Text: Hanspeter Künzler
Fotos: Yoray Libermann, CNN
Erstellt: 29. Oktober 2009
Sie hat einen gefährlichen Job und ist wahrscheinlich die bekannteste Journalistin der Welt: Christiane Amanpour, Star des Nachrichtensenders CNN, über ihre neue TV-Show, den Ruf von Journalisten und das Gefühl, als Mutter in ein Kriegsgebiet zu reisen.
Mit ihren markanten Wangenknochen, der pechschwarzen Bobfrisur und den ausdrucksstarken Augen ist Christiane Amanpour das Gesicht des US-Nachrichtensenders CNN. Wo immer es in der Weltpolitik in den letzten zwanzig Jahren gebrannt hat, stand sie an vorderster Front. Sie stellte ihre furchtlosen Fragen auf Englisch, Französisch oder in Farsi, der Sprache ihrer Kindheit – in letzterem Fall war ihr Gesicht für gewöhnlich von einem Kopftuch eingerahmt. Gerade befindet sie sich in London, wo sie einen Dokumentarfilm über muslimische Jugendliche in Palästina und Afghanistan fertig stellt.
Dass Christiane Amanpour im Journalismus landete, war Zufall. Eigentlich sollte die Tochter aus wohlhabendem persischem Haus Ärztin werden. Obwohl sie von ihren Eltern ins Internat nach England geschickt wurde, brachte sie es nicht auf die Noten, die für ein Medizinstudium erforderlich gewesen wären. So driftete Amanpour einige Jahre im trendigen London herum, arbeitete in Bars, genoss das Leben. Die kleine Schwester hatte sich derweil für einen Sommerkurs in Journalismus eingeschrieben, verlor aber noch vor dem ersten Tag die Lust hinzugehen. Damit das bereits bezahlte Kursgeld nicht vergeudet war, trat Christiane an ihre Stelle.
Das Fach behagte ihr mehr als Biologie und Anatomie. Von London zog sie bald in die USA, um an der Universität von Rhode Island ein dreijähriges Journalismusstudium zu absolvieren. Während der Ferien arbeitete sie für BBC Radio, 1983 trat sie dann in Atlanta ihren ersten Assistenzjob bei CNN an. Bekannt wurde Amanpour Anfang der Neunzigerjahre durch ihre Berichterstattung vom ersten Irakkrieg. Sie war vor Ort, als die Truppen von Saddam Hussein Kuwait überrannten und die USA im Irak einmarschierten. Während des Bosnienkriegs wurde sie beinahe von einer Granate getroffen und sorgte weltweit für Aufsehen, weil sie als Erste von Völkermord sprach. Seither hat sie für ihre Dokumentarfilme nicht weniger als neun Emmy Awards bekommen. Im Jahr 2007 zeichnete die Queen sie mit dem Verdienstorden Officer of the British Empire aus.
Das Londoner Büro von CNN befindet sich mitten in Soho. Die Räumlichkeiten präsentieren sich so, wie man sich das vorstellt: überall Bildschirme und Stimmen, die man vom Fernsehen her kennt. Die für die Medienbetreuung zuständige junge Frau setzt sich ans andere Ende des Konferenztischs. Sie werde sich Notizen machen, «nicht, um Sie zu kontrollieren, sondern nur, weil es uns interessiert, was die Leute denken». Eine vertraute Stimme hallt durch den Korridor. Wenig später betritt Christiane Amanpour mit forschem Schritt den Raum. Ihr Lächeln ist zu gleichen Teilen Zeichen der Freundlichkeit und Signal zum Arbeitsstart.
Die vielleicht berühmteste Journalistin der Welt hat letztes Jahr ihren fünfzigsten Geburtstag gefeiert. Ihre Gesichtszüge sind etwas fülliger geworden, aber die Mimik ist deswegen nicht minder dramatisch. Ihr Gesprächston signalisiert Dringlichkeit. Sie kann kaum warten, bis eine Frage zu Ende gestellt ist, lässt sich nur von einer weiteren Frage unterbrechen. Dabei beweist sie ihr Talent zum Multitasking: Während sie referiert, fällt ihre Halskette auseinander, die ersten Kügelchen springen auf dem Tisch herum. Ohne den Redefluss zu verlangsamen oder mit ihrer temperamentvollen Gestik zu sparen, setzt sie die Kette wieder zusammen. <!-- pagebreak -->annabelle: Christiane Amanpour, seit kurzem machen Sie auf CNN eine neue Sendung. Bitte erläutern Sie uns das Konzept.
Christiane Amanpour: Das Programm soll Zusammenhänge aufzeigen in einer Welt, die sich mehr und mehr nur noch um die ständigen Breaking News dreht. Die Fernsehstationen verstehen es sehr gut, die allerneuesten Nachrichten zu vermitteln. Die technischen Fortschritte in den letzten Jahren waren unglaublich, die Flut von Informationen
ist immens. Paradoxerweise sind wir dabei immer weniger im Stande, die Hintergründe zu verstehen.
News rund um die Uhr: In gewisser Weise steht doch ausgerechnet CNN am Anfang dieser Kultur der Informationsüberflutung. Versuchen Sie jetzt, dieser Entwicklung entgegenzutreten?
Ja, das kann man tatsächlich sagen! Wir kehren damit fast zur traditionellen Berichterstattung zurück: Analyse, Kontext und Perspektive. Nehmen wir das Beispiel der Terroranschläge von Mumbai vor einem Jahr. Wir bekamen jede Menge Bilder und Instantkommentare geliefert. Aber für mich, die ich nicht persönlich da war, blieben viele Fragen: Warum Mumbai? Was wollen diese Terroristen? Der Ehrgeiz, solche Fragen zu beantworten, ist verloren gegangen.
Sind die Menschen im Medienzeitalter Journalisten gegenüber zurückhaltender geworden?
So habe ich das nicht erlebt. Sie müssen verstehen, dass ich noch immer mehrheitlich in Ländern tätig bin, wo die Schlagwortpolitik noch keine Wurzeln geschlagen hat. Dort haben die meisten Menschen ein Bedürfnis, sich zu erklären. Aber ich verstehe mich nicht als Megafon oder Plattform für bestimmte Leute, die ihr Manifest publik machen wollen.
Haben Sie eine gute Lügenantenne?
Hmh. Ziemlich gut. Ziemlich gut. In Amerika nennt man das den Bullshitmeter. Der Trick besteht darin, den Interviewpartner nicht wie einen Verbrecher zu behandeln, ihn aber auch nicht mit Samthandschuhen anzufassen. Es ist eine Gratwanderung. Man muss aufpassen, dass man nicht der Verlockung verfällt, die Leute zu unterbrechen, nur um zu zeigen, wie gut man Bescheid weiss.
In Ihrer Stellung bei CNN sind Sie stark exponiert. Entsprechend heftig, ja barbarisch, sind die persönlichen Angriffe auf Sie, die man in diversen Internetblogs lesen kann. Wie gehen Sie mit so was um?
Machen Sie Witze? So was lese ich doch nicht! Warum sollte es mich kümmern, was jemand, der eine bestimmte politische Agenda verfolgt, über mich sagt? Ich habe keine Agenda. Meine einzige Agenda ist die Suche nach der Wahrheit.
Wie sind Sie aufgewachsen?
In drei, vier verschiedenen Kulturen. Mein Vater ist ein persischer Muslim, meine Mutter eine englische Katholikin. Beide haben schon in Frankreich gelebt, und Französisch war ja früher die zweite Sprache im Iran. Dieses multikulturelle Aufwachsen hat mir geholfen, besonders, wenn ich später über irgendwelche ethnische Desaster und Konflikte berichten musste. Meine Familie hatte mir gezeigt, dass religiöse Differenzen nicht in einen Konflikt ausarten müssen.
Sie haben den Grossteil Ihrer Kindheit im Iran verbracht. Wie hat Sie die islamische Revolution 1979 beeinflusst?
Sie gab mir den Anstoss, Journalistin werden zu wollen. Es war das grösste Ereignis in meinem Leben. Ich war etwa zwanzig Jahre alt – alt genug, die Ereignisse als faszinierend zu erleben, nicht bloss als einen Vorgang, der mich und mein Umfeld berührte. Ich erkannte, dass es den Menschen nicht egal ist, was in der restlichen Welt passiert. Im Gegenteil. Es dürstet sie nach Erklärungen. Ich erkannte, was für ein interessanter Mega-Event die iranische Revolution war.
Sie haben sich beklagt, dass Journalisten in den USA heute einen schlechten Ruf geniessen würden …
Nicht nur in Amerika – auf der ganzen Welt! Zum Teil sind wir selber schuld, vor allem dann, wenn wir in den Sensationalismus abdriften. Andererseits herrscht die Tendenz, dem Botschafter die Schuld an den schlechten Nachrichten in die Schuhe zu schieben. Man versucht uns zum Schweigen zu bringen, manchmal mit Zensur und Einschüchterung, aber auch mit brutalen Mitteln: Verhaftung, Kidnapping, Mord. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie schwierig es geworden ist, Journalisten in Länder wie Afghanistan, Pakistan
und neuerdings auch den Iran zu schicken, wenn man weiss, welche Gefahren da auf sie warten. Letzte Woche ist ein Kollege von mir ums Leben gekommen.
Gehen Sie die Arbeit anders an als vor der Geburt Ihres Sohns? Passen Sie besser auf sich auf?
Ich bin mir der Risiken mehr bewusst und versuche, mich besser zu schützen. Ich gehe immer noch an die gleichen Orte wie vorher, aber es ist mir eher bewusst, dass ich am Leben bleiben muss. Wenn man jünger ist, keine Familie und keine Verantwortung hat – das macht einen grossen Unterschied! Am Anfang glaubt man zwar nicht, unsterblich zu sein, aber doch unzerstörbar. Dann gehen einem langsam die Augen auf. Ich weiss nicht, warum ausgerechnet ich (sie klopft mit dem Finger auf den Holztisch) bis jetzt am Leben geblieben bin. Ich habe enorm viel Glück gehabt.
<!-- pagebreak -->Kurz nach der Geburt Ihres Sohns kündigten Sie noch an, ihn auf Ihre Reisen mitnehmen zu wollen …
(lacht) Nun ja, da kam halt mal wieder meine unrealistisch romantische Seite zum Vorschein.
Keine Reisen nach Kabul mit Baby?
Vollkommen unmöglich – viel zu gefährlich! Als ich zu der Einsicht kam, habe ich alles getan, die Gefahren, denen ich mich aussetzte, vor ihm zu verstecken. Er war 6 Monate alt, als die zweite Intifada in Israel begann, 18 Monate, als 9/11 passierte, und drei Jahre, als der Irakkrieg ausbrach. Da war ich wochen-, ja monatelang abwesend. Ich hütete mich davor, daheim darüber zu reden. Der Bub sollte nicht jedes Mal Angst um mich haben, wenn ich aus dem Haus ging. Ich glaube, es ist mir gut gelungen, ihn zu schützen. Er ist jetzt neun Jahre alt und ein solider, ausgeglichener Bub.
War es ein Hindernis, als Frau in der Machowelt der Kriegsberichterstattung unterwegs zu sein?
Es hat mir eindeutig geholfen. Frauen gehen mit dem Leben anders um als Männer. Ich sage nicht besser oder schlechter – ich sage anders. Diese andere Perspektive hat mir dieses Leben bestimmt erleichtert. Auch auf einer oberflächlichen Ebene: Mich als nahezu einzige Frau in einer ausgesprochenen Männerwelt zu bewegen, hat mir Türen geöffnet. Zudem hätten in den traditionsgebundenen muslimischen Ländern viele Frauen nicht mit männlichen Journalisten gesprochen – aber mit mir haben sie geredet.
Besteht in diesem Job nicht die Gefahr, dass man zum Adrenalinjunkie wird?
Ach, das ist doch ein alter Zopf! Die Frage hat man mir schon viele, viele Male gestellt. Und meine Antwort ist die: Ohne Adrenalin wären wir tot. Dank Adrenalin haben wir überlebt. Aber klar: Es ist ein Extremjob. Man kann nicht einen Krieg oder eine Naturkatastrophe erleben und von der Erfahrung nicht geprägt werden. Viele Kollegen haben Selbstmord begangen, sind verrückt geworden, süchtig, oder ihre Familien gingen kaputt. Ja, dieser Job ist ein schwieriger.
Links:
[1] http://www.annabelle.ch/gesellschaft/people/die-journalistin-5253
[2] http://edition.cnn.com/CNNI/Programs/amanpour/
[3] http://www.annabelle.ch/files/0920_rep_cnn_2_0.jpg