Reise durch die Schweiz

3. Etappe: vom Flugplatz Luzern-Beromünster nach Schönenberg im Kanton Zürich

Text: Frank Heer; Fotos: Martin Mischkulnig

Ab ins Körbchen: Feuer und Flamme für ein luftiges Abenteuer
Schwerelose Poesie: Horizonterweiterung über dem Zugersee
Abgehoben: Die Beklemmung weicht ...
... dem Höhenrausch
Die Flamme treibt den Ballon in die Höhe
Von oben werden Strassen, Felder und Häuser zu einem Kunstwerk
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Ab ins Körbchen: Feuer und Flamme für ein luftiges Abenteuer

Schwerelose Poesie: Horizonterweiterung über dem Zugersee

Abgehoben: Die Beklemmung weicht ...

... dem Höhenrausch

Die Flamme treibt den Ballon in die Höhe

Von oben werden Strassen, Felder und Häuser zu einem Kunstwerk
Im Heissluftballon vom Flugplatz Luzern-Beromünster nach Schönenberg im Kanton Zürich: Auf über 1600 Meter Höhe gleichen Autobahnkreuze Kunstwerken. Und man riecht noch immer gemähtes Gras.

Und plötzlich schrumpft die Welt. Flugplatz, Parkplatz, Spielplatz, Wiese. Höfe, Weiler, Kartausen, Kirchen. Schrebergärten, Sportanlagen, Maisfelder, See. Zuerst bekommt man weiche Knie und klammert sich an die Seile. Dann japst man nach Luft, nicht, weil sie spürbar dünner wäre, sondern aus reiner Überwältigung. Ich meine: Wir stehen hier zu viert in einem luftigen Körbchen, über uns die rauschende Flamme, die den Ballon höher und höher treibt, während 500 m, 700 m, 1000 m tiefer die Landschaft in Linien, Punkte und Flächen zerfällt. «Das ist ultrakatholisches Gebiet», sagt Rolf Egg, «da verneigen sich die Menschen am Morgen und am Abend, aber sicher niemand Richtung Mekka.» Der Kapitän muss es wissen. Er kennt sich aus, hier oben wie da unten. Wir treiben nach Osten, dabei wollten wir nach Süden. Nach Brienz. «Kann man nichts machen», sagt der Kapitän. Wo werden wir landen? «Wo es uns hintreibt.»

1200 m. Erstaunlich, was man trotzdem noch sieht: Katze am Mausen. Sitzbank am Waldrand. Geranien vor dem Fenster. Schafe wie Wölklein auf grünem Grund. Nicht mehr lesbar: die SVP-Plakate entlang der Strasse zum Flugplatz Beromünster. 1400 m. Die Schweiz als Flickenteppich, gefertigt durch Rodung, Parzellierung, Bewirtschaftung, Überbauung. Wie Spinnennetze führen Strassen und Wege aus Dörfern in die Felder, finden im nächsten Weiler wieder zusammen, verlieren sich hinter Hügeln dahinter. Das Kulturland ist liebstes Landschaftsbild der Schweizer; noch vor den Alpen oder dem Nationalpark.

1600 m. Erstaunlich, man riecht plötzlich frisch gemähtes Gras. Jetzt tauchen Berge wie Drachenspitzen aus dem südlichen Dunst. Pilatus, Glarner Alpen, der Säntis weit im Osten. Davor blitzen silberne Gewässer. Reuss, Sempachersee, Hallwilersee, Zürichsee, Sihl, Katzensee, Zugersee. Das Motorboot und der Wasserskifahrer hinterlassen eine Spur, die aussieht wie ein gelooptes Dollarzeichen. 1700 m. Fast windstill. Der Schwindel weicht einem Höhenrausch. Immer weiter und weiter der Sonne entgegen. Jauchzen erlaubt, nichts kann uns mehr runterholen! Was, wenn die Stricke reissen? Der Kapitän lacht.

«Das Zuger Kantonalgefängnis», ruft er und deutet nach Süden. «Manchmal, wenn die Insassen im Hof sind, fliegen wir im Tiefflug drüber. Dann johlen sie: Nehmt uns mit!» 1100 m. 1000 m. 900 m. Rolf Egg kennt jede Lichtung, jedes Dorf und jeden Bach. Fabriken, Neubauten, Tankstellen. 800 m. Wo werden wir landen? «Sehn wir dann», sagt der Kapitän. Einkaufszentren, Industriezonen, Autobahnkreuze. Stau vor der Ausfahrt Zug. Feierabendverkehr! Nicht hier oben. 600 m. 400 m. 300 m.

Bäume bekommen Blätter, Fahnen flattern an weissen Masten. Traktoren knattern, Kirchturmglocken läuten, Rasenmäher heulen. Eine Kiesgrube reisst ein graues Loch in den grünen Wiesenteppich. Die Sonne liegt tief, die Landschaft wellt sich golden, die Berge leuchten pink. 100 m. Kapitän, wo werden wir landen??? 80 m. «Irgendwo da vorn.» Hundegebell. 60 m. Wir hören die Kinder, bevor wir sie sehen. 40 m. 30 m. Sie kommen winkend durch die Wiese geschossen. «Nehmt uns mit, nehmt uns mit!» Wir schweben nah überm Grund, streifen die Halme. Festhalten, Achtung, hoppla. Sanfte Landung am Rand eines Maisfelds bei Schönenberg. Wir klettern aus dem Korb, taumelnd und auch erleichtert: fester Boden unter den Füssen! Der Ballon sinkt ins Gras, Kinder klettern in den Korb, unser Kapitän entkorkt einen Weissen.
 

Tipp

HB-Adventure Switzerland bietet in der ganzen Schweiz Heissluftballonfahrten an. Fahrten im Mittelland ab 430 Fr. pro Person, Westschweiz 460 Fr. pro Person und Alpenflüge ab 580 Fr. pro Person. Tel. 056 424 31 44, www.hb-as.ch

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