3D-Designer Francis Bitonti

«Wir werden nicht mit Baumwolle ins Weltall reisen»

Redaktion: Viviane Stadelmann; Fotos: Bitonti Studio

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3D-Designer Francis Bitonti aus New York

Finde den richtigen Algorithmus: Kommt die Kleidung der Zukunft aus dem 3D-Drucker?

«Die Leute werden nur 3D-gedruckte Kleidung kaufen, wenn sie besser ist als die Kleidung, die wir aktuell haben. Ich fordere von den Kunden nicht, dass sie es sich in einer Plastikrüstung gemütlich machen.»

Die Mode der Zukunft kommt aus dem 3D-Drucker! Davon ist Francis Bitonti überzeugt. Wir haben den Designer aus New York über die Zukunft der Mode interviewt.

Francis Bitonti tüftelt in seinem Desin Lab Studio Bitonti unermüdlich an immer neuen Formen des 3D-Drucks. Er gilt in der Szene als Pionier: Personalisierte Schmuckstücke, Highheels und ein Kleid für den roten Teppich, getragen von Dita von Teese – das alles kam schon aus seinem Drucker. Wir wollten von ihm wissen, ob 3D-gedruckte Produkte massentauglich sind, ob handgemachte Textilien verschwinden, und wie sich unsere Kleidung in Zukunft verändern wird. 

annabelle: Francis Bitonti, aktuell ist 3D-Druck auch in der Modewelt in aller Munde. Auf dem Laufsteg von Iris van Herpen sah man mit dem Computer hergestellte Couture-Roben, Sie selbst designten einst für Dita von Teese ein Kleid für den roten Teppich. Wird die 3D-Technologie auch den Sprung zum normalen Kunden schaffen?
Francis Bitonti: Ja, das glaube ich mit Sicherheit. Viele Maschinen, die zur Herstellung benutzt werden, sind doch schon jetzt vom Computer gesteuert. Und auch in der 3D-Technik können wir heute bereits Dinge umsetzen, die wir uns vor vier Jahren noch nicht vorstellen konnten. Der Fortschritt ist rasant. Aber wenn ich ehrlich bin, mag ich diese Couture-Roben aus dem 3D-Drucker nicht.

Warum nicht?
Das Kleid für Dita von Teese designten wir bereits im Jahr 2012, und da ging es vor allem darum, zu zeigen, was die Technik schon kann. Es ist gut, wenn über die neue Technik gesprochen wird, doch die High Fashion vermittelt den Menschen, dass das getragene Stück unerreichbar ist – ein Luxus-Item. Das mag möglicherweise für den Moment noch stimmen, aber es sendet falsche Signale. Modehäuser sind zwar sehr gut darin, Trends schnell zu adaptieren. Doch betreffend der Auseinandersetzung mit Materialien und neuen Techniken hinken sie hinterher.

Wenn grosse Modehäuser den 3D-Druck in eine Kollektion integrieren, setzen sie sich doch mit der neuen Technik auseinander. 
Viele Labels denken nur innerhalb des sechsmonatigen Fashion-Week-Zeitplans und produzieren einfach alle paar Monate eine neue Kollektion. Sie veranstalten eine Runwayshow nach der anderen und versuchen Fashionaddicts davon zu überzeugen, dem nächsten Trend zu folgen. Da ist kein kultureller Fortschritt. 

Weil sie ihrer Linie treu bleiben?
Weil sie immer auf der Welle reiten, die gerade bricht. Sie sind nicht mehr dort, wo die Welle anfängt, wo der Aufschwung beginnt und das Wasser sich anfängt zu türmen. Ich sehe nicht, dass die Modebranche sich bemüht, das zu ändern. Diesen Effort erkenne ich nur bei Sportbekleidungsherstellern. Sie nutzen und fördern immer wieder neue Techniken, um das bestmögliche Produkt für spezifische Bedürfnisse herzustellen.

Dreht sich die Modezukunft also um die Herstellung eines Produkts und seine Funktionalität und nicht mehr um das Design?
Design ist doch die Herstellung eines Produkts! Das Problem mit vielen Labels ist, dass sie kein Geld in die Entwicklung investieren, um ein wirklich grossartiges Produkt herzustellen. Sie versuchen die Leute davon zu überzeugen, ein T-Shirt zu kaufen, weil es mit ihrer Marke in Verbindung steht. Kaum jemand kauft ein T-Shirt, weil es das bestmögliche T-Shirt ist. 

Sie kritisieren den Modezirkus, die Shows, aber wie erreicht man dann die Kunden?
Heute brauchen wir keinen Hokuspokus mehr. Wie wir mit unserem Publikum sprechen, ist sehr spezifisch. Social Media ist das beste Beispiel dafür: Du zielst auf speziell ausgewählte Individuen ab. Darauf spricht die jüngere Generation an. Sie reagiert auf das, was perfekt auf sie abgestimmt ist. Die computerbasierten Herstellungsprozesse erlauben es uns, mit Daten zu arbeiten, mit komplexeren Formen und mit Simulationen. Sie vergrössern unseren Kosmos an Möglichkeiten, um individuell auf den Kunden zuzugehen. 

Welches wird das erste massentaugliche Produkt sein, das aus dem 3D-Drucker kommt?
Mit Sicherheit Schuhe. Die Technologie wird einen besonders grossen Einfluss auf Schuhe und Accessoires haben. Bei der Auswirkung auf die textile Zukunft bin ich jedoch noch unsicher. Aktuell haben wir dafür noch nicht die richtige Technik gefunden.

3D-gedruckte Kleidung ist momentan noch sehr steif. Wird es möglich sein, weichere Materialien zu produzieren?
Jede synthetische Faser ist im Prinzip geometrisch, und vieles davon ist aus Plastik. Da gibt es eigentlich keinen Unterschied. Das Problem momentan ist, dass wir nicht genug Auflösung haben und nicht schnell genug sind, um eine Faser zu konstruieren, die man allgemein als Textilfaser bezeichnet. Doch der Durchbruch ist nicht mehr weit weg.

Von welchem Zeitraum sprechen Sie?
Ich würde sagen, in drei Jahren sind bereits viele 3D-gedruckte Waren erhältlich. Die meisten Menschen werden Schuhe tragen, von denen mindestens gewisse Einzelteile 3D-gedruckt sind. Und in vielleicht fünf Jahren hat man komplexere Strukturen wie Textilien erschlossen.

Das ist schon bald.
Ja, aber wir verzeichnen aktuell einen Maschinenzuwachs von 83 Prozent in der Produktion. Leute werden 3D-Drucker für ihr Zuhause und ihre eigenen Firmen kaufen. Die Technik wird immer erschliessbarer.

Glauben Sie, dass computergesteuerte Technik irgendwann alle handgemachten Prozesse übernehmen wird?
Ja.

Aber gibt es nicht auch eine Gegenbewegung, die das Handwerk schätzt und Slowfashion zelebriert?
Natürlich wird es irgendwo in Brooklyn jemanden geben, der handgefertigte Garne und Spitze produziert. Aber selbst in den USA ist es immer schwieriger, spezialisierte Handarbeit zu finden. Mit der Zeit werden diese Fähigkeiten immer mehr verschwinden, das Handwerk wird verblassen. Die industrielle Revolution ist möglicherweise die Arts & Crafts-Generation von morgen. Das Ästethikempfinden hat und wird sich immer wieder verändern.

Worin liegt die Schwierigkeit, ästhetische Produkte mit dem 3D-Drucker herzustellen?
Das liegt am Designer. Ich glaube nicht, dass es schwierig ist. Wenn man ein Verständnis für das Material, die Prozesse und den Herstellungsvorgang hat, funktioniert es. Wenn es scheisse aussieht, liegt das Problem nicht am Herstellungsprozess. 

Braucht es aber nicht die handwerklichen Fähigkeiten eines Scheiders, der weiss, wie ein Stoff fällt und wie sich ein Körper bewegt? 
Diese Fähigkeiten sollten nicht fehlen, wenn es richtig gemacht wird. Die Leute werden nur 3D-gedruckte Kleidung kaufen, wenn sie besser ist als die Kleidung, die wir aktuell haben. Ich fordere von den Kunden nicht, dass sie es sich in einer Plastikrüstung gemütlich machen. Aber 3D-Druck wird uns als zukünftig interplanetare Spezies unterstützen. Ich weiss, das klingt verrückt, aber es gibt keinen Weg daran vorbei. Und wir werden ganz sicher nicht in Baumwolle ins Weltall reisen.

Ein futuristisches Zukunftsszenario. Bleiben wir auf der Erde: Es gibt bereits viel Textilabfall in unserer Gesellschaft. Gibt es eine Möglichkeit, bereits gebrauchte Fasern wie Baumwolle in den 3D-Druck zu integrieren?
Das wäre sehr schwierig, besonders weil es eine organische Faser ist. Man bräuchte wahrscheinlich einen chemischen Katalysator. Aber organische Materialien sind nicht immer die Antwort – manchmal sind sie viel weniger nachhaltig als synthetische. Gerade die Baumwollindustrie ist wirklich missbräuchlich. Finden wir doch lieber Materialien, die wir unendlich recyclen können. Es wäre wünschenswert, wenn wir sagen könnten, wir kaufen nur noch teurere Dinge, die länger halten. Aber nicht jeder hat so viel Geld.  Wir müssen also eine Lösung finden, wie wir der Gesellschaft das geben können, was sie fordert – mit besseren, individualisierten Produkten.

Viviane Stadelmann

Die stellvertretende Online-Leiterin liebt die grenzenlosen Möglichkeiten der digitalen Welt. Sie schreibt besonders gern über Mode, Literatur und Kunst und schwärmt für Schwarzweissfotografie aus vergangenen Zeiten.

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