Reisetipp

«Wenn die Menschen wüssten, wie schön der Iran ist, würden sie in Scharen hinfliegen»

Interview: Miriam Suter

  • Schurkenstaat? Unsere Reporterin Claudia Senn hat den Iran als Traumreiseland kennen gelernt, ja ihren zehntägigen Trip wird sie sogar als einen der schönsten ihres Lebens in Erinnerung behalten. Dafür sorgten der iranische Reiseführer Ehsan (ganz links) und Fahrer Vahid. Fotograf Rowan Thornhill (rechts) machte die betörenden Bilder.

annabelle-Autorin Claudia Senn reiste für ihre Reportage im Heft 05/17 in den Iran. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, mit welchen Vorurteilen das Land noch heute zu kämpfen hat – und ob diese berechtigt sind.

annabelle.ch: Claudia Senn, ganz ehrlich: Hatten Sie keine Angst, in den Iran zu reisen?
Claudia Senn: Nein, gar nicht. Ich wusste ja, dass durchaus schon andere Leute dorthin gereist und begeistert zurückgekommen sind. Der Iran ist ein ziemlich stabiles Land. Es gibt ein paar Regeln, an die man sich halten muss: keinen Alkohol mitbringen, die Kleidervorschriften beachten, solche Dinge. Aber das Schlimmste, das einem als Reisende passieren kann, ist vermutlich ein Verkehrsunfall.

Trotzdem hat das Land mit starken Vorurteilen zu kämpfen.
Stimmt, und das nicht zu Unrecht. Die Menschenrechtslage ist prekär, Regimekritiker müssen mit Repressionen rechnen. Doch was man bei uns in den Nachrichten über den Iran hört, ist eben nur ein Teil der Wirklichkeit. Auf meiner Reise habe ich einen ganz anderen Eindruck gewonnen. Die Iraner habe ich als warmherzige und zugängliche Menschen erlebt, die wahre Künstler darin sind, die vielen Regeln, die ihnen der Staat auferlegt, bis an ihre Grenzen auszureizen. Sex vor der Ehe ist beispielsweise verboten. Doch daran halten sich die Jungen längst nicht mehr. Und trotz des Alkoholverbots kennt jeder einen Schmuggler, der ihn im Bedarfsfall mit dem Nötigen versorgt.

Also existieren diese Vorschriften eigentlich nur noch auf dem Papier?
Das würde ich so nicht sagen. Die Sittenpolizei ist nach wie vor präsent und sorgt dafür, dass die Auflagen eingehalten werden. Aber sie kann eben auch nicht alles kontrollieren, vor allem nicht im privaten Raum. Die Menschen haben sich daran gewöhnt, dass sie sich permanent auf dünnem Eis bewegen. Die Gesetze sind das eine, die gelebte Realität etwas vollkommen anderes.

Was kann einem als Touristin passieren, wenn man eine Vorschrift missachtet?
Ich machte mir dauernd Sorgen, dass mein Kopftuch verrutscht. Probleme habe ich deswegen nur einmal bekommen, und das nicht einmal in der Öffentlichkeit, sondern im Frühstückssaal eines Hotels. Der Manager bat mich höflich darum, mich anständig zu verhüllen. Mehr passierte nicht.

Wie geht die Bevölkerung damit um, dass ihr Land einen so schlechten Ruf hat?
Sie leidet darunter und tut alles, um dem schlechten Ruf etwas entgegenzusetzen. Wo immer ich mich aufhielt, wurde ich von neugierigen Iranern angesprochen. Die Frage «Hattest du Angst vor uns, bevor du herkamst?», hörte ich mehr als einmal. Stets wurde ich freundlich und mit ausgesuchter Höflichkeit behandelt, auch von den Männern. Die Gastfreundschaft wird grossgeschrieben. Zwei Backpacker erzählten mir, dass ihre Schlafsäcke noch immer unausgepackt im Rucksack lägen, denn wo immer sie hinkämen, würden sie von iranischen Familien eingeladen.

Wem empfehlen Sie, in den Iran zu reisen?
Allen, die neugierig sind auf ein atemberaubendes Reiseland. Auch für Profireisende, die schon vieles gesehen haben, ist der Iran umwerfend! Die Landschaften, die jahrtausendealten Kulturdenkmäler, die den gesamten Alltag durchdringende Ästhetik und Poesie – wenn die Menschen wüssten, wie schön es dort ist, würden sie in Scharen hinfliegen.

Die ganze Reportage von Claudia Senn finden Sie in der aktuellen annabelle-Ausgabe 05/17

Miriam Suter

Die Junior Online Editor schreibt am liebsten über Musik und andere kulturelle und gesellschaftliche Themen. Dabei interessiert sie vor allem das Rollenbild der Frau in unserer Gesellschaft.

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