Heft 14/15

Frauen sind (nicht) so: Ein Show-Rückblick unserer Modechefin

Text: Daniella Gurtner; Foto: Imaxtree.com

Manche Designer habens noch nicht gemerkt: Die Zeit des eindimensionalen Frauenbilds ist definitiv passé. annabelle-Modechefin ist der Meinung, dass Emanzipation sich nicht mehr streng zeigen, sondern auch sanft sein kann.

Am zweiten Tag der Pariser Fashion Week sass ich in der Dries-van-Noten-Show und war enttäuscht. Nicht etwa der Kollektion wegen. Die weiten Cargohosen, die ausladenden Jupes – umgebunden wie verkehrt herum getragene Schürzen –, das Spiel mit Prints und Materialien, der Brokat, die Stickereien, die Mäntel, baumwollen und weit wie Staubmäntel, die man früher zum Schutz der Kleidung beim Autofahren getragen hat. Die Kollektion war ganz einfach grossartig! Nein, enttäuscht war ich von der Musik.

Ich sitze bei Dries van Noten jeweils mit gezücktem iPhone, bereit, mit Hilfe der Shazam-App die Musik zu ermitteln. Denn Dries van Noten lieferte mir in der Vergangenheit stets zuverlässig das Lied der Saison, das ich nach der Show jeweils rauf und runter gehört habe. Doch dieses Mal konnte mir meine App nicht weiterhelfen. Da sang eine Frauenstimme ohne instrumentale Begleitung, und mit der Zeit erkannte ich die Songs von Sängerinnen wie Björk, Beyoncé, Courtney Love, Kate Bush oder Beth Gibbons, die sie coverte. Es waren grosse Songs von grossen Frauen – alle längst bekannt. Der Retrosound passt gut zur kommenden Modesaison, in der noch immer ein eklektischer Mix aus Fünfziger- bis Achtzigerjahre den Ton angibt. Aber warum, fragte ich mich, warum sucht man die Frau von heute in der Vergangenheit? Warum ist es so schwierig geworden, etwas Neues zu machen?

Fragend schaute ich auf die Fashion Week in Mailand zurück. Labels wie Versace, Roberto Cavalli oder Pucci arbeiten noch immer mit einem Frauenbild, das ein eindimensionales Wunschbild mancher Männer ist: langhaarig, stark geschminkt und mit hohen Absätzen. Umso mehr überraschte mich in Mailand die Kollektion von Gucci. Der neue Chefdesigner Alessandro Michele zeigte transparente Chiffonblusen, Faltenjupes, Stickereien und Blumenprints, die etwas Sensibles, ja Fragiles an sich hatten. Getragen wurden sie von weiblichen Models, aber auch von männlichen. Dazu entwarf er lederne Anzüge mit tief geschnittenen Hosen und Mäntel, die an Militäruniformen erinnern. Die Kollektion mäandrierte zwischen den Geschlechtern, war sexuell ambivalent. Für die Frau, von der sich Alessandro Michele inspirieren liess, werden Grenzen fliessend – auch die zwischen den Geschlechtern.

Raf Simons sagte, dass männlich und weiblich noch nie so nah zusammen waren wie heute. Seine Dior- Kollektion hatte den glamourösen Sexappeal einer Barbarella der Gegenwart, die zum hochgeschlossenen Overall und den Overknees aus Lackleder einen maskulinen Wollmantel trägt. Und dann war da Céline. Phoebe Philo überraschte mit einer verspielten und romantischen Kollektion. «Wie bezaubernd!», dachte ich, als ich die Porzellanfigürchen, die kleinen Füchse und Brombeeren entdeckte, die an Anhängern und Ohrringen baumelten.

Eigentlich ist das überhaupt nicht meine Welt, aber trotzdem hatte es etwas Wohltuendes. Emanzipation muss nicht mehr zwingend die Strenge einer Marlene Dietrich haben, sondern kann auch sanft sein. Auch Dries van Notens Entwürfe waren praktisch, handfest und gleichzeitig sinnlich. Kleidung für Frauen, die ihren Weg gehen, wie einst die Schweizer Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach, an die mich die Kollektion denken liess.

Ein paar Tage nach der Show wurde mir klar, dass die Musik bei Dries van Noten für die Facetten stand, welche die Frau von heute ausmacht: Sexy wie Beyoncé, exzentrisch wie Kate Bush, tiefschürfend wie Beth Gibbons, herb wie Courtney Love und furchtlos wie Björk. Eine Frau, der es egal ist, was andere von ihr erwarten, die sich um keine Kategorien schert – das ist die Frau von heute.


 

Daniella Gurtner

Die Modechefin liebt Mode und Kunst, Yoga und Tattoos. Sie ist Instagram-Junkie und Vegetarierin mit einer Leidenschaft für Ledertaschen.

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