Interview: Peter Ackermann
Erstellt: 6. November 2009
Blacky aus dem Abenteuerland Walter Zoo in Gossau SG ist die älteste Schimpansenmutter der Welt. Zoodirektor und Tierpfleger Ernst Federer über Sex unter Affen, Geschenke nach der Geburt und quengelnde Kinder.
annabelle: Ernst Federer, Ihr Schützling, die Schimpansin Blacky, wurde mit 49 zum zweiten Mal Mutter. Wie tickt eigentlich die biologische Uhr bei Schimpansen?
Ernst Federer: Normalerweise werden Schimpansen nur etwa 45 Jahre alt und sind dennoch bis 42 fruchtbar. Blacky ist erwiesenermassen die älteste Schimpansenmutter der Welt. Eine Sensation.
Wurde Blacky auf natürlichem Weg schwanger?
Ja. Wir Tierpfleger waren vor zwei Jahren selber erstaunt. Man sieht ja den Schimpansen eine Schwangerschaft kaum an. Bei Blacky erkannten wir erst nach acht Monaten – also kurz vor der Geburt ihres Jungen Madschabu – ein kleines Bäuchlein.
Weiss man, wer der Vater ist?
Wir ahnen es nur. Schimpansen leben promisk, haben also mit mehreren Partnern Sex. Das Alpha-Männchen achtet darauf, dass nur es mit seiner Lieblingsfrau Geschlechtsverkehr hat. Nur bei den weniger wichtigen Weibchen in der Gruppe dürfen auch die anderen Männchen ran. Ein Weibchen ist an sieben bis zehn Tagen pro Monat aufnahmefähig und wird dann von unseren drei Männchen pro Tag zwischen 10 bis 15 Mal bestiegen. Da verliert man den Überblick, wer der Vater sein könnte.
Wie lange dauert der Akt?
Zwanzig bis dreissig Sekunden.
Macht das den Weibchen Spass?
Wir haben Grund zur Annahme. Die Weibchen bieten sich nicht nur dem Alpha-Männchen aktiv an, um in seiner Gunst zu stehen, sondern auch anderen Männchen, mit denen sie hinter den Busch gehen wollen.
Wie zeigen Schimpansen ihr sexuelles Interesse?
Die Männchen versuchen durch Grösse zu imponieren. Sie stellen die Haare auf und laufen breit wie Bodybuilder durch die Gegend. Sie wiegen sich in Ekstase und machen einen Krach wie ein Wald voller Affen. Die Weibchen beschwichtigen das Männchen dann, indem sie es streicheln und sich ihm anbieten, indem sie den Männchen ihre Brunstschwielen am Po zeigen und ihnen den Hintern entgegenstrecken. Sie wissen aber auch um die verführerische Wirkung, die ein Blick zurück über die Schulter haben kann.
Welchen sozialen Status hat Blacky in der Gruppe?
Einen hohen. Sie ist eine der Ranghöchsten unter den Weibchen und somit bei allen Männchen sehr beliebt.
Ist sie auch sexuell sehr begehrt?
Nein, das nicht. Blacky wird eher geachtet. Die Lieblingsfrau unseres Alpha-Männchens ist eine rassigere, jüngere. Schimpansen werden mit acht bis zehn Jahren geschlechtsreif.
Warum wurde Blacky erst mit 43 erstmals Mutter?
Blacky wurde in den Fünfzigerjahren als Baby zusammen mit einem anderen Schimpansenkind, Johnny, von Wilderern aus dem Urwald Westafrikas entführt und in Europa als Haustier verkauft. Als die beiden grösser wurden und im Haushalt Schwierigkeiten verursachten, schob man sie in einen Zoo ab. Dort lebten die beiden in einem Zweiergehege keusch zusammen – Johnny hatte in Ermangelung von Vorbildern nie gelernt, wie er Blacky begatten muss. Erst in unserem Gruppengehege brachte Blacky ein Kind auf die Welt. Eine Tochter, Fanny.
Gebärt eine ältere Schimpansin schwieriger?
Eine Geburt ist eine Stresssituation. Bei den Schimpansen dauert sie zwischen vierzig Minuten und kräfteraubenden acht Stunden. Bei der Geburt von Madschabu wurde Blacky von allen mit viel Respekt behandelt. Sie gebar wie schon bei ihrer Tochter Fanny schnell und mühelos und ausgesprochen ruhig. Ganz im Gegensatz zu einer jungen Affenmutter bei uns im Zoo, die mit acht und zehn Jahren unter panischer Angst und grossen Schmerzen Kinder zur Welt brachte und in hohem Bogen von sich warf.
Wie verhielt sich die Gruppe während der Geburt?
So wie sonst auch: Die erfahrenen Weibchen hielten sich in Blackys Nähe auf, streichelten sie und betrachteten nach den Presswehen das Köpfchen des Kleinen neugierig. Die Männchen tippten das Kleine mit dem Finger kurz an, nachdem Blacky ihnen dies ein paar Stunden nach der Geburt erlaubt hatte.
<!-- pagebreak -->Wurde Blacky von ihren Artgenossen für die Geburt beschenkt?
So deutlich habe ich das nie beobachtet. Ich halte es für denkbar, dass die anderen Schimpansen einer Mutter in den Tagen nach dem Gebären etwas von ihrem Futter abtreten. Oder dass sie besonders leckere Esswaren wie Trauben oder Kirschen nicht verteidigen, wenn die Mutter danach greift. Zulassen ist dann eine Form von geben.
Erzieht die lebenserfahrene Blacky ihren Sohn anders als eine junge Mutter?
Weniger ängstlich. Sie liess Madschabu bereits mit sechs Monaten auf Bäume klettern. Blacky vertraut darauf, dass ihr Sohn eigene Erfahrungen machen muss und auch mal hinfällt. Schimpansenbabys fliegen wie Menschenkinder zumeist aufs Füdli, sie haben noch den Knickfall.
Während der ersten fünf Jahre trägt eine Mutter ihr Kleines bei sich und stillt es. Gerät die alte Schimpansendame Blacky da an die Grenze ihrer Kräfte?
Oh ja, so ein kleines Äffchen kann ja auch ganz schön wild und anstrengend sein. Blacky, die vom Alter her Schwierigkeiten beim Turnen hat, fand aber eine Lösung. Sie übergab Madschabu nach drei Monaten teilweise ihrer Tochter Fanny.
Rebellierte die Tochter gegen die mütterliche Vereinnahmung?
Widerstand nützte nichts: Blacky streckte ihr das Kleine einfach immer wieder hin. Heute kommt das der neunjährigen Fanny bei der Erziehung ihres eigenen Nachwuchses zugute. Sie ist ebenfalls eine sehr selbstsicher agierende Mutter.
Produziert Blacky in ihrem hohen Alter genügend Muttermilch?
Ja, wir förderten aber den Milcheinschuss mit Milchserum enthaltendem Rivella.
Sucht Madschabu die Mutterbrust häufiger auf, weil er so bei Blacky sein kann?
Nein, er geht zu ihr, wann immer er Durst hat oder sich mit so genanntem Trostsaugen beruhigen möchte. Das hat denselben Effekt wie ein Nuggi. Nur dass Schimpansenweibchen keinen benötigen, weil sie keine Angst haben, dass sich ihre Brüste verformen.
Kümmern sich die Männchen ebenfalls um den Nachwuchs?
Wenn sie nicht gerade am Imponieren oder Schlafen sind, spielen sie mit den Kindern, kitzeln sie, lassen sich auf die Kleinen plumpsen oder beissen sie liebevoll in die Füsse. Die Männchen spielen übrigens weitaus länger mit den Kleinen als die Mütter, die sich mehr um die Körperpflege des Babys kümmern.
Versucht Madschabu, seine Mutter manchmal zu manipulieren?
Ja, beim Essen, durch ein quengelndes Geschrei – wie ein Menschenkind vor der Migros-Kasse, wenn es etwas Süsses will. Doch Schimpansenmütter sind konsequent: Ein Nein ist ein Nein.