Text: Peter Ackermann
Erstellt: 30. Oktober 2009
Albin Kramer (47), Leiter Human Resources, Zug
Ich hatte das Glück, dass einer meiner Vorgesetzten Fähigkeiten und Tugenden in mir erkannte, die er sich in jüngeren Jahren selber gern zugeschrieben hätte, und mich förderte. Ich leitete deshalb bereits mit dreissig die Rechtsabteilung eines angesehenen Schweizer Unternehmens. Was dem Vorgesetzten verborgen
geblieben war: Ich war damals fachlich stärker, als ich es als Person war. Mein Selbstwertgefühl war in meinen Jahren als junger Chef noch nicht gefestigt, was weder für mich noch für meine Mitarbeitenden ein Vorteil war. Ich war erpicht darauf, alles korrekt und gut zu machen, und hielt mich peinlich genau an jede Vorschrift. Von meinen Mitarbeitern erwartete ich dasselbe. Sollte man über meine Abteilung oder über mich sprechen, dann nur Gutes. Aber ausgerechnet ich leistete mir eine grobe Verfehlung.
Ich hatte an jenem Tag vor 15 Jahren bis in die Abendstunden gearbeitet und ging, als ich mein Büro verlassen wollte, wie gewohnt an den Schreibtischen meiner Mitarbeitenden vorbei. Auf dem Pult von Nora Arnold lag ein Buch. Rosarot eingefasst. Ohne lange zu überlegen, nahm ich es in die Hand. Sofort und unzweifelhaft entpuppte es sich als ihr Tagebuch. Da war es zu spät, es hinzulegen, ohne darin gelesen zu haben. Die Arnold war ein rassiges Weib. Insgeheim gefiel sie mir, aber ich war chancenlos. Sie ging mit einem anderen, ebenfalls verheirateten Mann. Vielleicht, so dachte ich, würde ich mehr über das Verhältnis erfahren. Und tatsächlich erfuhr ich detailliert, wie die Festung geknackt worden war.
Man hätte mir den Menschen zeigen müssen, der so charakterfest gewesen wäre und das Tagebuch nun hingelegt hätte. Mir jedenfalls fehlte die Grösse. Angst, entdeckt zu werden, hatte ich keine: Die Putzfrau wäre kaum erstaunt gewesen, wenn sie mich abends vor einem Schreibtisch einer Mitarbeiterin gesehen hätte. Und wenn Nora Arnold selbst zurückgekommen wäre? Na, und wenn schon.
<!-- pagebreak -->Ich blätterte, schmökerte und begann dann, die Einträge der Reihe nach zu lesen. Die erotischen Passagen enttäuschten mich. Was sie erlebte, war einfallsloser als meine Fantasien. Was sie sonst noch festhielt: Wie das Wetter war, wo sie auswärts ass, dass sie abends mit ihrem VW Golf ziellos herumfuhr, um sich zu entspannen. Belanglos.
Aber Nora Arnold schrieb auch über mich. Was ich erfuhr, war wenig schmeichelhaft. Die Rede war vom schlacksigen Despoten. Vom tüpflischeissenden Einpeitscher. Für sie war ich das Arschloch vom Dienst. Auf gut acht Seiten liess sie sich über mich aus, schilderte mich als den blöden Siech, der ich nie sein wollte. Gerade von ihr hätte ich eine höhere Wertschätzung erwartet.
Dank mir hatte die Floristin ihre erste Stelle im Kaufmännischen. Ihre latente Überforderung zeigte sich auch mündlich: «Sie und Ihre Regelungen», sagte sie manchmal, und: «Sie und Ihre Gesetze.» Ich nahm die Sätze leicht, auch wenn die Kritik etwas Wahres enthielt. Ein Vizedirektor hatte einmal zu mir gesagt: «Albin, gib acht, dass du nicht übers Ziel hinausschiesst.»
Ich legte das Buch wieder auf den Tisch und schlich mich davon. Mein Ego hatte die Zeilen schlecht vertragen. Auf dem Weg nach Hause fragte ich mich, ob ich mich so komplett anders verhielt, als es die Führungskurse empfahlen? Auf Grund der Fremdwahrnehmung ging ich in mich. Dachte ich daran, mich zu ändern? Ich bezweifelte die Notwendigkeit. Ich hielt mich für einen umgänglichen und korrekten Menschen, verbuchte auch entsprechende Komplimente. Die Lektüre des Tagebuchs hatte den Blick auf mich nicht verändert. Und auch nicht den auf Nora Arnold. Ich hielt sie weiterhin für belehrungswürdig. Zu Hause beichtete ich meiner Frau von meiner Übertretung. Sie lachte nur, und später
öffneten wir eine Flasche Rotwein, und es wurde ein ausgesprochen vergnüglicher Abend.
Gegenüber Nora Arnold liess ich mir nichts anmerken oder zu Schulden kommen. Aber die Frage war latent da: Hatte sie es extra gemacht? Liess sie das Tagebuch absichtlich liegen in der Hoffnung, es gereiche zur Lektion?