Heft 08/15

Interview mit Modedesignerin Kazu Huggler

Interview: Andrea Bornhauser; Fotos: Filipa Peixeiro/Mercedes-Benz Fashion Days/Zurich

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«Ich möchte Kleider machen, die auch in fünf Jahren noch tragbar sind»: Kazu Huggler

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Kimono und Obi-Gürtel: Was macht japanische Ästhetik so besonders? Die schweizerisch-japanische Modedesignerin Kazu Huggler weiss es.

annabelle: Kazu Huggler, was macht japanisches Design aus?
Kazu Huggler: Japaner verstehen es, etwas Bestehendes zu verfeinern. Oft kommt eine Idee für ein Produkt aus den USA und wird dann praktisch, leicht und kompakt gemacht. Und immer auf das Wesentliche reduziert. Selbst wenn etwas opulent ist, wirkt es nie wuchtig und schwer.

Und doch haben opulente Stickereien einen dekorativen Charakter. Zumindest für westliche Augen.
Natürlich spielt die Optik immer eine Rolle, aber Japaner dekorieren nicht nur um der Schönheit willen. Jedes Sujet hat eine Bedeutung.

Geben Sie uns ein Beispiel?
Der Fisch auf meiner Jacke ist kein herziger Goldfisch, sondern ein Koi (siehe Modestrecke «Asian Flowers»). Der Koi ist in Japan ein Symbol für Stärke und Ausdauer und deshalb ein beliebtes Sujet auf Bomberjacken, die oft von Strassengangs getragen werden. Sie sehen, japanische Kleiderkunst ist mehr als Blumen- und Tiermuster und Wickeltechniken. Es steht eine ganze Philosophie dahinter, eine Haltung.

Was ist der Kerngedanke dieser Philosophie?
In Japan soll ein Kleidungsstück stets einen Bezug zwischen der Trägerin und ihrer Umwelt herstellen. So werden beispielsweise die Motive den Jahreszeiten angepasst. Wer Wert auf Traditionen legt, trägt Kirschblütenmuster nur, wenn diese auch tatsächlich blühen. Ein echter Profi ist zudem, wer eine Blume schon kurz vor ihrem Erblühen trägt. Zum Beispiel eine Kamelie im Februar. Das ist für uns ein Ausdruck von Respekt gegenüber der Natur und ihrer Vergänglichkeit.

Was machen Menschen, die in einer Grossstadt wie Tokio fernab der Natur leben?
Wer Wert darauf legt, kriegt es auch in der Stadt mit. Auch dank der Blumensteck-Kunst Ikebana, die ebenfalls nur mit saisonalen Blumen arbeitet und welcher dieselbe bewusste Haltung zugrunde liegt. Oder dank Teezeremonien, bei denen immer eine Ecke mit Blumen geschmückt ist. Es gibt übrigens auch Tabellen, in denen nachzulesen ist, wann welche Blüte getragen werden kann.

Halten Sie sich bei Ihren eigenen Kollektionen daran?
Natürlich berufe ich mich bei meinen Couture-Kleidern auch auf japanische Symbolik, sie ist die Basis meines Designs. Zum Beispiel gibts in meiner neuen Bridal-Kollektion einen Stoff mit Kranichmotiv, einem Symbol der Langlebigkeit und des Glücks. Ausserdem sollen diese Vögel ein Leben lang monogam sein, wie passend. Ich erzähle meinen Kundinnen jeweils die Geschichte hinter einem Sujet. Was sie damit anfangen, überlasse ich aber ihnen. Beispielsweise habe ich auch ein Brautkleid mit Zwetschgenblüten. Die haben Stacheln. Eine Japanerin würde nie in so einem Kleid heiraten. Viele meiner Schweizer Kundinnen wählen den Stoff aber gerade wegen dieser Message: Achtung, ich bin zwar schön wie diese Blüte, habe aber auch meine Ecken und Kanten.

In den aktuellen Prêt-à-porter-Kollektionen waren viele Gürtel zu sehen, die an den traditionellen Kimonogürtel, den Obi, erinnern. Irritiert Sie das als jemand, die mit der japanischen Kultur eng verbunden ist?
Überhaupt nicht. Die Designer müssen schliesslich jede Saison etwas Neues zeigen. Das ist auch ein ganz anderer Markt. Natürlich informiere ich mich über Laufstegtrends, aber ich möchte lieber Kleider machen, die auch in fünf Jahren noch tragbar sind.

Wann haben Sie das letzte Mal einen Kimono getragen?
Vor kurzem, als ich einen Vortrag gehalten habe und mich konzentrieren musste. Bereits das Anziehen – ich habe dafür über eine Stunde gebraucht – ist ein beruhigendes Ritual. Es ist ein bisschen, wie wenn Leute hier Yoga machen.

Was bedeutet der Kimono für Sie?
Er gibt mir Halt. Im Kimono fühle ich mich sicher und gewappnet. Darin rennt man nicht dem Bus hinterher, lässt sich nicht stressen und ist fokussiert aufs Wesentliche. Meine Dissertation habe ich auch im Kimono geschrieben. Innerhalb einer Woche war sie fertig.

Kazu Huggler

kommt 1970 in Tokyo zur Welt, als Tochter einer Japanerin und eines Schweizers. Sie wächst in der japanischen Hauptstadt auf, geht zur Schule und schliesst mit einem Studium in Japanischer Ästhetik ab. Anschliessend besucht sie das Central Saint Martins College of Fashion in London. Seit 2002 führt sie in Zürich, wo sie mit ihrer Familie lebt, ihr eigenes Modelabel Kazu. Sie reist regelmässig in ihre alte Heimat Japan.

— Kazu Store & Atelier, Neptunstrasse 2, Zürich, www.kazuhuggler.com

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