Am 2. November 2004, dem Tag, an dem der niederländische Filmemacher Theo van Gogh von einem islamischen Fundamentalisten ermordet wird, beschliesst Elham Manea, nicht länger zu schweigen. Sie ist wütend. Und gesteht sich ein, dass sie bereits jahrelang wütend gewesen ist: Darüber, dass sich einige ihrer arabischen Bekannten insgeheim über die Terrorangriffe vom 11. September 2001 gefreut hatten. Darüber, dass sich eine Ideologie ausbreiten konnte, die junge Menschen auffordert, sich selbst und andere umzubringen, ohne ein moralisches Problem darin zu sehen. Und darüber, dass eine konservative Minderheit behauptet, im Namen des Islam und der Muslime zu sprechen.
Elham Manea, gebürtige Jemenitin, Humanistin, Journalistin und Dozentin für Politikwissenschaft an der Universität Zürich, hatte nie offen protestiert. Aber als dieser junge Mann, der Theo van Gogh getötet hat, erklärt, er habe im Auftrag seiner Religion gehandelt, will sie nicht mehr so tun, als gäbe es kein Problem oder als trüge der Westen die Schuld an der Misere. Sie ist froh um ihre Wut. «Denn Wut», sagt sie, «ist nicht nur destruktiv. Sie lässt sich in eine starke Energie verwandeln, die einem hilft, einen neuen Weg einzuschlagen.»
Elham Maneas neuer Weg war ein Buch. Sie setzte sich hin und schrieb «Ich will nicht mehr schweigen. Der Islam, der Westen und die Menschenrechte». Es ist ein Plädoyer für eine grundlegende Reform des Islam und eine Bilanz ihres Lebens. Und es ist ein sehr mutiges Buch. Denn Elham Manea stellt Forderungen auf, die sie in den Augen vieler Muslime als Ketzerin erscheinen lassen könnten: Der Islam soll auf den universalen Menschenrechten beruhen und nicht länger davor zurückschrecken, den Koran und seine Auslegungen kritisch zu betrachten. Die religiöse Identität soll nicht mehr zentral sein, denn in erster Linie ist ein Mensch ein Mensch, kein Muslim. Ein Mensch, auch wenn er als Muslim geboren wird, soll seine Religion frei wählen und entscheiden dürfen, wie er sie ausübt. Und: Mann und Frau müssen endlich vor dem Gesetz gleichgestellt sein. Diese Reformen, betont Elham Manea, sind zwingend, um die islamische Gesellschaft zu modernisieren - so viele Tabus sie auch brechen mögen.
«Ich würde lügen, wenn ich behauptete, ich hätte keine Angst», sagt die 43-Jährige in ihrer Berner Wohnung, in der sie mit ihrem Schweizer Ehemann und ihrer neunjährigen Tochter lebt. «Aber um vorwärts zu kommen, sind wir gezwungen, unsere Anliegen in die Öffentlichkeit zu tragen. Die Menschen in der arabischen Welt wollen endlich atmen können. Ich habe das Buch mit sehr viel Liebe geschrieben. Und ich bin bereit, die Konsequenzen zu tragen.»
Elham Manea serviert Kaffee aus einer italienischen Espressomaschine. Wenig deutet in der Wohnung auf ihre arabische Herkunft hin: das Modell eines jemenitischen Altstadthauses in einem Regal über dem Fernseher, der Jambia, der traditionelle Krummdolch ihres Vaters und natürlich die Bücher, Literatur über die Politik der Arabischen Halbinsel, die sie selbst verfasst hat, daneben die gesammelten Werke des ägyptischen Literaturprofessors Nasr Hamid Abu Zaid, der seit Jahren im holländischen Exil lebt, und ihre erste arabische Erzählung «Sada'a al anin» (Echo der Schmerzen), die 2005 in Beirut veröffentlicht worden ist. Ihr Debüt handelt von Tochter, Mutter und Vater, ist autobiografisch, aber zugleich ein Sinnbild für die arabische Gesellschaft, es geht um Träume, den allmählichen Abschied davon, die Resignation und Verzweiflung. Schon dieses Buch hatte einen Skandal ausgelöst - das hilft ihr nun, dem nächsten gelassen entgegenzusehen. «Ich habe realisiert, dass die Extremisten auf unsere Angst vertrauen», sagt sie. «Sie sind sogar abhängig davon, weil die Angst uns stillhält. Wenn wir das zulassen, haben sie schon gewonnen.»
Obwohl sich Elham Manea in ihrer Argumentation mit der Geschichte des Islam und der Re-Islamisierungsprozesse in der arabischen Welt auseinander setzt, richtet sich ihr Buch auch an ein europäisches Publikum. Die Folgen der Re-Islamisierung sind in Europa und der Schweiz ebenfalls zu spüren und gehören zu den Dauerbrennern in gesellschaftlichen Debatten: der Streit ums Kopftuch etwa, die Volksinitiative gegen den Bau von Minaretten oder die Diskussionen um Schwimmverbote für Mädchen. «Aber wenn wir uns an Debatten um Minarette oder Kopftücher festbeissen, reden wir an den eigentlichen Problemen vorbei», sagt Elham Manea. «Denn dann reden wir nur über die Symbole.»
Wie soll ein Land wie die Schweiz seine Integrationsprobleme angehen? «Wir müssen Migranten in die Pflicht nehmen, die demokratische Basis des Staates zu respektieren», sagt sie. «Menschenrechtsverletzungen gilt es offen zu benennen und unparteiisch zu behandeln.» Die Gefahr liege im kulturellen Relativismus: Akzeptieren wir, dass ein Mädchen wegen seines Glaubens nicht mit auf die Schulreise darf oder vom Schwimmunterricht dispensiert wird, wird damit eine Ungleichbehandlung der Geschlechter toleriert: «Das ist eine Verletzung der Menschenrechte.» Auf keinen Fall dürfe man Migranten auf ihre religiöse Identität reduzieren. Die Zelebrierung dieser Identität sei ein Hauptmerkmal der konservativen islamischen Kräfte. Werde ein junger Migrant in Europa in erster Linie als Muslim und nicht als Individuum wahrgenommen, spiele dies den Extremisten in die Hände.
Elham Manea stammt aus einer aussergewöhnlich liberalen Familie. Ihr Vater, ein jemenitischer Diplomat, reiste viel, und Elham wuchs in mehreren Ländern auf. Als sie drei Jahre alt war, zogen ihre Eltern nach Deutschland, wo sie einen Kindergarten besuchte, der von Nonnen geführt wurde. Danach wurde ihr Vater nach Ägypten berufen, später in den Iran, nach Marokko, Kuwait, in die USA und dazwischen immer wieder in die Heimat. Er war zutiefst idealistisch. So war Elhams ägyptische Mutter eine der ersten Frauen in Sanaa, der Hauptstadt des Jemen, die Auto fuhren und ihr Gesicht unverhüllt zeigten. Elham selbst war eines der wenigen Mädchen, die sich nicht verschleiern mussten. Mehr noch, ihr Vater verbot es ihr sogar, weil sie durch die Verhüllung erst recht auf ihre Sexualität reduziert würde. Ein einziges Mal trug sie den traditionellen schwarzen Umhang, den Sharshaf - beim Spiel mit ihrer Cousine. Dennoch wurde auch sie mit der anderen Realität des Jemen konfrontiert. Denn während sie noch unbeschwert in den Gassen Sanaas rumtollte, wurde ebendiese Cousine, die elfjährige Samira, verheiratet. Elham war erschüttert. «Ich spürte, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zuging», erzählt sie, «und ich fand es ungerecht, dass Samira heiraten musste, ich aber verschont blieb.» Wenn sie aus dem Ausland zurückkehrte und mitbekam, wie traurig Samira war und wie schlecht es auch dem blutjungen Ehemann ging, fühlte sie sich verantwortlich. Aber was hätte sie für Samira tun können? Sie tat nichts. Und verfluchte sich dafür, obwohl sie noch ein Kind war.
Erst mit den Jahren realisierte Elham, welches Glück sie gehabt hatte. Ihr Vater war ein Träumer, ein Philosoph, der sich leidenschaftlich für einen liberalen Staat einsetzte. Innerlich, sagt Elham Manea, sei er daran zerbrochen, dass seine Visionen durch die politische Realität zerstört worden sind. In seine Tochter aber setzte er alle Hoffnung. Schon mit sieben Jahren las er ihr Gedichte von Abul Ala'Al-Ma'ary vor. Dieser galt als einer der grössten Philosophen der Mutazila, der ersten rationalistischen Bewegung in der Geschichte des Islam. Rationalität steht vor jeglicher Religiosität - für dieses Prinzip macht sich Elham Manea auch in «Ich will nicht mehr schweigen» stark. Der Freiheit begegnete sie ebenfalls zum ersten Mal in diesen Versen: «Sie sprachen von einem menschlichen Geist, der voller Widerstand ist, sarkastisch und frei, so zu sein, wie er will. Und frei, die Ungerechtigkeiten abzulehnen, die er sieht.» Elhams Vater unterstützte die Freiheitsbestrebungen seiner Tochter. Er erklärte ihr, sie könne ihre Religion nach Belieben wählen, obwohl er wusste, dass Muslime nicht das Recht haben zu konvertieren. Er riet ihr ab zu heiraten, weil er fürchtete, die Ehe könnte sie an ihrer akademischen Karriere hindern. Und er beschwor sie, nicht als Jungfrau in die Ehe zu gehen. Vielleicht, weil er dabei auch an seine eigene Hochzeitsnacht dachte.
Die Geschichte dieser Nacht hat Elham Manea in ihrer Erzählung «Sada'a al anin» niedergeschrieben - obwohl sie ihrer Mutter versprochen hatte, niemals ein Wort darüber zu verlieren. Sie brach das Gelübde. «Solche Geschichten müssen erzählt werden», sagt sie, «damit sie nie mehr geschehen.»
In jener Hochzeitsnacht weigerte sich Elhams Vater, mit seiner Braut zu schlafen. Denn Elhams Mutter war bei ihrer Hochzeit gerade mal dreizehn Jahre alt. Sie hatte Schauspielerin werden wollen, sie war sehr schön, bereits waren einige Agenten auf sie aufmerksam geworden. Aber die Eltern hatten Angst um sie, wollten sie mit einer frühen Heirat vor Unheil und Unehre schützen. In dieser ersten Nacht standen die Eltern der Braut vor der Schlafzimmertür und warteten. Und riefen. Sie wollten das blutbefleckte Laken sehen, den Beweis für die Jungfräulichkeit der Tochter. Elhams Mutter kauerte in einer Ecke und fürchtete sich. Sie hatte keine Ahnung, was geschehen würde. Alles, was ihr ihre Freundinnen und Schwestern erklärt hatten, war, dass in dieser Nacht Blut fliessen würde. Und sie erinnerte sich an das Blut, das ihr nach der Beschneidung an den Beinen heruntergeronnen war. Elhams Vater brachte es nicht über sich, das zu tun, was die Pflicht verlangte. Drei Nächte ging das so. Am vierten Abend gab Elhams Vater seiner Braut Wein, um sie gefügig zu machen. Er wusste, dass er dem Druck ihrer Eltern nachgeben musste. Als der Wein nichts nützte, stiess er seine Frau aufs Bett und nahm sie mit Gewalt. Danach griff er das blutige Laken, trat vor die Schlafzimmertür und schleuderte es der Schwiegermutter ins Gesicht.
Wenn «Sada'a al anin» einen Skandal ausgelöst hat, dann gerade auch wegen dieser Szene. Vor allem im Jemen. Sogar der Leiter der Literaturvereinigung fragte Elham Manea, wie sie dieses Buch bloss hatte schreiben können, ohne sich um die Tabus in ihrer Gesellschaft zu kümmern. «Es war mir egal», sagt sie heute. «Es war, als würde ich nackt vor meinen Landsleuten herumlaufen und ihnen zuschreien: 'Ihr könnt mich erschiessen, ihr könnt Steine nach mir werfen, ihr könnt mich sogar in Stücke reissen, aber so bin ich. So denke ich. So fühle ich.'» Durch diese Erfahrung fühle sie sich stark genug für die Reaktionen auf ihr neues Buch.
Der Kaffee ist inzwischen kalt geworden. Plötzlich stürzt Elham Maneas Tochter zur Tür herein. Selma, ein Mädchen mit braunen Haaren, geröteten Wangen und einem dicken Pullover, das Schauspielerin werden will und seine Kleider danach ordnet, ob sie cool oder intelligent aussehen. Atemlos erzählt sie in breitem Berndeutsch von der Schule und wechselt dann nahtlos ins Arabische, um auszuhandeln, ob sie die Aufgaben nun vor oder nach dem Schlittschuhlaufen machen soll. Dann stürmt sie raus. Elham Manea blickt ihr nach. «Sie ist neun», sagt sie, «wie Nojoud.»
Nojouds Geschichte ging vor wenigen Monaten um die Welt: Das zwangsverheiratete jemenitische Mädchen hatte sich mit dem Geld, das sie bekommen hatte, um Brot zu kaufen, ein Taxi genommen, war ins Gericht gefahren und hatte einen Richter aufgesucht. Sie wollte die Scheidung von ihrem viel älteren Mann. Ein unglaublicher Skandal, aber das Mädchen setzte sich durch. «Es braucht solche Geschichten», sagt Elham Manea nochmals. «Im Jemen wird die Hälfte der Frauen verheiratet, bevor sie 18 Jahre alt sind. Viele davon sind sehr viel jünger.» Sie schaut einen Moment aus dem Fenster. «Stellen Sie sich vor, es wäre meine Tochter.»
Nojouds Geschichte blieb nicht ohne Folgen: Ein paar Tage nach dem Interview schickte Elham Manea ein SMS. «Liebe Helene», schrieb sie, «bin eben in Sanaa gelandet. Habe erfahren, dass Nojouds Fall das jemenitische Parlament dazu gebracht hat, ein Gesetz zu verabschieden, das das Mindestheiratsalter für Frauen auf 17 Jahre festlegt. Bin stolz auf Nojoud. Love, Elham.»
Elham Manea über...
Identität: Wenn mir jemand sagt: Sie sind Muslimin, dann frage ich mich: Was habe ich mit einem chinesischen oder indonesischen Muslim gemein? Wie soll ich mich als Muslimin verhalten? Sagen: Ja, ich trinke Alkohol? Nennen Sie mich nicht Muslimin. Ich bin in erster Linie Mensch, dann Araberin und dann erst Muslimin. Und immer bin ich Frau.
Menschenrechte: Universale Menschenrechte kommen vor Religion. Es sind Werte, für die wir lange
gekämpft haben, sie sind der Schatz und das Rückgrat unserer Gesellschaft. Wir müssen sie klar vertreten und dort, wo sie in Frage gestellt werden, energisch verteidigen.
Das Kopftuch: Das Kopftuch ist das Symbol des politischen Islam, der in den Siebzigerjahren gross geworden ist. Es reduziert die Frauen erst recht auf ihre Sexualität, weil es impliziert, dass ihr Körper ein Sexualobjekt ist, das jeden Mann in jedem Moment erregt. Ich will keiner erwachsenen Frau das Recht absprechen, die Kleidung zu tragen, die sie will. Sie muss ihre Kleidung frei wählen können, ohne Druck von ihrer Familie oder der Gesellschaft. Kindern soll es deshalb nicht gestattet sein, das Kopftuch zu tragen. Ebenso wenig Frauen, die eine öffentliche Position in einem säkularen Staat bekleiden, da die Symbolhaftigkeit des Kopftuchs die Neutralität des Staates verletzt.
Wo Elham Maneas sich engagiert
Forum für einen fortschrittlichen Islam: www.forum-islam.ch [1]
Middle East Transparent: www.metransparent.com [2]
Freedom House: www.freedomhouse.org [3]
Links:
[1] http://www.forum-islam.ch
[2] http://www.metransparent.com
[3] http://www.freedomhouse.org