Interview

Nadine Strittmatter, wie ist die Arbeit mit Karl Lagerfeld?

Interview: Silvia Binggeli; Fotos: René Fietzek

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Abendkleid aus Spitze mit applizierten Blütenblättern, Metallcuffs mit Strassringen und Perlenriemchensandalen – präsentiert vom Schweizer Topmodel Nadine Strittmatter

Kleid aus Mohair, Tweed und Spitze und Cape aus Spitze, beides mit Federn verziert, Hose aus Spitze, Bracelets mit Strassringen und Tweedboots

Tweedminikleid mit «Galons pellicule» (Zierborten in Filmstreifenoptik) und Armcuffs

Metallohrring mit Strass und Tweedminikleid mit «Galons pellicule»

Lacklederjacke mit Reissverschluss, Jeans mit dunklem Einsatz und Netzstrumpfhose

Tailleurjacke aus Tweed mit «Galons pellicule», schmale Hose aus Tweed und Bracelet mit Strassdetails

Etuikleid mit Spitzenapplikationen und Jupeteil aus Lackleder, paillettenverzierte Tailleurjacke aus Seidenorganza und Bracelet mit Strassring

Kleid in Trompe-l’oeil-Optik aus Tweed und Spitze mit «Galons pellicule» und Masche, Halsreif mit Strassring

Slipdress aus Mousseline mit Spitzendetails, Choker mit Strassring

Das Schweizer Topmodel Nadine Strittmatter (31) und annabelle-Chefredaktorin Silvia Binggeli lernten sich 2009 in New York kennen. Zeit, mal wieder am Telefon zu plaudern.

annabelle: Hallo Nadine, wo erreich ich dich gerade?
NADINE STRITTMATTER: In Paris, ich bin gestern oder vorgestern gelandet, ich weiss es ehrlich gesagt nicht mehr so genau. Ich leide noch ziemlich unter Jetlag, weil ich in Kuba war und dort die Cruise Collection von Chanel präsentiert habe.

Du präsentierst Chanel nicht nur auf dem Laufsteg, sondern wirkst im Vorfeld der Shows im Atelier als Anprobemodel: Wie ist die Arbeit mit Karl Lagerfeld?
Chanel ist ein grosses Haus, vielleicht das grösste. Bei einer Anprobe kommst du in den Raum, es hat zwanzig Leute um dich, natürlich auch Karl. Ich bin in solchen Situationen eher schüchtern, vor allem am Anfang, ich brauche Zeit, bis ich auftaue. Aber das Gute bei Chanel ist: Wenn man die Leute mit der Zeit kennen lernt, wird man auch Teil des Teams.

Ist Karl so diszipliniert, wie er in Interviews betont?
Er ist sehr kultiviert, und das liebe ich, davon versuche ich möglichst viel aufzusaugen. Sicher ist er auch diszipliniert. Sonst würde eine solche Karriere, wie er sie hat, nicht möglich sein.

Diskutiert ihr?
Nein. Nicht gross. Bei den Anproben geht es ja nicht um mich, sondern um die Kleider, die ich in den verschiedenen Entstehungsphasen präsentiere. Ausserdem befinden sich zwanzig Leute im Raum. Es ist nicht mein Wunsch, in dem Moment im Rampenlicht zu stehen, ich glaube, das wird an mir auch geschätzt.

Pro Jahr werden acht Kollektionen entworfen. Bei der Entstehung verbringst du über Wochen Stunden im Atelier. Und musst auch spontan zu Anproben?
Chanel ist wirklich toporganisiert, und alles ist sehr genau geregelt. Ungeplante Anproben gibt es nicht. Ich habe daneben auch andere Jobs und muss mich organisieren können. Es arbeiten noch ein bis zwei andere Models mit mir, die Atmosphäre ist vertraut, fast familiär. Was ich an dieser Arbeit insbesondere liebe: Der Blick geht immer nach vorn.

Auf die nächste Kollektion?
Ja. Einen Tag nach der Show komme ich ins Studio an der Pariser Rue Cambon, wir sprechen noch kurz über die letzte Präsentation. Und schon fängt wieder die Arbeit an der nächsten Kollektion an. Das gefällt mir. Es gibt so viele Menschen, die in der Vergangenheit leben.

Du hast mit 17 am Elite-Model-Look-Wettbewerb teilgenommen. Wie genau kams eigentlich dazu?
Meine Mutter hat Fotos an eine Agentur in der Schweiz geschickt. Sie nahm mich auf. Aber im Ausland wollte mich niemand. Sie fanden, ich sähe komisch aus, wäre keine klassische Modelschönheit. Ich wusste nach der Schule nicht, was ich machen wollte, und ging nach London, um Englisch zu lernen. Ich besuchte auch dort Agenturen, aber sie waren nicht interessiert. Eine Agentur in Paris nahm mich schliesslich auf. Der Fotograf Steven Meisel wurde auf mich aufmerksam und buchte mich für die italienische «Vogue». Ich wusste allerdings gar nicht, wer Steven Meisel ist (lacht).

Danach gings sehr schnell nach oben.
Ja, ich fing mit Fittings für die Haute-Couture-Show von Dior an, als John Galliano noch Chefdesigner war, und eröffnete seine Show, ich ging auch zum Casting von Chanel und wurde gebucht. Danach wurde ich für alle grossen Magazine fotografiert. Damals gab es noch mehr Beständigkeit im Modebusiness. Heute ist die Haltbarkeit viel kürzer, auch bei den Models.

Persönlichkeiten wie einst in den Neunzigern Cindy Crawford, Christy Turlington oder Claudia Schiffer sind nicht mehr gefragt?
Es gibt sie noch, die Charaktermodels. Ich glaube, sie werden wieder gefragter, aber es gibt auch Phasen, in denen Ausdruck von Persönlichkeit nicht gefragt ist. Die grossen Fotografen erzählen in der Modefotografie immer noch Geschichten. Sie arbeiten auf nachhaltige Bilder hin. Aber es gibt auch viele neue, junge Fotografen. Nur wenige von ihnen können den Models die richtigen Direktiven geben, wie das ein Steven Meisel oder ein Peter Lindbergh machen, was gerade junge Mädchen brauchen, deren Persönlichkeit noch nicht ausgereift ist. Viele der jungen Fotografen machen kein gutes Licht, jeder fotografiert irgendwie, es muss schnell gehen, danach wird üppig retuschiert. Am Ende ist das Resultat nicht richtig schlecht. Aber eben auch nicht richtig gut.

Warum wolltest du Model werden?
Eigentlich wollte ich Tierärztin oder Floristin werden. Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich dank dem Modeln die Welt entdecken kann.

Du wolltest aus der engen Heimat raus?
Ja und nein. Ich ging als Kind jeden Tag in den Wald reiten, war dauernd draussen. Das hat mich geprägt. Heute liebe ich die kreative Welt, Künstler, die mich inspirieren, und ich inspiriere selber gern durch meine Arbeit. Aber ich brauche beides, die Bodenständigkeit, die Nähe zur Natur und die Weltoffenheit: Bin ich zu lange in der Stadt, fühle ich mich unwohl.

Könntest du heute noch auf dem Land leben?
Ich liebe die Schweiz. Meine Eltern wohnen in Arosa, ich bin oft dort. Aber nur dort leben, einem normalen Bürojob nachgehen, nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Es gibt Menschen, die genau diese Regelmässigkeit suchen. Ich hätte Angst, stehen zu bleiben.

Wie reist du?
Beruflich, aber auch privat bereise ich die unterschiedlichsten Orte und Länder. Aber ich reise auch, indem ich Museen besuche, was ich in Paris oft tue. Künstler wie Charlotte Perriand, Matthew Barney, aber natürlich auch Picasso, Francis Bacon oder Lucian Freud beeindrucken mich. Ich schlendere über Flohmärkte, sitze in Cafés. Meine älteste und beste Freundin Angela Weber besitzt eine Vintage-Möbel-Galerie in Zürich. Sie weckte in mir das Interesse an Auktionen. Ich gehe gern hin, um mir die Objekte anzuschauen. Aber auch, um die Menschen zu beobachten. Ich will wissen, wie andere denken und leben, welche Möglichkeiten es noch gibt.

Wie kommst du zur Ruhe?
Ich versuche, die Balance zu halten, etwa mit Yoga.

Der Klassiker.
Ja. Im Moment ist das schwierig, weil ich viel arbeite. Ich bin abends aber auch oft einfach zuhause, da ich jeweils lange arbeite.

Würdest du dich als zurückgezogen bezeichnen?
Ich bin beides. Ich liebe es, unter Freunden zu sein. Im Sommer etwa mieten wir irgendwo ein Haus. Es kann kommen, wer möchte, manchmal sind wir dann 16 Personen. Gleichzeitig bin ich auch sehr gern allein, es macht mir nichts aus, eine ganze Weile niemanden zu sehen.

Allein sein muss man aushalten können.
Das stimmt, aber nachher kann man auch wieder besser mit Menschen zusammen sein. Wenn man immer mit Leuten zusammen ist wie ich in meinem Job, ist es wichtig, diesen inneren Ruhepunkt wiederzufinden.

Findest du dich eigentlich schön?
Ich fühle mich wohl in meiner Haut. Aber ich brauche Bewegung. Es gibt für mich kein besseres Gefühl, als nach einer intensiven Yogastunde auf der Strasse zu laufen. Ich fühle mich gern fit, boxe, schwimme. So fühle ich mich stark, wach, aktiv und schnell. Früher hänselten mich meine Schulkollegen, weil sie fanden, ich sähe komisch aus, sei lang und dünn. Vielleicht kommt der Wunsch danach daher.

Auch als Model wirst du ständig nach deinem Äusseren beurteilt.
Ja. Aber ich bin nicht obsessiv mit meinem Image, versuche, mich nicht gross davon irritieren zu lassen, was andere sagen oder zu meinem Äusseren finden. Auch dafür bin ich diesem Business dankbar. Es hat mich gelehrt, ich selbst zu sein.

Du möchtest noch lange in der Modebranche bleiben, willst Länder bereisen …
Ja, die Galapagos, Chile, Island …

… und irgendwann eine Familie gründen. Kannst du dich schlecht entscheiden?
Ich bin von Menschen umgeben, die mir vorleben, dass ganz vieles möglich ist. Ich hoffe, dass ich noch lange leben kann. Wenn es nicht so ist, dann ist es halt so. Aber solange ich da bin, möchte ich auskosten. Es stimmt, dieses Offenhalten von Optionen ist ein Problem meiner Generation. Für uns scheint alles ewig möglich zu sein.

Producer: Monica Pozzi; Model: Nadine Strittmatter für Next/Paris; Haare: Nori Takabayashi für Marie-France Thavonekham/Paris; Make-up: Eny Whitehead für Calliste/Paris; Modeassistenz: David Staniewicz; Fotoassistenz: Stella Schwendner

Silvia Binggeli,
Chefredaktorin
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