Text: Helene Aecherli
Fotos: Gian-Marco Castelberg
Am ersten Morgen bin ich zur Frühmesse in die Klosterkapelle gegangen. Ich sass auf einer der kargen Bänke und lauschte dem Gesang der Schwestern. Ich konnte sie nicht sehen, hörte nur ihre Stimmen und die Harfe, die sie begleitete, und plötzlich wurde ich von meinen Gefühlen überwältigt: Ich brach in Tränen aus. Sie strömten nur so heraus, es war, als hätte der Gesang der Schwestern eine Schleuse in mir geöffnet.
Vor genau einem Jahr, im Mai 2007, hatten die Ärzte festgestellt, dass sich in meinem Körper neben Knochen- und Lebermetastasen auch noch Hirnmetastasen gebildet hatten. Dieser Befund brachte mich erneut ins Schleudern nach all dem Auf und Ab der vergangenen Jahre nach meiner ersten Diagnose. Ich hatte zwar keine Angst mehr vor dem Sterben, aber ich war es leid, von Untersuchung zu Untersuchung zu eilen, voller Panik in den Körper zu horchen, ob der Krebs irgendwo wieder am Schaffen, Nagen oder Beissen ist. Manchmal war mein Kopf so voller Fragen nach dem Sinn meines Lebens und dem Sinn meiner Angst, dass ich mich nach einer Oase sehnte, in der ich mir mein Leben in Ruhe durch den Kopf gehen lassen konnte. Als eine solche Oase sollte sich das Dominikanerinnenkloster Cazis entpuppen.
Kurz nachdem ich zugesagt hatte, die Erfahrungen mit meinem Krebs, den ich übrigens nur noch meinen Untermieter nenne, im annabelle-Blog festzuhalten, nahm ich das Angebot der Krebsliga Graubünden an und zog mich für drei Tage ins Kloster Cazis zurück. Ich hatte schon vor 15 Jahren über einen Klosteraufenthalt nachgedacht, weil ich wissen wollte, ob ich mich selbst in dieser Abgeschiedenheit aushalten würde. Nun schien mir die Zeit dafür gekommen. Denn um meine Gedanken weitergeben zu können, musste ich sie erst einmal sammeln.
Das Kloster Cazis ist zwar weniger mystisch, als ich es mir vorgestellt hatte, und meine Gästezelle kühl und spartanisch. Aber die Herzlichkeit, mit der ich von den Schwestern empfangen wurde, hat mich überwältigt. Und kaum war ich über die Schwelle des Klosters getreten, wurde ich unendlich müde, alles schien von mir abzufallen, der Alltag, die Verantwortung, das Grübeln. Was blieb, war das Bewusstsein, nichts mehr zu müssen, sondern nur noch da sein zu dürfen. Und an jenem Morgen in der Klosterkapelle, als ich zu Tränen gerührt auf der Bank sass, durchströmte mich eine derart intensive Liebe und Herzenswärme, dass ich überzeugt war: Jetzt hat mich Gott erwischt. Ich betete, dass ich dieses Gefühl in Zukunft immer wieder würde abrufen können.
In den folgenden Tagen habe ich lange Gespräche mit Schwester Agnes Brogli geführt, die im Kloster als Logotherapeutin arbeitet. Wir redeten über Krankheit und Schuld, über Angst und vor allem über den Sinn des Lebens; und ich habe erkannt, dass ich nicht das Rad neu erfinden muss, um ein erfülltes Leben zu haben. Der Lebenssinn ist vielmehr eine stille Sache; er kann auch einfach darin bestehen, dass man tut, was einem Spass macht, sei es, mit einem lieben Menschen essen zu gehen oder sich um seine Enkelkinder zu kümmern. Das hat mich beruhigt und mir bestätigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Denn ich bin am Ende eines Tages immer dann besonders glücklich, wenn ich Trost spenden oder mit jemandem lachen oder ein gutes Gespräch führen konnte. Irgendwann haben wir auch diskutiert, was wäre, wenn ich entgegen allen Prognosen vom Krebs geheilt würde. Was würde sich dann in meinem Leben verändern? Würde ich dann weiter so intensiv darüber nachdenken, was es heisst, bewusst zu leben? Würde ich dann der Erkenntnis treu bleiben, dass Freiheit nichts anderes bedeutet, als bewusst Entscheidungen zu treffen? Etwa bewusst wählen zu können, ob mir nun Kaffee oder Prosecco gut tut? Und plötzlich habe ich mich gefragt: Würde ich wirklich geheilt werden wollen? Diese Frage hat mich erschreckt. Aber ich werde darüber nachdenken.
Kraftort
Informationen zum Kloster Cazis: Tel. 081 651 14 32, www.kloster-cazis.ch [2]
Unter dem Motto «Neuland entdecken» führt die Krebsliga zehn verschiedene Reha-Seminare für Krebskranke und deren Angehörige durch. Zum Beispiel «Wege aus der Müdigkeit» in Heiligenschwendi BE oder «Was Not tut und was gut tut» im Kiental BE. Informationen:
Tel. 031 389 93 28 oder 031 389 91 15, reha@krebsliga.ch [3], www.swisscancer.ch [4]
Links:
[1] http://www.annabelle.ch/krebs
[2] http://www.kloster-cazis.ch/
[3] mailto:reha@krebsliga.ch
[4] http://www.swisscancer.ch/