Text: Benedikt Sarreiter
Fotos: Roderick Aichinger
Erstellt: 8. Februar 2010
Wollen wir weiterhin mit gutem Gewissen Meeresfisch essen, so braucht es mehr Fischer wie die im südenglischen Hastings: Bei ihnen hat Nachhaltigkeit Tradition.
Im alten Seebad von Hastings mit den verlassenen viktorianischen Strandhotels und einem kleinen Vergnügungspark direkt am Meer wartet Paul Joy seit drei Tagen auf die richtige Wetterlage. «Sieht nicht gut aus heute», brummt er. Ein Satz wie ein Refrain, an jedem Morgen der letzten Tage wiederholt. «Wenn der Wind wie heute aus Südosten bläst, können wir nicht raus. Es ist zu gefährlich, die Wellen sind zu hoch, unsere Boote könnten am Ufer zerschellen.» Er geht hinüber zum Anglerclub, im ersten
Stock ist ein Café. Auf mit Stoff bezogenen Bänken sitzen andere Fischer, trinken schwarzen Tee mit Milch, starren durch die Panoramafenster auf weisse Schaumkronen im grauen Ärmelkanal. Keine Unterhaltung ohne Verwünschungen gegen die Regierung oder das Wetter, kein Satz ohne derben Fluch. Der nächste Morgen verspricht Besserung. Aber nicht für Paul Joy.
Einige Tage zuvor im Osten von London: Das Tor zum Billingsgate Market schnappt auf wie ein mechanisches Maul, verschluckt Restaurantchefs, Sushi-Köche, Händler und Hausfrauen, die hier den Fisch für den gerade anbrechenden Tag kaufen wollen. Im Innern der 200 Meter langen Halle bilden die Rufe der weiss gekleideten Fischhändler ein gleichmässiges Rauschen – Preise, Angebote, Gelächter. Billingsgate ist der grösste Fischmarkt Englands. 25 000 Tonnen Meerestiere werden hier jährlich verkauft. Vor den Verkäufern liegt die Ware auf Eis, in Styroporkästen unter kaltem Neonlicht. Wildlachs aus Alaska, flacher, sandfarbener Steinbutt aus der Nordsee, Blauflossentun aus dem Pazifik, schon filetiert und in Zellophan verpackt. An den über hundert Ständen bekommt man fast jeden Speisefisch der Welt, noch aus den entlegensten Ecken wird er per Luftfracht nach London geliefert.
Billingsgate ist eine Illusion. Die immer noch mannigfaltige Auswahl an Fisch und Meeresfrüchten auf dem Fischmarkt, an jeder Fischtheke oder im Kühlregal jedes Supermarkts verschleiert ein stilles, langsames Verschwinden: das Verschwinden des Fischs. Der Blauflossentunfisch steht kurz vor der Ausrottung, für den Steinbutt sieht es auch nicht gut aus, und in den Flüssen des westlichen Kanadas schwammen dieses Jahr kaum Wildlachse. Weltweit kollabieren die Bestände. Es gibt ernst zu nehmende Prognosen, dass in fünfzig Jahren nur noch Quallen, Krebstiere und Tintenfische die Meere bevölkern.
<!-- pagebreak -->Die Aussicht auf Quallen-Carpaccio oder Kalmar-Sandwichs lassen das Herz von Fischliebhabern kaum höher schlagen. Vielleicht bleibt ihnen aber irgendwann keine andere Wahl. Denn noch immer verwüsten Trawler auf der Jagd nach Seeteufel und Scholle mit riesigen Grundschleppnetzen die Ozeanböden und zerstören so den Lebensraum vieler Tiere. Schwertfischjäger legen über hundert Kilometer lange Leinen mit bis zu 30 000 Haken aus, nehmen immensen Beifang in Kauf, der tot ins Wasser zurückgeworfen wird. Wenn die globale Fischerei-Industrie nicht achtsamer mit ihren Ressourcen umgeht, dann wird sie dazu beitragen, eine unser letzten Nahrungsquellen auszulöschen, die wild, nicht kultiviert, nicht gezüchtet, nicht optimiert ist.
Es gibt Leute, die das verhindern wollen. «Unsere Vision sind Ozeane voll von wimmelndem Leben und eine gesicherte Versorgung für die kommenden Generationen», sagt Nina Haase und blickt über die Dächer des Londoner Stadtteils Kensington in den blauen Mittagshimmel. Die zierliche Deutsche arbeitet in der Zentrale des Marine Stewardship Council, kurz MSC. Gegründet wurde die Nonprofit-Organisation vor zwölf Jahren von WWF und Unilever, einem der weltgrössten Konsumgüterhersteller. Beide wollen sich nicht mit der Vorhersage toter Meere abfinden. Das Ziel der Tierschützer waren gesunde Ozeane, derweil Unilever auch in Zukunft Fisch verkaufen will und zugleich sein Image als Fischstäbchenverkäufer aufpolieren kann.
Der MSC entwickelte ein Gütesiegel für nachhaltig gefangenen Fisch, das mittlerweile weltweit anerkannt ist und als eines der wenigen als wirklich seriös gilt. Es ist ein Puzzlestück im Kampf von Tierschützern, Fischereiexperten und Wissenschaftern gegen die Zerstörung der Meere. Der MSC baut auf die Macht des Konsumenten, die sich im Supermarkt am weiss-blauen Siegel orientieren können. Je mehr Menschen sich für nachhaltig gefangenen Fisch entscheiden, desto grösser wird der Druck auch auf die Global Players mit ihren schwimmenden Fischfabriken, sich für alternative Fangmethoden zu entscheiden. Das ist die Hoffnung des MSC und vielleicht die letzte Chance für viele Fischarten.
Den MSC-Stempel bekommen nur Fischereien, die sich von einem unabhängigen Gutachterteam bewerten lassen. «Für uns ist dabei das Ergebnis wichtig: Sind die Bestände im Fanggebiet gesund? Ist das Ökosystem intakt? Halten die Fischer sich an gängige Regeln und Gesetze? Wir schreiben ihnen aber nicht vor, wie sie diese Ziele erreichen», sagt Nina Haase. Dafür seien die Fischereien einfach zu unterschiedlich. 59 Betriebe aus der ganzen Welt sind bislang ausgezeichnet worden: von der Seebarschfangflotte in Patagonien über Heilbuttfischer in Alaska bis zu den traditionsreichen Herings- und Rotzungenfängern von Hastings. <!-- pagebreak -->
Dort sitzt Paul Joy noch immer im Café des Anglerclubs, trinkt Tee, unterhält sich mit anderen Fischern, blickt hinüber zu den Booten, die auf dem rotbraunen Kies der südenglischen Küste liegen. In Hastings gibt es keinen Hafen, seit tausend Jahren schieben und ziehen die Fischer ihre weniger als zehn Meter langen Boote vom Strand aus ins Meer. Früher mit Pferden, heute mit kleinen umgebauten Raupenbaggern. Das ist Tradition hier, sie wird von der Fisherman’s Protection Society bewahrt, deren Präsident Paul Joy ist.
Die Gesellschaft bestimmt, wer sein Boot zu Wasser lassen darf, wie gross dieses sein darf und welche Fangmethoden angewandt werden. Paul Joy ist streng: Wenn ein Fischer sich nicht an die Regeln hält, darf er nicht mehr von der «Stade» starten. Er kennt die Sprüche von Kollegen, die sagen: «Da ist so viel verdammter Fisch da draussen, das Meer ist voll davon», selbst wenn jede wissenschaftliche Untersuchung das Gegenteil belegt. «Ich möchte, dass meine Grosskinder auch noch als Fischer arbeiten können», sagt Paul Joy. «Wir haben schon immer nachhaltig gefischt. Das MSC-Label hilft uns aber, unseren Fang besser vermarkten zu können.»
Die Teetasse ist leer getrunken. Paul Joy und seine Kollegen verlassen das Café, eine ruppige Brise streift ihre gegerbten Gesichter. Joy blickt auf die dunkelgrauen Wolken am Horizont, dann auf die Flaggen an den Trawlern. Der Wind hat nicht gedreht. Die Fischer gehen in ihre schwarz gestrichenen Hütten. Witze erzählen, Netze flicken, Fallen für die Kalmarjagd bauen, Bier trinken. Ins Freie gehen sie nur, um an einen Bretterzaun zu pinkeln, hinter dem über eine weite Fläche gebrauchte Netze in grosse Kunststoffplanen verpackt liegen.
Paul Joy betritt seine dunkle Werkstatt und räumt ein wenig auf. «Das Wetter», sagt er, «ist unsere natürliche Quote.» Länger als drei Tage müssten sie nur selten warten, schiebt er lächelnd nach. Der Sechzigjährige entblösst zwei schneeweisse, vollständige Zahnreihen – eine Rarität unter den einheimischen Fischern.
Die Fischer von Hastings ordnen sich der Natur unter, sie wollen sie nicht beherrschen. Den riesigen Hochseetrawlern dagegen sind Sturm und hohe Wellen egal. Sie suchen ihre Beute mit Sonar und Echolot, sie haben immer Saison und können mit einer Fahrt das Vielfache dessen fangen, was ein Fischer in Hastings in einem Jahr an Land bringt. «Heute sieht es ganz gut aus, aber morgen soll es wieder schlecht werden.» Am folgenden Tag hat Paul Joy seinen Standardsatz abgewandelt, sein Boot wird er trotzdem nicht über die runden Kiesel ins Meer schieben. Denn er ist Rotzungenfischer, und dazu braucht er zwei gute Tage hintereinander; einen, um die Netze auszulegen, und einen, um sie wieder einzuholen. Er geht rüber ins Café, auf einen Schwarztee mit einem Schuss Milch. Das Warten geht weiter.
<!-- pagebreak -->Am Strand drückt ein Bagger ein etwa acht Meter langes Boot ins Meer. Darauf steht Paul Joys hagerer, englisch-blasser Cousin, zudem der Bootsbesitzer Rod Knight und dessen Sohn. Sie gehen auf Heringsjagd. Die «Patricia» schaukelt durch die starke Dünung, Sonnenlicht aus dem Osten spiegelt sich in den Wellen. Am Horizont im Westen fallen Regenschleier aus dicken Wolken. «Wir müssen uns beeilen, bevor der Wind wieder zu heftig wird», ruft Rod Knight über den Lärm des rasselnden Dieselmotors. 65 Jahre alt ist er, seit 50 Jahren Fischer, sein Rücken ist krumm, als wäre er irgendwann in der Haltung des Netzeinholens verharrt. Seine Fangmethode hat sich in all der Zeit kaum verändert. An der Farbe des Meers erkennt er, wo die Fische sind, in welcher Höhe sie schwimmen. Rod Knights Sonar sind seine Augen.
Etwa 200 Meter vor der Küste legen die drei Männer ein Testnetz aus. Es ist etwa zwanzig Meter lang, Bojen halten es an der Oberfläche. Kurze Zeit später zieht der Sohn des Bootsbesitzers daran, drei Heringe hängen in den Nylonmaschen, ein Schwarm zieht durch. Der Vater fährt weiter. Leicht versetzt lassen die Fischer das nächste Netz ins Meer gleiten. Es ist mehr als doppelt so lang und reicht zehn Meter tief. Rod Knight gibt noch einmal Gas, das letzte Netz findet den Weg ins Wasser. Die Besatzung benutzt Treibnetze, die sich mit der Strömung bewegen. In der Hochseefischerei ist diese Methode umstritten, aber dort sind die Netze auch bis zu hundert Kilometer lang, tödliche Fallen selbst für Wale – der Beifang kann bis zu achtzig Prozent betragen. In Hastings begrenzt die Grösse der Boote und der Netze den Fang. Überfischung
ist schon deshalb nicht möglich.
Rod Knight steuert die «Patricia» zurück. Als die beiden anderen Männer das zweite Netz einziehen, kommt verhaltene Euphorie auf. In den Maschen zappelt viel «Silber des Meeres», wie der Hering genannt wird. Ein paar kleine Katzenhaie sind auch dabei, Leon wirft sie zurück ins Meer, mit nervösen Flossenschlägen tauchen sie hinab ins trübe Nichts. Die Heringe sind alle ausgewachsen. Die Maschen sind gross genug, damit junge Fische noch durchschlüpfen können. Der Wind wird stärker, aus Westen setzt Regen ein. «Wir müssen zurück, das Wetter schlägt um!», ruft Rod Knight. Ruhig manövriert er seine «Patricia» durch die höher werdenden Wellen. Kurz vor dem Ufer verringert er die Geschwindigkeit und lässt sein Boot von den Wellen an den Strand schieben.<!-- pagebreak -->250 Kilo Hering haben die drei dem Meer entrissen, ein durchschnittlicher Fang. Die Fische werden im Kühlhaus der Protection Society in Styroporkisten verpackt und am Abend bereits in London sein. Bei einem Händler, der sie räuchert und an Restaurants verkauft. Der Händler bestellt jede Woche direkt bei Rod Knight. «Frischer kannst du Fisch nicht bekommen», sagt Paul Joy. Den Grossteil ihres Fangs exportieren die Fischer von Hastings in die Niederlande und nach Frankreich. Zum Billingsgate Market liefern sie kaum. «Das Gütesiegel hat uns andere Märkte eröffnet», sagt Paul Joy.
Im letzten Jahr kamen sieben Prozent des weltweit verkauften Fischs aus nachhaltig wirtschaftenden Fischereien. Der MSC überprüft zurzeit 200 weitere Betriebe, ob sie sich für das Siegel eignen. Paul Joy und Rod Knight zeigen, dass kommerzielles Fischen nicht nur Ausbeutung, sondern auch Erhaltung bedeuten kann. Die Einstellung den Ozeanen gegenüber ist entscheidend: Versteht man sie als zu plündernde Mine, die irgendwann versiegt, oder als Garten, den man hegt und pflegt? An der Fischtheke und auf dem Fischmarkt können wir eine Entscheidung treffen gegen die Plünderer und für die fischenden Gärtner.
Links:
[1] http://www.wwf.ch/de/tun/tipps_fur_den_alltag/essend/fisch
[2] http://www.msc.org/where-to-buy