Text: Nicole Gutschalk
Erkenntnisse vom letzten Kindergeburtstag: Helena steht bereits auf drei Wartelisten für einen Schulplatz. Sie ist gerade mal zwei Jahre alt. Favorit wäre die Swiss International School, sagt die Mutter, denn: «Ohne Zweisprachigkeit ist man doch heute weg vom Fenster.» Mia, vier Jahre alt, steht auch auf einer Warteliste - jener der Rudolf-Steiner-Schule. Ihre Tochter sei wirklich kreativ, so Mias Mutter, «deshalb: Steiner-Schule oder keine!».
Es ist eine Diskussion, die mich mittlerweile regelrecht verfolgt. Auf Spielplätzen oder bei Nachtessen im Freundeskreis ist das Thema Schulwahl der Renner. Mein Problem dabei: Mein fünfjähriger Sohn steht bisher auf keiner einzigen Warteliste. Weil ich mir über die Wahl der perfekten Schule für ihn noch gar keine Gedanken gemacht habe. Ist er vielleicht auch besonders kreativ? Das letzte Muttertagsgeschenk - eine Handcrèmedose, beklebt mit Glitzersteinchen - war etwas schludrig gefertigt. Ausserdem spielt er fürs Leben gern Fussball, und das ist doch an der Steiner-Schule verboten? Oder bei Montessori?
In meinem Freundeskreis ist die «freie» Schulwahl längst im Gang - auch bei denen, die sich keine Privatschule leisten können. Man recherchiert im Netz die Ausländerquoten der Quartierschulen, überdenkt den Wohnort, nutzt die öffentlichen Besuchstage und schreibt Gesuche mit Begründungen wie «Meine Tochter Anna würde so gern mit ihrer Freundin Mia in die gleiche Klasse gehen». Es gibt sogar Eltern, die nicht davor zurückschrecken, im Quartier der Lieblingsschule vor dem Einschulungstermin vorübergehend eine Wohnung zu mieten.
Und wir Eltern sollen noch freier werden. Dank der Initiativen für eine freie Schulwahl, die bereits in mehreren Kantonen geplant oder lanciert sind. Diese Initiativen gehen unterschiedlich weit. Manche verlangen, dass die freie Schulwahl nur für die Volksschulen gilt. Andere würden es ermöglichen, dass man künftig unabhängig vom Kontostand eine private Institution für seinen Nachwuchs in Betracht ziehen kann. Finanziert würde das Ganze beispielsweise über so genannte Bildungsgutscheine. Der Kanton würde demnach den Eltern Gutscheine in der Höhe eines durchschnittlichen Schuljahrbetrags zukommen lassen. Das wären auf der Primarschulstufe in Zürich zirka 15 000 Franken pro Kind und Jahr. Mit den Initiativen erhoffen sich die Befürworter, den pädagogischen Wettbewerb anzukurbeln und damit die Qualität der Schulen zu erhöhen. Aber: Ist der Qualitätsunterschied zwischen den staatlichen Schulen und den privaten Institutionen wirklich so riesig? Welche Werte werden unseren Kindern in den pädagogischen Werkstätten des Landes jeweils mit auf den Weg gegeben? Ist der Entscheid, den wir für unsere Kinder treffen, tatsächlich so wegweisend? Wenn man erst mal anfängt, über solche Dinge nachzudenken, stellen sich immer mehr Fragen. Zeit also für einen Besuch in den Schulen, in denen mein Sohn die nächsten Jahre verbringen könnte.
Die alternative Variante: Rudolf-Steiner-Schule
«Wohlfühlschule» wird die Rudolf-Steiner-Schule gern genannt. Das ist nicht als Kompliment gemeint. Aber die Schulleiterin Elisabeth Anderegg von der Rudolf-Steiner-Schule in Zürich reagiert gelassen auf diese Etikettierung. «Ich bin der Ansicht, dass sich Kinder auf einer Schule durchaus wohl fühlen dürfen», sagt sie. «Fühlt sich ein Kind in seinem schulischen Umfeld aufgehoben, ist dies seiner Lernfähigkeit nur dienlich.»
Wie sich «Wohlfühlen» anfühlt, merke ich, als ich das Klassenzimmer der Erstprimarschüler betrete. Die Wände sind in einem hellen Gelb und in dezenten Grün- und Blautönen gestrichen. Was auffällt: Es gibt keine Pulte und keine Stühle bei den Erst- und Zweitklässlern. Stattdessen sind niedrige Bänke, die man aus Turnhallen kennt, zu einem Kreis angeordnet, auf denen die Kinder zu zweit sitzen - normalerweise. Jetzt aber ist gerade Rechnen angesagt. Und die Rechnungen werden gehüpft. In der Mitte des Kreises ist mit Wachsstift ein Himmel-und-Hölle-Spiel auf den Boden gezeichnet. Die Kinder springen auf die verschiedenen Zahlen, die zusammengezählt elf ergeben sollten. Also: zwei hüpf und vier hüpf und drei hüpf und zwei hüpf. Ist die Rechnung richtig, wird geklatscht. Kommt im Klassenzimmer Unruhe auf, fragt der Lehrer: Wie empfindet ihr es jetzt - ist es laut, leise oder mittel? Laaaauuuut, ertönt es aus 23 Kinderkehlen. Kurze Besinnung. Und weiter gehts. Kastanien werden in die Mitte des Kreises gelegt: Wie viele Dreiergrüppchen Kastanien brauchen wir, um zwölf Kastanien zu bekommen? Kinderhände schiessen hoch. Lea mit Überzeugung: Vier. Multiplikation, ist das bereits Schulstoff, den man in der ersten Klasse beherrschen muss? «Wir sind im Rechnen vergleichsweise weit», sagt Lehrer Jonathan Keller nach der Stunde. «Da nicht jedes Kind über Addition und Subtraktion einen leichteren Zugang zur Mathematik hat, führen wir in der ersten Klasse auch Multiplikation und Division ein.»
Nach dieser Schulstunde habe ich nicht das Gefühl, dass hier Kinder in die Schule gehen, die später dem «rauen Wind der Gesellschaft» nicht standhalten können - auch das ein gängiger Einwand gegen die Steiner-Schule, der darauf anspielt, dass hier während der ersten Jahre keine Noten verteilt werden. «Wir verzichten auf Noten, um die individuellen Fortschritte der Kinder besser würdigen zu können und sie damit auch zu motivieren», sagt Schulleiterin Elisabeth Anderegg. Gibt es denn auch Kinder, die sich gern messen würden und deshalb in ihrer Schule fehl am Platz sind? «Die gibt es. Wobei sich in vielen Fällen vor allem die Eltern plötzlich ein leistungsorientierteres Umfeld für ihre Kinder wünschen.» Man müsse sich als Eltern bewusst werden, was einem wichtiger sei: ein Kind, dem man Zeit für seine persönliche Entwicklung lässt. Oder ein Kind, das von Anfang an über die Leistung funktioniert. Noch so eine Frage, die ich mir bisher nie wirklich gestellt habe.
Wie also denke ich über Leistung? Als Ex-Volksschülerin stand sie für mich immer im Vordergrund. Eine gute Schule war folglich jene, die möglichst vielen einen Übertritt ins Gymnasium ermöglicht. Die Werte, die eine Schule ihren Schülern vermitteln will, waren keine Variablen in meiner Rechnung. Aber welche Rolle spielen moralische, ethische und erzieherische Fragen an einer Schule wirklich? Die Befürworter der freien Schulwahl sind der Ansicht, dass der Pädagogik im weiteren Sinn gerade in den Volksschulen zu wenig Beachtung geschenkt wird. Lehrer, die individuell auf ihre Schüler eingehen können, gebe es nur noch selten. Mit gravierenden Konsequenzen: Schulprobleme seien oftmals in einem gestörten Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler begründet - und in diesen Fällen müsse ein Klassen- oder Schulwechsel möglich sein. Wer das Geld hat, entscheidet sich in einem solchen Fall für eine Privatschule. Wer nicht, hat schlichtweg keine Wahl.
Die elitäre Variante: SIS Swiss International School
8.45 Uhr vor der SIS Swiss International School: Autotüren werden geöffnet, Kinder steigen aus, Autotüren werden geschlossen. Die Autos sind gross, die Nummernschilder aus Zug, Schwyz und Zürich.
Das Schulgebäude ist aus Beton und Glas, es wirkt sehr hell und hat den Zürichsee in Sichtweite. Die Tür zum Klassenzimmer ist ebenfalls aus Glas. Hier passiert nichts hinter verschlossenen Türen. Die Kinder sitzen zu zweit an kleinen Pulten, die auf die Wandtafel ausgerichtet sind. Die Papieruhr an der Tafel steht auf «Whispering» - Flüsterton. Und die Kinder beschäftigen sich gerade damit, wie es wohl wäre, wenn Weihnachten im Sommer stattfinden würde. «If Christmas would be in summer, I would eat an icecream», meint Chantal, «I would do a barbecue», findet Marvin, und «I would go swimming», sagt Cara. Englisch aus siebenjährigen Kindermündern klingt wahnsinnig süss. Und easy, vor allem wenn man bedenkt, dass nur bei vier von achtzehn Kindern im Schulzimmer Englisch die Muttersprache ist. Alle anderen sind Schweizer. «So soll es auch sein,» sagt der Schulleiter Ivo Müller. «Bei uns wird den Kindern von Anfang an die Angst vor einer Fremdsprache genommen.» Das fängt an der SIS bereits im Kindergarten an, wo ebenfalls zweisprachig unterrichtet, gespielt und gesungen wird. Und damit die Kinder sich auch wirklich auf die jeweilige Sprache einstellen können, wird ihr ein Raum zugeteilt. Im englischen Zimmer wird dann beispielsweise Handarbeit oder Mathematik auf Englisch unterrichtet. Im deutschen Raum die gleichen Fächer auf Deutsch. In den Zimmern selbst sollen sich die Kinder auch untereinander in der entsprechenden Sprache unterhalten. Das funktioniert. «Can I please have the dictionary?», bittet Cara ihre Banknachbarin. «Yes, sure», meint Chantal. Die Kinder bringen ihre eben erworbenen Sätze zum Thema «If Christmas would be in summer» zu Papier. Im Hintergrund lässt die Lehrerin leise Musik laufen. Entspannungsklänge, wie man sie aus Wellnessoasen kennt.
24 000 Franken kostet diese Schule im Jahr. Den Ausdruck Eliteschule möchte Schulleiter Ivo Müller trotzdem nicht so stehen lassen. Klar müsse man sich das leisten können. Trotzdem habe die Schule eine gute soziale Durchmischung. Es gebe auch Kinder aus der Mittelschicht, bei denen beide Eltern arbeiten, um den Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen. «Wenn wir aber den Begriff Elite auf Leistung beziehen, dann stehen wir dazu», sagt Ivo Müller. «Kinder müssen Optionen haben, und sie sollen vor allem auch merken, dass es in ihren Händen liegt, welchen Weg sie einmal gehen möchten.» Passend dazu lautet denn auch eines der Leitmotive der Schule: «I can make things happen.»
Mein Zwischenfazit nach dem Besuch dieser Schule:
I cannot make all things happen. Diese Schule wäre für uns auch dann zu teuer, wenn die freie Schulwahl dereinst Realität würde. Zudem: Wie sollte ich den Schulweg organisieren? Mit meinem Sohn täglich im öffentlichen Verkehrsmittel quer durch die Stadt fahren? Oder mit dem Velo? Und ab welchem Alter kann ein Kind eigentlich selbstständig ein öffentliches Verkehrsmittel benutzen?
Die familiäre Variante: Gesamtschule Unterstrass
Nun gibt es auch in meinem Wohnquartier eine Privatschule mit gutem Ruf, aber: Mein Sohn hat kaum Chancen, hier eingeschult zu werden. Denn an der Gesamtschule Unterstrass gibt es bereits Anmeldungen für Kinder, die noch gar nicht geboren sind. Auf der Warteliste stehen derzeit über zweihundert Kinder - dabei bietet die Schule, Kindergarten inklusive, lediglich achtzig Plätze. Einzige Möglichkeit: Falls ich meine einjährige Tochter sofort anmelden und sie tatsächlich einen Platz im Kindergarten bekommen würde, könnte ich meinen Sohn als ihr Geschwister nachziehen. Das allerdings erst ab der vierten Klasse.
Überall im Klassenzimmer stehen, liegen und hängen Bastelarbeiten. Ein Klavier steht mitten im Raum. Zu Beginn der Stunde nehmen die Schüler in einem Kreis auf niedrigen Holzbänken Platz. Regula, wie die Kinder ihre Lehrerin nennen, erklärt den Stundenablauf. Satzbau und Satzzeichen werden das Thema sein. Die Kinder, die im Kreis sitzen, sind zwischen sieben und zehn Jahre alt. Die Schule hat sich bei ihrer Gründung 1981 für ein Mehrklassenprinzip entschieden. «Die Kinder profitieren sehr voneinander», sagt die Lehrerin Regula Franz. «Auch die älteren. Sie erklären den jüngeren, wie etwas funktioniert. Und über das Erklären vertiefen sie den Stoff.» Allen Kindern wird die gleiche Aufgabe gestellt. Im Kreis sitzend, hält jedes Kind ein Blatt Papier mit einem Satzzeichen in der Hand, also «?», «!» oder «.». Die Lehrerin liest eine Geschichte vor und hält jedes Mal am Satzende für einen kurzen Augenblick inne. Nach einer Frage stehen die Kinder mit dem Fragezeichen auf, nach einem Befehl diejenigen mit einem Ausrufezeichen und so fort.
Die Kinder hier sind mehrheitlich Einzelkinder von Eltern, die beide berufstätig sind und sich eine langjährige Betreuung für ihren Nachwuchs leisten können. Kinder mit «gutem Bildungshintergrund» nennt sich das im Fachjargon. «Zu unserer Schule passen grundsätzlich alle Kinder - entscheidend ist die Frage der Mischung», sagt Schulleiter Dieter Rüttimann. «Ich wäre durchaus für eine bessere soziale Durchmischung, würde gern alle vier Kinder meines albanischen Nachbarn bei uns aufnehmen. Aber das liegt für uns als nicht subventionierte Institution finanziell nicht drin.» «Leider», fügt Dieter Rüttimann an, denn der Unterricht würde durch eine bessere Durchmischung von «bildungsnahen» und «-fernen» Kindern nur spannender werden. Für den Schulleiter unter anderem ein Grund, für eine freie Schulwahl einzustehen. Ganz abgesehen von der Chancengleichheit für alle Kinder.
Chancengleichheit ist ein Schlagwort, mit dem nicht nur die Befürworter der freien Schulwahl werben. Auch die Gegner bringen das Argument ins Spiel. Sie glauben, dass sich die Schere zwischen den Kindern aus bildungsnahem und denen aus bildungsfernem Elternhaus noch weiter öffnen würde. Denn: Nur gut gebildete Eltern würden sich informieren und ihre Kinder früh genug auf die Wartelisten der guten Schulen setzen. In manchen Volksschulen verblieben dann nur noch die «Bildungsfernen». Auf dem Land könnte dies gar so weit führen, dass Volksschulen schliessen müssten, weil Kinder in die «bessere» Schule des Nachbarorts abziehen.
Die Normalo-Variante: Volksschule
«Wenn das Angebot nicht gut genug ist, welchen Sinn hätte es dann noch, es künstlich am Leben zu erhalten?», fragt Peter Jordi. Das ist eine erstaunliche Aussage. Denn Peter Jordi ist Volksschulleiter. Seine Schule liegt in meinem Quartier und gehört zu denen, für die viele Gesuche gestellt werden. Anscheinend macht man hier etwas richtig. Die Chancen sind mittlerweile denn auch verschwindend gering, dass solche Gesuche bewilligt werden - wohl auch in meinem Fall. «Ich bin der Ansicht, dass sich die Volksschule eine Identität zulegen muss», sagt Peter Jordi weiter. Denn jede Schule müsse für sich herausfinden, wo ihre Stärken liegen, welche Pädagogik sie vertrete, welche Kinder am besten zu ihr passen - «so wie es die Privatschulen schon lange machen». Dies würde auch für die Eltern so einiges vereinfachen. Die Volksschulen bekämen ein klareres, bewertbares Profil.
Die Lehrerin Livia Fluri ermahnt mehrmals zur Ruhe. Drei Jungs in der Klasse sind heute besonders zappelig. Halbklassenunterricht der ersten Klasse im Schulhaus Turner. Die elf Kinder sitzen in einem Halbkreis vor der Wandtafel und üben sich im Schreiben. Ein Kartentext soll verfasst werden. Die Anrede etwa: Lieber Papi, liebes Gotti, lieber Opa. «Kann ich auch den Namen meiner Mutter schreiben, sie heisst Sabine?» Klar, sagt Livia Fluri, das geht auch. David hat es mit seinen Zwischenrufen definitiv zu weit getrieben. Er muss das Ganze von seinem Platz aus mitverfolgen, bleibt aber nicht lange dort sitzen. Herr Leuthart, ein älterer Mann, den die Kinder auch Senior nennen, nimmt David zur Seite und setzt sich mit ihm an einen grossen Tisch am Rand des Zimmers. Man hört ihn flüstern: «Hey, ich habe früher ja auch den einen oder anderen Seich gemacht, aber du solltest dich wirklich etwas zusammenreissen. Komm, lass hören, wie du lesen kannst.» Und David liest Herrn Leuthart leise etwas vor. In der Zwischenzeit haben sich die anderen Kinder wieder auf ihre Plätze gesetzt, um den Kartentext zu verfassen. Im Minutentakt steht eines der Kinder am Pult der Lehrerin. «Wenn ich die Karte aber lieber meiner Freundin in Italien schicken möchte, schreibe ich dann ‹Liebe Freundin›?» ? «Nun, ich würde es netter finden, wenn du den Namen der Freundin hinschreiben würdest. Wie heisst sie denn?» - «Janna.» - «Okay, schau, so schreibt man das: J A N N A.» Kurz vor dem Läuten fordert Livia Fluri die Schülerinnen und Schüler auf, langsam Schluss zu machen. Schliesslich sei heute ein besonderer Tag. Man werde gemeinsam mit den Jugendlichen vom Rösli-Schulhaus gebrannte Mandeln machen. «Bitte packt eure Sachen zusammen und zieht euch leise an, die anderen Kinder haben noch Unterricht.» Basteln mit den Jugendlichen vom Nachbarschulhaus, Lesen üben mit Senioren - diese Schule ist ja ganz schön kreativ. «Ja», sagt Livia Fluri, «wenn es nach uns Lehrern ginge, würden wir noch viel mehr kreative Ideen umsetzen.»
Was braucht ein Kind, um in der Schule glücklich zu sein? «Eine gute Lernatmosphäre», sagt Schulleiter Peter Jordi. «Es sollte dort abgeholt werden, wo es tatsächlich steht. Man sollte einem Kind auch mehrere Lernangebote machen und auf keinen Fall nur auf seine Schwächen hinweisen - sonst hat es überhaupt keine Lust mehr aufs Lernen.» Hohe Ausländerquoten, integrativer Unterricht, ein stetig steigender administrativer Aufwand für die Lehrer als Folge der ewigen Volksschulreformen - kann eine Volksschule überhaupt noch auf individuelle Bedürfnisse eingehen? Die «Reformitis», so Peter Jordi, habe zwar auch Gutes bewirkt, wie eine Verbesserung der Qualitätskontrolle für die einzelnen Schulen. Sie lasse aber leider nur sehr wenig Spielraum, wenn es um die kreative Stundenplanung gehe. Sehr zum Bedauern der Lehrerschaft. Und natürlich könne er da Eltern verstehen, die eine Privatschule für ihre Kinder in Betracht ziehen. «Leider haben aber nur Leute aus höheren Gesellschaftsschichten eine Wahl, weil meist nur sie sich eine Wohnung in einem privilegierten Quartier leisten können. Das ist unfair und lässt viele Kinder auf der Strecke, die eine wirkliche Chance bräuchten.»
Würde mein Sohn im Schulhaus Turner eingeschult, würde meine Suche nach der perfekten Schule hier enden. Denn eines habe ich inzwischen erkannt: Die perfekte Schule ist die, die gut genug ist für mein Kind. Und diese Schule wäre gut genug. Hier ist nichts zu spüren von demotivierten Lehrern, die aufgerieben werden zwischen den Ansprüchen von Kindern, Eltern, Politikern und ihrem eigenen Verständnis von Pädagogik. Hier unterrichten Lehrer mit Begeisterung. Aber leider wird mein Sohn nicht hier eingeschult werden. Sondern vermutlich in einem anderen Quartierschulhaus, an dessen Tür ich im Lauf der Recherche vergebens geklopft hatte. Ich wurde abgewiesen. Journalistin und Mutter zugleich zu sein, sei eine unprofessionelle Vermischung. Ich könne am Elternbesuchstag im März teilnehmen - als Mutter. Zudem habe sowieso niemand Zeit, meine Fragen zu beantworten, denn: «Wir arbeiten hier alle am Rand der Überlastung.» Keine besonders gute Werbung. Deshalb steht mein Sohn jetzt auf zwei Wartelisten. Bei der Gesamtschule Unterstrass und bei der Rudolf-Steiner-Schule. Dort darf man nämlich sogar Fussball spielen - es wird nur nicht besonders gern gesehen.
Eine Idee macht Schule
In diversen Schweizer Kantonen sind Initiativen für eine freie Schulwahl lanciert worden. Zurzeit werden in den Kantonen Solothurn, Thurgau und Basel-Stadt Unterschriften gesammelt. Die Initiativen fordern, dass Eltern für ihre Kinder künftig die Schule selber auswählen können – ob Privatschule oder Volksschule. Finanziert würde das Ganze über ein fixes Schulgeld, das der Staat an jene Schule zahlt, die von den Eltern gewählt wurde. Oder mittels Bildungsgutscheinen, welche die Eltern direkt vom Staat bekommen. Treibende Kraft hinter der Idee ist die Elternlobby Schweiz mit ihrer Präsidentin Pia Amacher. Pia Amacher weibelt bereits seit 2002 durch die Schweiz, um für ihr Anliegen zu werben.
Bereits im November 2003 deponierte die Elternlobby eine Petition mit 40'000 Unterschriften im Bundeshaus und brachte damit die ersten Steine ins Rollen. Von den politischen Parteien unterstützt zurzeit nur die FDP die Initiative. Erster Kanton, der bereits über die Initiative für eine freie Schulwahl abgestimmt hat, war Baselland. Der Souverän des Kantons erteilte der Verfassungsinitiative «Ja! Bildungsvielfalt für alle» Ende November 2008 eine überraschend deutliche Abfuhr – 79 Prozent der Stimmenden votierten mit einem Nein zum Begehren. Allerdings wird im Halbkanton der Staatsbeitrag für private Bildungseinrichtungen von 2000 auf 2500 Franken pro Schüler und Jahr erhöht.
In Zürich will man nach dem klaren Verdikt in Baselland über die Bücher gehen und hat deshalb die Lancierung der Volksinitiative einstweilen verschoben.
Internationale Vorbilder der Initianten sind etwa Finnland und Schweden. In Finnland besuchen zurzeit fünf Prozent der schulpflichtigen Kinder eine Privatschule – der Rest hält den Volksschulen die Stange. In Schweden werden vierzig Prozent der Kinder privat eingeschult, Tendenz steigend. Holland kennt bereits seit 1919 die freie Schulwahl. Öffentliche und private Schulen sind dort laut Verfassung gleichgestellt. In den vergangenen Jahren kam es jedoch zu einer Gettoisierung gewisser Volksschulen. Auch Wahlfreiheit hat ihre Grenzen. Denn nur öffentliche Schulen sind verpflichtet, alle Kinder anzunehmen, die an ihre Tür klopfen. Private Schulen haben oft sehr lange Wartelisten. Holland möchte dieser Tendenz nun mit Quotenregelungen entgegenwirken.
Volksschule Turner, Zürich
Schülerzahl: 150 Kinder.
Klassengrösse: Durchschnittlich 22 Kinder.
Schulgeld: Kostenlos. Randstundenbetreuung, Mittagstisch, Mittags- und Abendhort werden an der Schule angeboten und separat berechnet. Ein Mittagessen inklusive Nachmittagsbetreuung kostet bei einem mittleren Einkommen ca. 47 Franken.
Konzept: Ein ganzheitliches Lernkonzept für Kopf und Herz, bei dem jedes Kind dort abgeholt wird, wo es schulisch gesehen gerade steht. Die Schule fördert die Eigenaktivitäten der Kinder und unterstützt ihre emotionale und soziale Entwicklung.
Anmeldung: Erfolgt über die städtische Schulzuordnung im Kreis.
www.turnerroesli.ch [1]
SIS Swiss International School, Zürich
Schülerzahl: 185 Kinder.
Klassengrösse: Max. 18 bis 20 Kinder, durchschnittlich 16.
Schulgeld: 1870 Franken pro Kind und Monat. Zusätzlich 13 Franken pro Mittagessen und für die Randstundenbetreuung 10 Franken pro Stunde.
Konzept: Bilingualer Bildungsweg von der Vorschule bis zur Matura, Verbindung zweier Kulturen und pädagogischer Traditionen, Orientierung sowohl am Lehrplan der Kantone Zürich und Basel wie auch an internationalen Standards, Tagesschulstrukturen (7.30 bis 18 Uhr).
Anmeldung: Im Alter von zwei bis drei Jahren ratsam. Kinder aus dem Kindergarten der SIS werden
bevorzugt behandelt. Einschreibegebühr: 400 Franken.
SIS-Schulen gibt es unter anderem auch in Basel, Winterthur und ab Sommer 09 auch in Männedorf ZH.
www.swissinternationalschool.ch [2]
Gesamtschule Unterstrass, Zürich
Schülerzahl: Insgesamt 60 Kinder im Alter von 4 bis 12 Jahren.
Klassengrösse: Durchschnittlich 20 Kinder, vormittags jeweils mit 2 Lehrpersonen.
Schulgeld: 1500 Franken pro Monat inklusive Mittagessen. Randstundenbetreuung von 16 bis 18 Uhr wird separat berechnet. Eine Stunde kostet ca. 15 Franken.
Mehrklassenschule: altersdurchmischtes Lernen – voneinander und miteinander. Integrativer Unterricht: Plätze für Kinder mit Behinderungen oder Teilleistungsschwächen in allen Abteilungen. Tagesstruktur.
Konzept: Mehrklassenschule: altersdurchmischtes Lernen – voneinander und miteinander. Integrativer Unterricht: Plätze für Kinder mit Behinderungen oder Teilleistungsschwächen in allen Abteilungen. Tagesstruktur.
Anmeldung: Am besten pränatal. Auf der Warteliste stehen zurzeit über 200 Kinder. Kinder aus dem schuleigenen Kindergarten werden bevorzugt behandelt.
www.gesamtschule-unterstrass.ch [3]
Rudolf-Steiner-Schule, Zürich
Schülerzahl: 217 Kinder.
Klassengrösse: Durchschnittlich 24 Kinder.
Schulgeld: Einkommensabhängig. Mindestbeitrag pro Monat 500 Franken, bei einem mittleren Einkommen monatlich ca. 1120 Franken pro Familie, unabhängig von der Anzahl Kinder. Ein Mittagessen kostet zusätzlich 6.50 Franken, Zusatzbetreuung 7 Franken pro Stunde.
Konzept: Die Persönlichkeitsbildung ist zentral. Künstlerischen Tätigkeiten wird besondere Bedeutung beigemessen. Rudolf Steiners Pädagogik will Eigenschaften wie individuelle Freiheit, soziales Empfinden und verantwortungsvolles Handeln schulen.
Anmeldung: Am besten, wenn das Kind drei Jahre alt ist. Kinder, die bereits den Kindergarten an der Schule besuchen, werden bevorzugt.
Rudolf-Steiner-Schulen gibt es in der ganzen Schweiz, u. a. in Basel, Solothurn, Bern, Scuol GR, Lugano, Genf, Luzern und Lenzburg AG.
www.steinerschule-zuerich.ch [4]
www.steinerschule.ch [5]
Links:
[1] http://www.turnerroesli.ch/
[2] http://www.swissinternationalschool.ch/
[3] http://www.gesamtschule-unterstrass.ch/
[4] http://www.steinerschule-zuerich.ch/
[5] http://www.steinerschule.ch/