Ikone des Punk

Interview mit Vivienne Westwood: Britische Modedesignerin und Punk-Ikone

Interview: Christina Duss; Foto: Imaxtree
  • Vivienne Westwood, London, FS 2015

    «Damit ein Volk die Macht selber übernehmen kann, muss es gebildet sein, schon von Kind an»

«Reine Zeitverschwendung» sei ihre neue Biografie, findet die grosse britische Designerin Vivienne Westwood. Denn sie interessiert sich brennend für alles ausser für sich selbst. Ein Abend mit der Ikone des Punk.

Eine halbe Stunde vor der Buchpräsentation im Londoner Mark’s Club ist der Stargast des Abends noch immer nicht da. Jaja, Vivienne sei auf dem Weg, mit dem Velo, wie immer, sagen die Leute ihres Teams. In den Räumen des edlen Stadthauses stapeln sich die dicken Bände der Biografie, die der englische Autor Ian Kelly in enger Zusammenarbeit mit der 73-jährigen, von der Queen geadelten Designlegende und Mitgründerin der britischen Punkbewegung verfasst hat. «Es war spannend, in die Vergangenheit zurückzugehen», wird sie später sagen, «so, als ob ich ein interessantes Kind analysieren würde.»

Dann steht sie auf einmal im Raum, in einer eigenen Kreation aus dicker Seide, darüber ein Wolljäckchen, dazu trägt sie sehr hohe, sehr rote Plateauschuhe. Sie ist von zarterer Statur, als man sich vorgestellt hat, die grauen Haare sind kurz geschoren, sie hat einen zauberhaften Porzellan- teint. In ihren Ohren stecken zwei winzige Hörgeräte, und der Händedruck ist noch klamm vom eisigen Wind.

Sie setzt sich aufs Sofa und faltet die Bahnen ihres Kleids einmal, zweimal, dreimal in ihrem Schoss – ein Tick, sie wird das während des Gesprächs immer wieder tun. Wir beginnen gerade ein bisschen mit Smalltalk, als Westwood abrupt unterbricht und sich zu ihrer Pressefrau umdreht: «Klebt das Manifesto vorne im Buch?» Und dann, zu mir: «Das ist meine Message.» War ja klar, dass der feurigen Aktivistin, die sich mit nuklearer Abrüstung, Klimawandel und Bürgerrechtsfragen auseinandersetzt, das gefaltete A4-Pamphlet mit dem Titel «Das Ende des Kapitalismus und wie er die Welt beherrscht» wichtiger ist als der andere Kram: ihre erste offizielle Biografie.

annabelle: Vivienne Westwood, wie kommt es, dass erst jetzt eine autorisierte Biografie über Sie erscheint?
VIVIENNE WESTWOOD: Man hatte mich jahrelang vergeblich darum gebeten. Denn eigentlich ist das reine Zeitverschwendung, ich interessiere mich nicht für mich selbst. Und ganz ehrlich: Ich weiss schon gar nicht mehr so genau, was da drinsteht. Ich weiss auch nicht mehr genau, was gestern passierte, nicht wahr? (Dreht sich zu ihrer Pressefrau um.) In meinem Leben geht es nie darum, was geschehen ist, und auch nicht darum, was ich als Nächstes tun will, sondern einzig darum, was ich als Nächstes tun muss.

Sie scheinen ständig in Sorge um etwas oder jemanden zu sein.
Das stimmt, aber man lernt, damit zu leben. An den Aktivisten Leonard Peltier, für dessen Freilassung ich lange gekämpft habe, habe ich jeden Tag gedacht: Wird er jemals den Mond wiedersehen, spüren, wie wundervoll der Wind ist?

Wer sind Ihre Helden?
Alex Salmond, der schottische Premierminister. Der Tag, an dem über die schottische Unabhängigkeit abgestimmt wurde, war der wichtigste Tag in meinem Leben. Fast hätte sich das Volk über die Macht der Banken erhoben. Die Leute in England sind Idioten. Die wissen nicht, was abgeht. Mein anderer Held ist Julian Assange. Er hat mit Wikileaks eine Bibliothek der Wahrheit geschaffen.

Am Ende Ihrer Biografie schreibt Ian Kelly, Sie hätten ihm geraten, «Pinocchio» zu lesen.
Auch er ein Held! Es ist wunderbar, sich mit diesem frechen Buben zu beschäftigen. Der Autor Carlo Collodi setzte sich für die Einheit Italiens ein, als bei den Leuten noch Bilder des österreichischen Kaisers an den Wänden hingen. Damit ein Volk die Regierung stürzen und die Macht selbst übernehmen kann, muss es gebildet sein, schon von Kind an. «Pinocchio» ist eine Lektion: Es geht darum, Verantwortung zu tragen.

Wer hat Sie in Ihrem eigenen Leben am meisten beeinflusst?
Der Intellektuelle Gary Ness. Er hatte nicht viele Freunde. Ich war jedoch interessiert an ihm und half ihm finanziell, obwohl ich damals von dreissig Pfund Arbeitslosengeld pro Woche lebte. Gary Ness hasste Proust, war Kettenraucher und verprasste sein ganzes Geld für Zigaretten. Als ich einmal für ein halbes Jahr nach Italien zog, lieh ich ihm einen schönen Batzen, den ich von meinem Sohn Ben geborgt hatte. Bei meiner Rückkehr waren seine Augen von einem blauen Film überzogen und hatten ihren Glanz verloren. Schrecklich! Er hatte sich sechs Monate lang von Milchpulver und Zigaretten ernährt. Das ganze Geld war weg.

Warum war er Ihnen denn so wichtig, dass Sie ihm das verziehen?
Er gab mir das, was ich wirklich brauchte: Hirnstimulation. Viele andere waren an Tiefgründigkeit nicht interessiert. Er schon. Nun setzt sich Autor Ian Kelly mit aufs Sofa. «Hello Vivienne, wie geht es dir?», sagt er, «Ich hoffe, du hattest Kuchen zum Frühstück?» Gibt es Entzückenderes als Engländer? Dann trifft auch Westwoods Ehemann Andreas Kronthaler ein sowie ihre Söhne aus zwei vorherigen Ehen, Ben und Joseph. Alte Weggefährten stossen dazu, etwa die Musikerin Chrissie Hynde, die Designerin Bella Freud, der Musiker und Fotograf Bryan Adams, die Modekritikerin Hilary Alexander, das Model Alice Dellal und die Schauspielerin Jaime Winstone. Dass Jerry Hall gekommen ist, freut Vivienne Westwood ganz besonders. Als die 73-Jährige auf einem Stuhl stehend eine kurze (sehr lustige, ständig ausufernde) Rede hält, preist sie die Ex von Mick Jagger als «Frau, die stets an andere denkt und nicht bloss an sich selbst». Dann lässt sie sich wieder vom Stuhl herunterhelfen und zieht sich aufs Sofa zurück. Sie nippt Rotwein. Faltet die Seide in ihrem Schoss, einmal, zweimal, dreimal.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie so intensiv in der Vergangenheit wühlten?
Folgendes habe ich in einem Buch gelesen: Wenn man auf sein Leben zurückblickt, nimmt man an, dass es wie ein Weg sei, der auf die Gegenwart zuführt. Aber eigentlich ist das Leben doch eher wie ein Spaziergang querfeldein, und man weiss nie, was einen erwartet. Die Frage ist, ob man die Gelegenheiten nutzt, die sich einem bieten.

Gab es etwas, das Sie beim Lesen des fertigen Buchs überrascht hat?
Der Designer Tommy Roberts gab zu Protokoll, dass ich clever sei. Clever! Das hat mich unglaublich gefreut, schliesslich hielt ich mich lange für dumm. Das ist das beste Kompliment, das mir jemand machen kann.

Haben Sie ein glückliches Leben?
Keine Frage, sehr. Ich hatte eine sorgenfreie, wundervolle Kindheit. Wenn ich etwas ändern könnte, würde ich mich als 14-Jährige zwingen, Latein und Griechisch zu lernen. Man versteht als junger Mensch nicht, dass man später nicht mehr so viel Zeit hat.

Rebel With a Cause: Vivienne Westwood

Dame Vivienne Westwood wurde 1941 als Vivienne Isabel Swire im englischen Glossop geboren. Als 21-Jährige heiratete sie Derek Westwood – aus der Ehe stammt Sohn Ben und ihr Nachname. Die Ehe hielt nur knapp drei Jahre. Kurz nach der Scheidung verliebte sich die junge Frau in den späteren Sex-Pistols-Manager Malcolm McLaren, mit dem sie 1967 einen weiteren Sohn, Joseph Ferdinand Corre, bekam, die berühmte Punkboutique World’s End eröffnete und damit zu den Mitbegründerinnen der Punkbewegung zählt.

Aus Geldmangel begann Vivienne Westwood in dieser Zeit, selbst Kleider zu nähen. Mit Erfolg: Heute zählt Vivienne Westwood mit ihren Entwürfen – einer aufregenden Mischung aus historischer Bekleidung, körperbetonten Schnitten, Schottenkaro und ausgewählten Textilien – zu den berühmtesten Modedesignerinnen der Welt. Sie ist mit ihrem ehemaligen Modestudenten, dem Tiroler Andreas Kronthaler, verheiratet und Grossmutter einer Enkelin. Mit grossem Elan unterstützt sie Projekte, die sich mit Klimawandel, Menschenrechtsfragen oder Tierschutz auseinandersetzen.

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