Die Kollektion im Selbsttest

Heidi Klums #letscelebrate: Glücksfall oder Trauerspiel?

Redaktion: Annik Hosmann; Fotos: Johanna Hullar

e
f

Kandidat Paillettenkleid in Puder: Ich habe heute leider kein Foto für dich

Leider wirklich gar nicht geht das puder-pastellige (oder rosa? beige? Ich bin ja geneigt zu sagen: neue Trendfarbe Fleischkäse) Kleid. Bei mitteleuropäischem Hautton schwierig und auch die Länge ist, trägt man die richtige Grösse, kurz – und zwar sehr. Selbst bei einem flachen Hintern, extra knapp bleibt das Teil. Man mag jetzt einwenden, dass solche Stücke eben nur von Frauen mit Modelfigur getragen werden können (an Heidis Kandidatinnen sieht der Glitzerfummel sicher vorteilhafter aus), andererseits schreiben wir das Jahr 2017, diese Argumentation ist irgendwie vorbei.

Kandidat Paillettenblazer: Du wackelst leider

Es ist ja nicht so, dass ich grundsätzlich gegen Glitzer und Extravaganz bin, ganz und gar nicht. Statementpieces mit Glitzer – immer her damit. Aber: Ein Hauptdarsteller reicht meist. Zum Glitzerblazer passen deshalb etwa schlichte Rollkragenpullover oder ein weisses T-Shirt. Die Pailettenjupes, die ebenfalls Teil der Kollektion sind, könnte man mit einem Hoodie oder, wie aktuell unsere Modechefin Daniella Gurtner empfiehlt, mit Vintage-Kimonos kombinieren. Und dann: ab in die nächste Runde!

Kandidat Teddymantel: Hier ist dein Foto.

Es gibt auch coole Stücke in der Kollektion. Dieser rostrote Teddymantel etwa. Mit Plüschmäntel liegt man diesen Winter sicher nicht falsch und die Farben (es gibt ihn auch in dunkelblau) sind mal etwas anderes als die dauer-tristen schwarzen Mäntel, die unsere Städte allwinterlich fluten. Ebenfalls gut laufen werden sicher die Trägeroberteile aus Satin und das in schwarzem Samt. Ein Basic, das zu jeder Saison passt.

Noch vor dem Verkaufsstart am 4. Dezember hat Lifestyle-Redaktorin Annik Hosmann die neue Kollektion von Heidi Klum für Lidl unter die Lupe genommen und anprobiert. #letscelebrate heisst sie, doch zum Feiern war der Autorin irgendwie nicht zumute.

Heidi-Unterwäsche, Heidi-Umstandsmode, Heidi-Emojis, Heidi-Sonnenbrillen, ja sogar eine Heidi-Rose gab es einmal. Dass Heidi Klum seit diesem Jahr auch für das deutsche Kaufhaus Lidl designt ist also wenig überraschend. Vielleicht kommt dann nächstes Jahr das Heidi Klum-Halloween-Kostüm (Klum ist ja berühmt für ihre alljährlichen eindrücklichen Verwandlungen Ende Oktober). Ach nein, selbst das gab es ja schon, als Heidi letztes Jahr als Heidi begleitet von fünf Klonen auf ihrer berühmt-berüchtigten Halloweenparty erschien.

Liest man die Vita der Heidi Klum, ist die beeindruckend – vom Katalogmodel aus einem deutschen Kaff auf die grössten Bühnen der USA und Hochglanz-Cover der Welt. Ihre Professionalität und Energie ist ebenso eindrücklich. Am Abend der Präsentation ihrer zweiten Kollektion für Lidls Bekleidungsmarke esmara Anfang November in Berlin flog sie direkt aus der Dominikanischen Republik ein, wo gerade die gefühlt hundertste Staffel «Germany’s Next Topmodel» gedreht wurde. Nun ist Klum also in Berlin, führt durch den Abend, absolviert einen dreistündigen Interviewmarathon und düst dann gleich wieder ab Richtung Süden. Mit ihr eingeflogen ist Michael Michalsky und einige ihrer GNTM-Kandidatinnen, die eingekleidet in die glitzernden Lidl-Teile mit ihrer Mentorin posieren.

Klum wollte einst Modedesign studieren. Schaut man sich die beiden Lidl-Kollektionen an, ist man geneigt zu sagen: Zum Glück hat es nicht geklappt. Der Slogan zu Heidis neustem Streich könnte auch «Get over KiraKira» lauten, die Lidl-Kollektion kann es locker mit der Glitzerfilter-App aufnehmen. Stattdessen heisst die neue Kollektion #letscelebrate. Man kann sich Heidi lebhaft vorstellen, wie sie mit ihren langen Beinen in hochhackigen Schuhen und superkurzem Kleid, geföhnten Locken und Klimperwimpern die Hände in die Höhe wirft und «Let’s Celebraaaaaaate» schreit. Feiern, das heisst für Heidi Klum: Samt, Satin und Pailletten. Vor allem Pailletten. Ohne Pailletten keine Feier. Ohne Pailletten keine Festtagssaison. Dass da ein Kollege aus der Redaktion auf die Idee kommt, eine Discokugel aus den Kleidern zu basteln (so passiert, kein Witz!) wundert dann irgendwie auch nicht mehr. Prädikat Donna Summer gone wrong. Zum Feiern ist mir irgendwie nicht mehr zumute.

Mode, die uns an den Festtagen glänzen lässt, wollte Heidi Klum laut Medienmitteilung designen. «Trendige Fashion-Pieces», die sich jede Frau leisten kann, das ist das erklärte Ziel der Kollektion. Damit sind Frauen von Kleidergrösse 34 bis Grösse 46 gemeint – das ist löblich. Und «sich leisten können» bedeutet, dass alle Stücke weniger als 30 Franken kosten – tönt zwar gut, macht aber auch stutzig.

Dass die Qualität unter diesem Preis leidet, liegt auf der Hand. Nach einmal an- und ausziehen eines Pailettenkleids liess es bereits mächtig Federn – ähm Pailetten. Nun gut, mag man einwerfen, Glitzerfummel zieht man nicht so oft an und muss deshalb kein Vermögen für sie ausgeben. Trotzdem sehen die meisten Stücke bei genauem Hinschauen leider auch genauso billig aus, wie sie sind.

Auf Anfrage gaben die Kommunikationsverantwortlichen von Lidl an, dass der günstige Preis sich aus der tiefen Kostenstruktur – Effizienz und Einfachheit sind hier die Schlagworte - von Lidl und der hohen Stückzahl zusammensetze und Lidl diese Preisvorteile an seine Kundinnen und Kunden weitergebe. Auf die Produktionsorte der Kollektion angesprochen, verweist Lidl auf seine Liste der Hauptproduktionsstätten für Textilien und Schuhe. Die Offenlegung der Produzenten inklusive genauen Adressen ist ein Schritt in die richtige Richtung. Nur, wie die Bedingungen in diesen Produktionsstätten sind weiss ich als Endkonsumentin nicht. Aber Heidi hin, Esmara her, es ist wie bei allen Fast Fashion-Brands: Wir wissen, dass die Arbeitsbedingungen oft problematisch sind, wir weniger kaufen und mehr auf Nachhaltigkeit achten sollten – und trotzdem zieht es fast alle (mich eingeschlossen) immer wieder in ebendiese Geschäfte. Auch wenn die Kollektion von Lidl sinnbildlich für einen Konflikt unserer Gesellschaft ist: Heidi Klum ist mit diesem Problem absolut nicht allein.

Annik Hosmann

Mode und Kultur als Seismografen aktueller Gesellschaftsfragen - das ist es, was die Neugier der Lifestyleredaktorin weckt und sie mit den unendlichen Möglichkeiten der 26 Buchstaben ergründen will.

Alle Beiträge von Annik Hosmann

Empfehlungen der Redaktion

Newsletter

Das Beste jede Woche in Ihrer Mailbox