Apropos Mode

Bleibt im Internet!

Fashion-Influencer schaffen ihre Existenzberechtigung über das Internet, aber ist das auch ein Argument, um in der Realität allgegenwärtig zu sein? Unsere Stv. Chefredaktorin Jacqueline Krause-Blouin findet: runter von den Catwalks!

  • Snapchat-Filter-Make-up bei Desigual

Selbst die widerspenstigsten Moderedaktoren haben sich mittlerweile damit abgefunden, dass Blogger, Vlogger, Youtuber und sonstige Mitglieder der digitalen It-Crowd die Frontrows der Fashion Weeks in Beschlag nehmen. Schliesslich ist Mode in erster Linie ein Business, und Fashion-Influencer, die live aus der ersten Reihe snappen, sorgen nun mal für einen messbaren Absatz der gezeigten Kleidung. Laut dem Analysetool Launchmetrics sorgen nur fünf Prozent Influencer für über vierzig Prozent des digitalen Traffics nach der Show.

Längst wird versucht, die digitale Welt in die analoge zu übersetzen, was allerdings meistens in peinlich-hilflosen Aktionen wie etwa Snapchat-Filter-Make-up bei Desigual versandet. Nun trieb ausgerechnet der traditionalistische Brand Dolce & Gabbana den Zirkus noch einen Schritt weiter: Die Italiener beförderten die, die sie «supercool millennials» nennen, von der Frontrow direkt IRL auf den Laufsteg. IRL steht für «in real life» – und in Zeiten der Überdemokratisierung der Mode soll genau das die Message sein: Das könntest auch du sein! Du musst nur ein hübsches Selfie posten, und schon läufst du vor Anna Wintour über den Runway. Was mit dem Hashtag #realpeople versehen Authentizität demonstrieren soll, ist in Wahrheit zynischstes Kalkül. Das vermeintlich spontane Get-together ist nämlich besser durchdacht als das Casting der Backstreet Boys in den Neunzigern: für jeden etwas dabei. Der arabische Insta-König, der deutsche Blogger-Darling und die Celebrity-Tochter aus Hollywood – alle laufen total zufällig zum Autotune-Hit «Pretty and Young» über den Laufsteg. Und sacken knallhart Provision für die verkaufte Ware ein. Das darf einen nur noch am Rande aufregen. Was wirklich schlimm daran ist, dass Influencer Models die Show stehlen, ist das chaotische, unkoordinierte Rumgehopse, das man dann Modeschau nennt. Wenn sich Youtuber peinlich berührt auf die Lippen beissen und Celebrity-Töchter beim Laufen aus dem Takt geraten, zeigt das vor allem eins: Model ist nicht umsonst ein Beruf, und Influencer funktionieren mehrheitlich hinter dem Schutz der Bildschirmscheibe. Für einen souveränen Auftritt IRL gibt es noch keinen Filter.

Text: Jacqueline Krause-Blouin

Jacqueline Krause-Blouin

Die stellvertretende Chefredaktorin interessiert sich für Mode, Musik, Theater und alle Facetten der Popkultur. Und für aussergewöhnliche Frauen: berühmt oder berüchtigt, tot oder lebendig.

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