilder geheftet, die inspirieren, amüsieren, irritieren: Fotos afrikanischer Körperbemalungen, das Pausenbild des Schweizer Fernsehens, Raumschiffe und Astronautenanzüge, ein Logo der Nasa oder Sportswear von gestern für Champions von morgen.

«Wir saugen unsere Umwelt auf», sagt Andreas Huber, unprätentiös im schwarzen T-Shirt, dazu Jeans und Sneakers, Haare nach hinten gekämmt. «Menschen, Musik, Museen, Magazine, aber auch die Natur. Alles fliesst in unsere Arbeit ein.» Auch eine Ausstellung im Zürcher Museum Rietberg zum Thema Kosmos lieferte Ideenzündstoff für die Frühling/Sommer-Kollektion 2016, die Huber Egloff im September an der Fashion Week Paris zeigen wird. «Spannend fanden wir, wie unterschiedlich sich Menschen über die Jahrtausende mit der Darstellung und Interpretation des Weltraums beschäftigten», sagt Raúl Egloff, auch er casual im weissen Shirt und mit Schirmmütze. «Von der mythischen Kosmologie der alten Völker bis hin zu den Visualisierungen der Nasa. Das inspirierte uns philosophisch wie ästhetisch.»

In die Mode von Huber Egloff übersetzt bedeutet das: unaufgeregter Futurismus unter Verwendung aussergewöhnlicher Textilien. Mut zu epischen Schnitten, die an Uniformen erinnern oder Sciencefictionfilme aus den Siebzigern. Farblich dominieren Weiss, Silber, Rostrot. Oder blasse Pastelltöne, wie man sie in den Fotografien von Viviane Sassen oder in den colorierten Weltallbildern der Nasa entdeckt. Zumindest im Lookbook, am Körper des kahlköpfigen Schweizer Models Tamy Glauser, sehen die mit Ringen und Ellipsen (Raumschiffe?) bedruckten Blusen und gestreiften Jupes ziemlich toll aus. Mode, nach der man sich kurz umdreht, ohne sich gleich den Hals zu verrenken.

«Natürlich sind wir nicht so frei im Ausdruck wie die Künstler», sagt Andreas Huber. «Unsere Kleider müssen tragbar sein, haben einen kommerziellen Zweck. Das bedeutet: Wir nehmen Rücksicht auf Funktionalität und Komfort.» Das Reizvolle an ihren Kreationen liegt darin, dass sich Eleganz und Streetwear, Bekanntes und Experimentelles so lässig ergänzen. Dazu gesellen sich Déjà-vu-Momente: Kennen wir dieses Muster nicht von früher? Sind das nicht die Schnitte der Achtziger? Neunziger? Trotzdem nähen Huber Egloff keine Retroklamotten, sondern Kleider für Leute von heute. «Als Modeschöpfer haben wir auch einen emotionalen Auftrag», sagt Andreas Huber. «Wir schaffen Identitäten, verarbeiten Vertrautes, spielen mit Sehnsüchten, die mit unserer Generation zu tun haben: Hip-Hop, Gothic, die Skaterszene oder Basketball. Und weil wir uns mit unseren Kleidern identifizieren, ist es für uns auch unabdingbar, dass wir mit fair gehandelten und nachhaltig produzierten Materialien arbeiten.»

Das Atelier befindet sich in einem Ladenlokal an der verkehrsberuhigten Zürcher Weststrasse, an der sich Kreative und Szenecafés eingemietet haben. Die Nähmaschinen stehen im Keller, zwischen weiss gestrichenen Wänden und vollen Kleiderständern, auf einem Arbeitstisch stapeln sich Mode- und Kunstmagazine. Kennen gelernt haben sich Andreas Huber und Raúl Egloff beim St. Galler Modehaus Akris, wo sie als Designer angestellt waren. Huber hatte visuelle Kommunikation in Zürich studiert, Egloff Modedesign an der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Antwerpen. Sie sammelten Eindrücke bei wichtigen Häusern wie Lanvin und Balmain in Paris oder Kostas Murkudis in Berlin.

Der Plan, ein eigenes Label zu gründen, war «eigentlich eine Bieridee», die vor drei Jahren zu später Stunde in einer Zürcher Beiz entstand und den Kater am nächsten Morgen überlebte. Dass das Duo seither jährlich zwei Kollektionen herausgebracht hat, verdankt es nicht zuletzt den wertvollen Erfahrungen beim vormaligen Arbeitgeber: «Akris ist eine internationale Firma, die es sich nicht leisten kann, ihren exzellenten Ruf aufs Spiel zu setzen. Disziplin und Präzision verstehen sich von selbst. Das hat uns geprägt und geholfen, unser eigenes Label auf die Beine zu stellen, einen Businessplan zu entwickeln, der funktioniert.» Glamourös ist das selten: Etwa 15 Prozent ihrer Arbeit sei kreativ, sagt Andreas Huber, «der Rest ist Administration und Recherche.»

Dafür, dass sich das kleine Label noch immer in der Aufbauphase befindet, kann es sich nicht über fehlende Aufmerksamkeit beklagen. Die Kleider von Huber Egloff gibt es nicht nur in Zürich, sondern auch in Genf, Antwerpen und Paris zu kaufen, und die Frühling/Sommer-Kollektion 2014 wurde für den Schweizer Designpreis nominiert: Das Duo kombinierte Seide mit hochwertigen Frotteestoffen und verbeugte sich vor den Textilcollagen der Künstlerin Louise Bourgeois. Das Resultat begeisterte die Fachjury: «Schon viele Brands haben sich an einer Neither-City-nor-Sportswear-Mode die Finger verbrannt», heisst es in der Nominationsbegründung. «Nur wenige haben dabei ein subtiles und erfrischendes Gleichgewicht gefunden, das ein Gespür für den Zeitgeist beweist und zugleich marktreif ist. Mehr davon!»

Mode ist ein schnelllebiges Geschäft, wer auf der Zielgeraden zur neusten Kollektion nicht schon an die nächste denkt, ist verloren. «Es ist wie eine Sucht. Man ist ständig auf der Jagd nach Inspiration», sagt Raúl Egloff. Mittlerweile habe man eine eigene Stylistin (das Schweizer It-Girl Ursina Gysi), eine Pressestelle und eine Agentur in Paris. Überhaupt geht fast nichts ohne Paris. Es sei wichtig, sich regelmässig in den grossen Modestädten zu zeigen, «auch wenn uns persönlich nicht viel an der Glamourwelt der Branche liegt. Aber internationale Kontakte knüpft man nun mal auch dort. Sie sind für uns überlebenswichtig.»

Angst, dass ihr Zürcher Atelier schon bald zu weit weg von den Epizentren New York, Mailand oder Paris liegen könnte, haben die beiden Unternehmer keine. «Wir kommen aus Zürich, hier sind unsere Freunde, hier sind wir vernetzt, hier können wir in Ruhe arbeiten. Man muss nicht in Paris leben, um tolle Kleider zu entwerfen.» Oder anders: Gute Mode entsteht im Kopf.

— Die aktuelle Herbst/Winter-Kollektion des Duos: www.huberegloff.com

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Stücke aus ihrer Herbst/Winter-Kollektion

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3.

Blick ins Lookbook: Tamy Glauser zeigt die Frühling/Sommer- Kollektion 2016 von Huber Egloff