Apropos Mode

So ists brav

Redaktion: Jacqueline Krause-Blouin; Foto: Bella Howard/Kintzing/Keystone

So ists brav
  • Big Business mit züchtiger Mode: Das muslimische Supermodel Halima Aden ist das Gesicht der Bewegung

Züchtige Mode liegt voll im Trend. Ein alter Hut, findet unsere Autorin – und zweifelt an den Hintergründen der Modest Fashion.

Ich hatte mal eine Phase, in der ich praktisch ausschliesslich Maxijupes und -kleider trug. Warum? Weil es angenehmer ist, wenn mir niemand auf die nackten Beine starren kann (und weil ich aussehen wollte wie eine Folksängerin aus den Siebzigern). Heute würde man sagen: Ich kleidete mich modest. Modest wird mit zurückhaltend, züchtig, sittsam, manchmal sogar mit anspruchslos übersetzt. Und Modest Fashion, deren Kernzielgruppe gläubige Musliminnen sind, ist derzeit überall. Kürzlich fand in London die erste Modest Fashion Week statt, Halima Aden, das Model mit dem Hijab, strahlt von internationalen Hochglanztitelseiten. Anspruchslos hingegen ist diese Mode nicht, im Gegenteil. Sie weiss genau, was sie will beziehungsweise was sie soll: die Frau verhüllen. Der Begriff bezieht sich nicht ausschliesslich auf das Kopftuch, es geht vielmehr um wehende, lange Kleider, die den Körper nicht betonen.

«Toll!», schreien nun alle. Endlich ist Kleidung für Gläubige im Mainstream angekommen. Endlich modisch sein und trotzdem die Bedingungen der Religion (oder die der selbsternann- ten Hüter dieser Religion) erfüllen. Als ob es nicht schon immer weite Hosen, lange Kleider, flache Schuhe und züchtige Blusen zu kaufen gab. Es ist ja nicht so, dass alle westlichen Frauen so freizügig herumlaufen wie Sophia Thomalla. Neu ist einzig die Erkenntnis, dass in diesem enormen Markt sehr viel Geld zu holen ist, schliesslich gaben Muslime, die dem Verhüllungsgebot folgen, im letzten Jahr rund 230 Milliarden Dollar für Kleidung aus. 44 Milliarden wurden für weibliche Modest Fashion ausgegeben.

Klar, dass auch westliche Brands wie Dolce & Gabbana (ausgerechnet!), Tommy Hilfiger oder Burberry mit sogenannten Ramadan-Kollektionen auf den Zug aufspringen. Um den Markt optimal zu bespielen, braucht es eine knackige Bezeichnung und ein paar It-Girls. Fashionistas mit Hijabs werden nun Hijabistas genannt, muslimische Hipster werden zu Mipsters.

Ist Modest Fashion also ein Trend? Oder ist es vielleicht einfach nur klar, dass sich der Kreis schliesst, wenn westliche Marken integrativer und muslimische Fashion Brands kommerzieller werden? Zumal der Hype um Modest Fashion nicht nur religiös motiviert ist. Nachdem wir uns körperlich und seelisch jahrelang auf Social Media entblösst haben, ist die Sehnsucht nach etwas Mysterium nur die natürliche Gegenreaktion. Die neuen Textilschichten kommen da gerade recht (Gucci, anyone?!).

Die Mode – gerne als elitär verschrien – war schon immer die demokratischste Kunstform, jeder kann daran teilhaben, sich so kleiden, wie er das für richtig hält. Sie macht aber vor allem dann Spass, wenn man sich alle Optionen offenhalten kann. Dann kann man sich gerne sein Leben lang modest kleiden und es nennen, wie man möchte. Geschieht das jedoch nicht aus eigener Überzeugung, ist Modest Fashion nur ein schillernder Begriff für ein Instrument der Bevormundung. Auch wenn die Modest- Fashion-Bewegung auf Instagram nach ganz viel Spass aussieht: Unterdrückung bleibt Unterdrückung. Selbst im Designerstoff.

Jacqueline Krause-Blouin

Die stellvertretende Chefredaktorin interessiert sich für Mode, Musik, Theater und alle Facetten der Popkultur. Und für aussergewöhnliche Frauen: berühmt oder berüchtigt, tot oder lebendig.

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