«Ständiges Zweifeln bringt nichts»

Schmucke Sache

Redaktion: Viviane Stadelmann; Fotos Kampagne: Christoph Köstlin, Model: Leona Sigrist, Fotos Schmuck: Joan Minder

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Karin Studer und Ann Perica von KAAN Love

Karin Studer zeichnet oft auch spontan Entwürfe, während Ann Perica den Überblick behält, was technisch umsetzbar ist.

Ihre erste Kollektion ist von den Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde inspiriert.

Die Medaillons gibt es alle in Gelb- oder Weissgold, Preis ab 2300 Franken

Ann Perica hat mehrere Jahre bei auf Schmuckmessen gearbeitet, wo sie viel über Edelsteine lernte.

Das Büro der beiden Freundinnen und Unternehmerinnen 

Bei ihnen ist Gold, was glänzt: Zwei Schweizer Jungunternehmerinnen haben ihre Leidenschaft für Schmuck zum Beruf gemacht. Im Interview haben sie uns erzählt, wie man sich in einem vermeintlich gesättigten Markt ein Plätzchen sucht.

KAAN Love steht für Karin Studer (31) und Ann Perica (32) – die Gründerinnen des kleinen Schmucklabels. Die beiden Jungunternehmerinnen sind Quereinsteigerinnen. Viel Leidenschaft und Ehrgeiz bringen sie mit. Doch was braucht es noch, um seinen Traum vom eigenen Start-up zu verwirklichen? 

annabelle: Wie sind Sie darauf gekommen, Ihr eigenes Schmucklabel zu gründen?
Ann Perica: Die Idee ist vor sechs Jahren entstanden. Ich war Make-up Artist, und Karin hat als Stylistin gearbeitet. Bei gemeinsamen Shootings kamen wir oft mit Schmuck in Berührung. 
Karin Studer: Da haben wir gemerkt, dass wir genau denselben Geschmack haben.

Sie haben Ihr Label aber erst 2015 gegründet. 
Perica: Genau. Da wir keine gelernten Goldschmiedinnen sind, hat es etwas länger gedauert, bis wir uns eingearbeitet und ausreichend über die Branche informiert hatten. Dazu verbrachte ich während eines Jahres immer wieder Zeit bei einer Goldschmiedin im Atelier. Dort half ich beim Schleifen und Löten, um das Handwerk von Grund auf zu verstehen. Wir haben uns von allen Seiten herangetastet, um hochwertigen Goldschmuck produzieren zu können. Ausserdem arbeitete ich während Jahren an internationalen Schmuckmessen für Diamantenhändler und konnte auf diese Weise sehr viel über Edelsteine lernen. 

Hatten Sie sich zuvor über die Konkurrenzsituation informiert?
Perica: Ja, in der Schweiz hatte ich nichts Vergleichbares gefunden. Aber natürlich kann man heute mit keinem Design mehr das Rad neu erfinden. Wir verbinden hochwertige Qualität mit einem jungen, modernen Design. Das Spezielle bei unserem Schmuck ist zudem, dass man seine eigenen Gravuren hinzufügen kann. Die Edelsteinpendants lassen sich auswechseln, somit bekommt die Kette einen neuen individuellen Look. 

Sie arbeiten mit 18-karätigem Gold, und Ihre Schmuckstücke sind im Hochpreissegment angesiedelt. Ist dieser Markt mit seinen grossen Uhren- und Schmucklabels nicht bereits gesättigt?
Studer: Erst mal war es für uns beide wichtig, wertige Schmuckstücke herzustellen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden können. Je älter wir selbst werden, desto mehr schätzen wir Dinge, die nicht an Wert verlieren, sondern durch den individuellen Charakter über die Jahre gewinnen.
Perica: Natürlich haben wir uns auch überlegt, welches Businessmodell Sinn macht im Schweizer Markt. Ich habe BWL studiert. Die Arbeitsstunden sind teuer hier und die Mieten hoch, sodass es eher schwierig wäre, im Silber- oder Modeschmuckmarkt im grossen Stil einzusteigen. Dazu war uns immer wichtig, dass wir nachhaltig produzieren. Um Silberschmuck wettbewerbsfähig zu machen, müsste man die Herstellung nach Asien auslagern.

Kann man bei Edelmetallen denn tatsächlich nachhaltig produzieren?
Studer: Wir haben unsere Geschäftspartner sehr sorgfältig ausgesucht, dabei helfen Zertifikate wie das vom Responsible Jewelry Council. Zudem möchten wir möglichst regional produzieren.
Perica: Unser Schmuck wird in Deutschland gegossen und in der Schweiz handgraviert. Die Ketten werden in Deutschland produziert. Die Anhänger sind alle aus recycelbarem Schweizer Gold gefertigt.

Was versteht man unter recyceltem Gold?
Perica: Das Gold stammt von verschiedenen Privatverbrauchern, die ihren alten Schmuck einschmelzen lassen. In der Schweiz gibt es viele, die das Gold wieder in den Kreislauf speisen.

Sie haben sich bei einer Goldschmiedin Hilfe geholt. Wen haben Sie noch in Ihr Projekt involviert?
Perica: Wir haben uns von allen möglichen Seiten Hilfe geholt. Ich habe unverblümt bei anderen Juwelieren nachgefragt, ob sie uns Tipps geben können, was sie gut verkaufen und welche Trends sie ausmachen.
Studer: Bei der Produktion merkten wir auch, dass die Umsetzung der Zeichnung bis zum gegossenen Schmuckstück ein komplizierter Prozess ist.

Wie konnten Sie Ihre Schmuck-Skizzen schliesslich umsetzen?
Perica: Wir sind bei einer 3D-Designerin gelandet. In der Schmuckherstellung gibt es verschiedene Wege: Entweder arbeitet man mit einer Skizze, die in 3D umgesetzt und in Wachs ausgedruckt wird. Dieses Wachsteil wird gegossen und später poliert und endverarbeitet. Oder man arbeitet direkt mit dem jeweiligen Metall und fängt an zu sägen, zu löten und zu schleifen. Man kann jedoch auch ein Stück Wachs nehmen, es bearbeiten und das Stück dann abgiessen. Wir waren uns einig, dass die 3D-Variante uns am meisten entspricht. 

Sind Sie sich auch sonst immer einig gewesen?
Studer: In den wirklich wichtigen Fragen – ja!
Perica: Das ist einer der Gründe, warum unsere Zusammenarbeit so gut funktioniert. Wir haben das Glück, dass sich unser Geschmack stark überschneidet.

Wie sind Sie bei der Gründung vorgegangen?
Perica: Bei uns war das ein Spezialfall. Während des Studiums schrieb ich Business- und Kommunikationspläne, bereits dort hatte ich alles auf das Schmucklabel bezogen. Danach nahm ich mit diesen Konzepten und meiner Idee am Start-up-Award teil und kam unter die ersten fünf Plätze. Der Preis dafür war die Gründung einer GmbH. Wir mussten also nur noch die vorbereiteten Formulare unterzeichnen. Der administrative Aufwand war sehr gering.

Und der finanzielle Aufwand? Woher kam Ihr Startkapital?
Studer: Zum grössten Teil von unserem Ersparten. Die Familien haben uns auch noch unterstützt.

Gab es einen Moment, in dem Sie dachten, das Projekt falle ins Wasser?
Perica: Ja, klar. Beispielsweise, als wir jemanden suchten, der unseren Schmuck in der Schweiz giessen würde. Dafür gibt es nur noch drei oder vier Firmen. Dann fanden wir ein Unternehmen, das uns sehr gut beriet und uns helfen wollte.
Studer: Sie fanden unser Projekt toll und gaben uns ihre Zusicherung. Eine Woche später ging dann eine der anderen drei Firmen in Konkurs, und sämtliche Kunden verteilten sich auf die verbleibenden. Sie mussten uns absagen.  Die Suche nach einem neuen Partner für den Guss des Schmucks fing also wieder bei Null an.

Wie motiviert man sich nach solchen Rückschlägen?
Perica: Da denkt man schon manchmal, vielleicht soll es einfach nicht sein. Aber in diesen Momenten bin ich froh, dass wir das Ganze zu zweit stemmen. Denn meist hat man diese deprimierten Phasen nicht genau zeitgleich.
Studer: Dann können wir uns gegenseitig auffangen. Aber solche Rückschläge kennt jeder Jungunternehmer während des Entwicklungsprozesses. Dann ist es wichtig, die Sache wieder mit etwas Distanz zu betrachten. Wenn du zu sehr in der Materie feststeckst, siehst du es nicht mehr klar. Man fragt sich, ob es überhaupt Anklang findet bei irgendjemandem.

Wie erlangt man diesen Abstand zurück?
Perica: In dem man es einige Tage zur Seite legt und sich am Wochenende und nach der Arbeit nicht ausschliesslich mit dem Brand beschäftigt.
Studer: Man muss auch mal rausgehen, den Kopf auslüften.

Wie gehen Sie damit um, dass Sie scheitern könnten und das investierte Geld und die Zeit dann verloren wären?
Studer: Ich glaube fest daran, dass unser Label seinen Platz findet in dieser Branche. 
Perica: Ständiges Zweifeln bringt nichts. Meine Mutter sagt: «Sonst hast du zumindest für die nächsten paar Jahre wirklich schöne Geschenke!» Es gäbe Schlimmeres.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Studer: Sicherlich, dass unsere Kollektion Anklang findet und wir an der offiziellen Lancierung in der Tassels Boutique in Bern sowie beim Event Fashionhotel in Zürich mit Vollgas starten können.
Perica: Und natürlich wünschen wir uns, irgendwann davon leben zu können. Es soll kein riesiger Brand werden, aber ein schönes Nischenprodukt, über das sich die Kundinnen freuen. 

– KAAN Love werden ihr Schmuck am 02.03.17 in der Tassels Boutique in Bern  sowie dem Fashionhotel Event in Zürich vom 31.03. – 02.04.17 lancieren. Weitere Informationen finden Sie unter kaanlove.com

Viviane Stadelmann

Die stellvertretende Online-Leiterin liebt die grenzenlosen Möglichkeiten der digitalen Welt. Sie schreibt besonders gern über Mode, Literatur und Kunst und schwärmt für Schwarzweissfotografie aus vergangenen Zeiten.

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