Ari Seth Cohen - Der etwas andere Fashionblogger

Text: Dietrich Roeschmann
Fotos: Advanced Style

e
f

Ari Seth Cohen mit seinem Lieblingsmodel Mimi Weddell

Gesichter, die das Leben schrieb: Beatrix Ost (links) und Jacquie Tajah Murdock. Aber auch Männer wie Wanny di Filippo bringen Farbe in Cohens FashionblogAge

«Imitiere niemanden. Sei immer du selbst» - Der Fashionblogger Ari Seth Cohen porträtiert die modemutigsten Menschen New Yorks. Nein, keine Hipster, sondern alte Exzentriker.

«Imitiere niemanden. Sei immer du selbst» - Der Fashionblogger Ari Seth Cohen porträtiert die modemutigsten Menschen New Yorks. Nein, keine Hipster, sondern alte Exzentriker.

Es gibt Sätze, die wirken wie eine gute Anti-Aging-Crème. Kaum ausgesprochen, ziehen sie sofort ein. Und schon fühlt man sich irgendwie frischer. Gesünder. Jünger. Ari Seth Cohen kann das gut: Dinge sagen, die wohltun. Über die angenehmen Seiten des Alterns reden. Über die Kraft des Selbstvertrauens und das Glück später Freiheit. Manche dieser Sätze wiederholt er wie ein Mantra. Diesen zum Beispiel: «Schönheit ist keine Frage des Alters. Sie ist ein Spiegel von Erfahrung, Weisheit und Persönlichkeit.» Cohen hat gut reden: Er selbst ist gerade mal dreissig. Trotzdem weiss er, wovon er spricht.

Seit 2008 betreibt der Wahl-New-Yorker den Streetfashionblog «Advanced Style». Anders als das Gros der Modeblogger stellt er hier keine Kids beim Kreieren immer neuer Mikrotrends vor, sondern Menschen, die aus allen Rastern der Modewelt herausgefallen sind: Cohens Models sind zwischen siebzig und hundert Jahre alt. Selbst das sogenannte Golden Age, diese äusserste Peripherie des Zielgruppenmarketings, haben die Damen meist schon überschritten. Dennoch: im lustvollen Ausprobieren persönlicher Styles stehen sie den jugendlichen Fashion
Addicts aus der Blogosphäre in nichts nach. «Lebensfreude und Kreativität hören nicht einfach auf, nur weil man älter wird», sagt Cohen. Das zu zeigen, ist seine Mission.

Mittlerweile hat Cohen für seinen Blog rund tausend Frauen und einige Dutzend Männer porträtiert. Exzentrikerinnen wie Beatrix Ost, eine 72-Jährige mit blau getönten Haaren und einem Faible für extreme Taillen und atemberaubende Turbankonstruktionen. Betagte Stil-Ikonen wie Jean und Valerie, die sich für ihren Styleblog «Idiosyncratic Fashionistas» in immer neue Avantgarde-Outfits werfen, mal Gothic, mal Punk, mal klassische Moderne. Oder die 80-jährige Jacquie Tajah Murdock, eine elegante Erscheinung, schlank wie eine Gazelle. Vor Jahrzehnten war sie Tänzerin im legendären Apollo Theater. Heute geht sie am Stock. Aber sie führt ihn mit der Grazie einer Jazzqueen spazieren – als sei die Krücke ihr Zepter.

Ari Seth Cohen hatte schon immer eine Schwäche für aussergewöhnliche ältere Damen. Die erste, die ihm begegnete, war seine Grossmutter. «Sie war meine beste Freundin. Wir verbrachten Stunden über alten Fotoalben, sahen uns Hollywoodklassiker an, stöberten in ihren Kommoden und Schmuckkästen. Alles, was ich über Stil und Eleganz weiss, habe ich von ihr gelernt.» Auch ihr Credo hat er übernommen. Es begleitet ihn bis heute: «Imitiere niemanden. Sei immer du selbst.»

Für Cohen ist «Advanced Style» deshalb mehr als ein Fashionblog – es ist eine Hommage an seine Grossmutter, die ihn immer wieder dazu gedrängt hatte, aus dem sonnigen San Diego nach New York zu ziehen, weil das kreative Leben dort pulsiere wie in keiner anderen Stadt. Als er ihrem Rat wenige Monate nach ihrem Tod dann folgte, war er schwer beeindruckt vom eigenwilligen Geschmack vieler älterer Menschen, die er sah. Vor allem aber fiel ihm auf, dass die alten New Yorkerinnen in Sachen Mode deutlich mutiger waren als die jungen.

Ari Seth Cohen, Ihr Blog liest sich wie eine Hipsterfibel für das Alter. Wie lernen Sie Ihre Models kennen?

Ich gehe durch die Strassen und halte Ausschau nach älteren Menschen, deren Stil oder Ausstrahlung mich anzieht. Die meisten freuen sich über das Interesse. Debra Rapoport zum Beispiel, eine Künstlerin, die ich im New Museum traf, lud mich auf der Stelle zu sich nachhause ein. «Lass uns spielen», sagte sie und stand in immer neuen Dresses vor mir. Kompliziert geschlungene Wickeloberteile, Schmuck aus Küchengeräten: Für Debra bedeutet Anziehen Kunst.

Viele Ihrer Models zelebrieren Mode als exzentrische Lebensform. Was fasziniert Sie daran?

Ich bewundere, wie lustvoll diese Frauen die Stereotype des Alterns widerlegen. Sie sind jung im Geist, selbstbewusst und kreativ. Sie leben uns vor, dass wir nie aufgeben sollten, uns wichtig zu nehmen, neugierig zu sein und Spass am Leben zu haben.

Dazu gehört viel Selbstvertrauen, «das wichtigste Accessoire, das man nicht kaufen kann», wie Sie schreiben. Woher nehmen Ihre Models diese Sicherheit?

Viele sagen, dass sie erst im Alter gelernt haben, sich selbst zu akzeptieren. Deshalb fühlen sie sich oft besser als in jungen Jahren. Sie müssen keinem Trend mehr folgen und niemandem gefallen ausser sich selbst. Dadurch begreifen sie ihr Alter nicht als Mangel, sondern als Möglichkeit. Ilona Royce Smithkin, eine 91-jährige Kabarettistin, erzählte mir vor kurzem, dass die letzten zehn Jahre bislang die freiesten ihres Lebens gewesen seien.

Ari Seth Cohen liebt Geschichten wie diese. Weil sie die Menschen inspirieren und ihnen klarmachen, dass sie keine Angst vor dem Älterwerden haben müssen. Die Leser von «Advanced Style» danken es ihm. Mittlerweile zählt seine Seite 300 000 Zugriffe im Monat. Wenn im April der Best-of-Bildband seines Blogs erscheint und in Genf eine Ausstellung mit seinen Lieblingsladys eröffnet, arbeitet er längst schon an seinem nächsten Projekt: Die Stylebibel für ältere Männer.

Wie sieht er sich selbst mit achtzig? «Ich mag es klassisch, mit einer Prise Exzentrik. Wie Wanny di Filippo, den ich kürzlich in Rom traf. Mit dem irren Mix aus Farben und Mustern, den er kombiniert, ist er für mich eine absolute Stilikone.»

Muse, Model, Coverstar


Eine der wichtigsten Stil-Ikonen für Ari Seth Cohen ist die 2009 verstorbene Schauspielerin Mimi Weddell. Als Cohen zur Welt kam, war die ehemalige Verlagsassistentin gerade auf dem Sprung zu ihrer zweiten Karriere. Mit 65 nahm sie ihre erste Rolle in einem Kinofilm an, als lebende Tote. Der Horrortrash-Streifen machte später die Runde als «lächerlichster Vampirfilm aller Zeiten». Doch das war nur der Anfang. Mit 83 stand sie in «Sex and the City» vor der Kamera und gab die extravagante Grossmutter von Carries schwulem Freund Stanford. Es folgten Shootings für Louis Vuitton, Burberry, Juicy Couture und Nike. Und schliesslich, mit 93, ein Biopic über ihr Leben. In einer Szene sieht man die passionierte Hutträgerin vor der Küchenwand stehen, auf die sie ihr Lebensmotto gemalt hatte: «Rise above it!» Wachse über dich hinaus. Mimi Weddell ist Cohens Lieblingsmodel und Coverstar des neuen Buchs «Advanced Style».

Blog: advancedstyle.blogspot.com
Ausstellung: Ari Seth Cohen: Ladies. Flux Laboratory Genf, 11. bis 25. Mai
Buch: Ari Seth Cohen: Advanced Style. Powerhouse Books, New York 2012, 240 Seiten, ca. 40 Franken