Interview: Mathias Heybrock
Foto: Marc Wetli
annabelle: Bruno Ganz, «Je häufiger man in den Spiegel blickt, desto weniger sieht man sich altern», lässt Drehbuchautor Martin Suter Sie im Film sagen. Stimmt das?
Bruno Ganz: Wenn man dem Alterungsprozess beständig zuguckt, ist man nicht mehr so schockiert, in welchem Tempo es abwärts geht. Ernsthaft: Martin Suter schrieb da durchaus einen Satz von kluger Lebenserfahrung. Und er klingt auch gut.
Noch ein Zitat aus dem Film: «Man kann das Alter so lange ignorieren, wie es einen selbst ignoriert.»
Das ist ein kühner Satz, dem es um die Pointe geht. Ich glaube, man kann das Alter nicht wirklich ignorieren. Man kann ein gutes Verhältnis dazu entwickeln. Ich jedenfalls breche nicht vor Wut oder Schmerz auseinander, weil ich altere. Ich kann damit leben.
Mussten Sie das lernen?
Na ja, früher war ich halt nicht so alt (lacht). Nein, im Ernst: Ich hab Glück. Ich bin gesund.
In einer Szene wird diskutiert, wie man der Vergreisung am besten ein Schnippchen schlägt. Zur Auswahl stehen: Sport, gute Ernährung, Chirurgie.
Also mit der Chirurgie habe ich nichts zu tun. Will ich auch nicht. Niemals! An gesunde Ernährung
glaube ich. Wenn man eine italienische Mutter hat und von Kindesbeinen an immer gut gegessen hat, ist einem die Ernährung wichtig.
Sie kochen?
Oh ja. Ich bin zwar kein radikaler Nur-gesund-Kocher, aber komischerweise deckt sich das, was ich am liebsten mag, meistens mit dem, was gesund ist. Ich muss mir also keinen furchtbaren Zwang antun.
Zum Sport.
Ich praktiziere das nicht mit der im Film beschriebenen Vehemenz. Aber ich gehe gern in die Natur. Ich hab mich immer für körperliche Bewegung interessiert. Ich bin ein riesiger Ballettfan. Selbst beim Militär habe ich das Exerzieren am liebsten gemocht, weil das so eine Art Formationstanz ist.
Wie bitte?
Ja! Das war für mich das Interessanteste an der Schweizer Armee: das Exerzieren.
Ist es für Männer eigentlich einfacher, älter zu werden?
Beruflich gesehen sind Frauen im Nachteil. Zumindest am Theater: Die Weltliteratur hat für Damen in meinem Alter jedenfalls nicht sehr viel vorgesehen. Im Kino geht es vermutlich noch eher. Denken Sie nur an die Schauspielerin Judi Dench. Ob das auch im richtigen Leben gilt, weiss ich nicht. Es kommt mir so vor, als ob das für alle Geschlechter gleich schwierig ist.
Starke Dialoge
Mit «Giulias Verschwinden» verfilmte Regisseur Christoph Schaub («Sternenberg», «Happy New Year») ein Drehbuch, das der Schriftsteller Martin Suter ursprünglich für seinen verstorbenen Freund Daniel Schmid («Beresina») verfasst hatte. In der Ensemblekomödie sinnieren junge, ältere und alte Menschen über das Altern. Der Film ist dank seiner Dialoge und guter Darstellerleistungen sehenswert; er gewann am Filmfestival Locarno den Publikumspreis.
Ab 8. 10.: «Giulias Verschwinden» von Christoph Schaub. Mit Bruno Ganz, Stefan Kurt, Corinna Harfouch, Sunnyi Melles, Daniel Rohr