Reisereportage Irland

Auf dem Rücken der Pferde

Auf der irischen Halbinsel Dingle sind alle Menschen glücklich. Woran liegt das?, hat sich unsere Autorin gefragt. Und sich für ihre Recherche auf den Rücken eines Pferdes gesetzt.

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Hoch zu Ross: Es gibt keine bessere Art, Dingle zu erkunden

Susan Callery von Dingle Horseriding war schon in Dingle, «als es hier nur eine Fish-&-Chips-Bude und sonst nichts gab». Das ist lange her

Galopp am Strand – mehr Glück geht nicht

Raus aus dem Stall! Reitstunde vor atemberaubender Kulisse

Schauen, staunen, geniessen: Autorin Yvonne Eisenring auf Cookie (zuhinterst)

Schon die ganze Zeit schwirrt mir ein halbes Sprichwort im Kopf herum. Wie ein Refrain, den man lautstark mitsingen will, aber die Hälfte nur leise summt, weil einem die Worte fehlen: «… liegt auf dem Rücken der Pferde.» Ich könnte jetzt googeln. Wie man das so macht. Aber ich will nicht. Nicht hier. Nicht jetzt. Dann müsste ich den Blick auf mein Smartphone richten, und das will ich nicht. Ich will nur schauen. Geniessen. Staunen.
Alles ist so grün hier. Ich weiss, Irland wird die Grüne Insel genannt. Aber es ist wirklich grün. Hellgrün, dunkelgrün, braungrün. Wenn sich die Wolken verziehen und die hügelige Landschaft zum Vorschein kommt, sieht es aus, als hätte jemand einen Malkasten mit den verschiedensten Grüntönen genommen und damit Felder ausgemalt, kleine Quadrate, dazwischen dicke schwarze Striche. Ich sauge die Farben in mich hinein, als hätte ich Angst, dass sie bald verblassen, dass die Landschaft mit den Wolken weiterzieht und ich nicht hinterherkomme auf meinem Pferd.

Mein Pferd heisst Cookie. Die Stute ist sieben Jahre alt, ihr Fell hellgrau mit schwarzen Tüpfchen. Sie läuft brav dem vorderen Pferd hinterher, nicht zu schnell und nicht zu langsam. Bisher war Cookie sehr nett zu mir. Sie trägt mich durch die beste Gegend Irlands. Die Halbinsel Dingle im Westen sei der schönste Zipfel der Insel, sagen jedenfalls die Iren. Ich kann das nicht wirklich beurteilen. Ich bin das erste Mal in Irland, aber ich würde zustimmend nicken, obwohl ich keinen Vergleich habe. Die beste Art, Dingle zu erkunden, sei hoch zu Ross, sagt Susan Callery. Sie muss es wissen, denn sie ist hier aufgewachsen. Sie war schon in Dingle, «als es hier nur eine Fish-&-Chips-Bude und sonst nichts gab». Callery reitet, seit sie gehen kann. Seit 35 Jahren bietet sie für Touristen Trekkingtouren an. Dreissig Pferde stehen in ihrem Stall, dem Dingle Horseriding.

Nach einer Stunde sind wir auf dem Shamrock-Pass. Der Nebel ist aufgestiegen, und es hat aufgehört zu regnen. Dingle, das gleichnamige Städtchen, ist winzig von hier oben. Lieblich, irgendwie. Dabei ist Dingle längst kein verschlafener Ort mit nur einem Restaurant mehr. Dutzende Pubs und Restaurants reihen sich aneinander. An jeder zweiten Tür klebt eine Trip-Advisor-Auszeichnung, eine «Michelin»-Empfehlung oder sonst ein Gastropreis. Beim Dorfeingang steht ein Schild: Foodie Town of Ireland 2014. Der Sieg ist verdient. Egal, wo man hingeht, und egal, was man bestellt, in Dingle ist alles köstlich. Die Miesmuscheln sind perfekt gewürzt, das Kabeljaufilet butterzart, und das dunkle Vollkornbrot, das aussieht wie ein Kuchen, ist besser als das Brot, das ich in der Schweiz bekomme. Und das Schweizer Brot ist ja eigentlich nicht zu übertreffen. Die Landschaft könnte hässlicher und das Wetter schlechter sein, und man wäre dennoch sehr glücklich, in Dingle zu sein, einfach weil das Essen so fantastisch ist. Aber das Wetter ist gut, die Landschaft atemberaubend, und ich kann ja auch nicht den ganzen Tag essen, sonst würde Cookie unter meinem Gewicht zusammenbrechen. Wir sind schon so eher langsam unterwegs. Damit wir uns an die Pferde gewöhnen können, heisst es. Weder der Fotograf noch ich sind erfahrene Reiter. Und wer am Strand galoppieren will, muss sein Pferd kontrollieren können. Das wollen wir. In zwei Tagen. Bis jetzt läuft es gut, und die Pferde laufen gut. Übermorgen werde uns der ganze Körper wehtun, sagt Callery. Blödsinn, denke ich. Ich mache ja nichts. Cookie macht doch alles.

«Wir reiten die Küste entlang, waten durch kleine Bäche, dann traben wir den Hügel hinauf. Dieses Traben! Ich strenge mich wirklich an. Aber ständig knalle ich auf den Sattel»

Am zweiten Tag reiten wir nach Dunquin, ein winziges Dorf westlich von Dingle. Es wurde 1970 weltberühmt, als der Film «Ryan’s Daughter» hier gedreht und später mit zwei Oscars ausgezeichnet wurde. Die Halbinsel war auch in anderen Filmen zu sehen. Eine Szene in «Harry Potter» spielt hier, und «Far and Away» mit Tom Cruise und Nicole Kidman wurde bei der Landzunge Slea Head gedreht. Letztes Jahr belagerte die Crew von «Star Wars» die Insel Skellig Michael, die zwölf Kilometer vor der irischen Küste liegt und auf der sich eines der bekanntesten mittelalterlichen Klöster Irlands befindet. Skellig Michael sehen wir von Dunquin aus nicht, aber vor uns liegen die Blasket-Inseln, die imposant aus dem Wasser ragen. Wir versuchen die Bilder in unserem Kopf abzuspeichern, dann reiten wir zurück. Mittlerweile glaube ich, was mir alle erzählen: Dingle ist die schönste Gegend Irlands, wenn nicht sogar noch mehr.

Wir reiten die Küste entlang, waten durch kleine Bäche, dann traben wir den Hügel hinauf. Dieses Traben! Ich strenge mich wirklich an. Rauf, runter, rauf, runter. Ich versuche mich im Takt von Cookies Schritten aus dem Sattel zu stemmen und ihre Bewegungen abzufedern, aber irgendwie klappt das so überhaupt nicht. Ständig knalle ich auf den Sattel, spüre den Schlag bis in den Kopf. Was ihr Trick sei, frage ich Franca. Franca ist unsere Trekkingführerin. Sie reitet seit 16 Jahren, ist 26 und kommt aus Deutschland. Sie hat sich ein Jahr Auszeit genommen, um wie fünf andere junge Frauen auf dem Hof von Susan Callery mitzuhelfen. Es sei fantastisch hier, schwärmt sie. Wegen der Arbeit, der Pferde, der Landschaft, aber vor allem wegen Dingle selber. Hier leben die nettesten Menschen, findet Franca. Die Iren seien eh schon nett, aber die Leute in Dingle noch netter. «Und alle sind so krass hilfsbereit!» Einmal, es sei schon spät gewesen, und Franca war in einem Pub, habe sie einen fremden Typen gefragt, wie sie am besten nachhause käme. «Mein Auto steht vorne an der Ecke, es ist nicht abgeschlossen, die Schlüssel sind unter dem Vordersitz. Stell es morgen einfach wieder da hin.» Das habe der Typ tatsächlich gesagt. Das sei doch unglaublich. Und die Leute seien auch so glücklich. «Frag mich nicht, wie die das machen, aber die sind dauerhappy, sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag.» Vielleicht, denke ich, ist Dingle nicht nur der schönste, sondern auch der glücklichste Ort der Insel.

«Hier hat man alles, was glücklich macht. Das Meer. Saubere Luft. Und die Pubs. Ein Pub ist wie ein Lokalradio. Man geht hin und ist auf dem neusten Stand»

Doch zurück zum Traben, hake ich nach. Was muss ich tun, damit ich nicht wie ein Sack Mehl auf Cookie sitze, sondern wie eine elegante Dame? «Nicht darüber nachdenken», empfiehlt Franca. Das füge sich von allein. Das sei wie bei einer Nähmaschine. Ich versuche nicht nachzudenken, und tatsächlich, ich erwische den richtigen Zeitpunkt, um aufzustehen, bin in Cookies Rhythmus – wir sind eine Nähmaschine. Dann ändert Cookie ihr Tempo, und ich bin wieder raus.

Auf dem Hof frage ich Susan Callery, warum die Leute in Dingle so nett und so glücklich sind. Dass die Leute zu mir höflich sind, muss nichts heissen, ich bin ja Touristin-Schrägstrich-Journalistin. Aber Franca war nicht die Einzige, die den «good vibe» der Gegend lobte. Auch Karen, die Stallchefin, ist dieser Meinung. Sie zog deshalb sogar von ihrem Heimatort Killarney weg und kam Anfang Jahr nach Dingle. Hier habe man alles, was glücklich mache. Zufriedene nette Menschen. Das Meer. Saubere Luft. Und natürlich die Pubs. Die seien wichtig, sagt auch Susan Callery. «Ein Pub ist wie ein Lokalradio. Man geht hin und ist auf dem neusten Stand.» Auch deshalb seien die Einheimischen so glücklich, weil sie oft zusammen seien, sich austauschen. Den Zusammenhalt von früher, den kenne man hier noch immer. Obwohl Dingle heute viel grösser und touristischer sei, habe sich sein Kern nicht verändert. «Egal, durch welche Tür man geht, man fühlt sich zuhause. Angekommen.»

Auch Fungie kam, um zu bleiben. Fungie ist ein Delfin und der berühmteste Einheimische. Er schwamm 1984 in die Dingle-Bucht und ging nicht mehr weg. Die Bucht ist seine Arena, die Touristen sind seine Fans. Sind sie in der Nähe, macht er Kunststücke. Jeden Tag kann man auf verschiedenen Bootstouren auf Fungie-Suche gehen. Er zeigt sich so zuverlässig, dass man das Geld zurückbekommt, wenn er nicht auftaucht. Böse Zungen behaupten, Fungie habe eine Verhaltensstörung, sonst wäre er längst wieder ins offene Meer geschwommen. Kein Einheimischer würde dieser Theorie zustimmen. Sie vergöttern ihren Delfin. Und er bringt Geld: Nicht zuletzt wegen Fungie kommen viele Touristen nach Dingle.

Vor allem im Sommer ist hier alles ausgebucht. Dann herrscht auch auf Susan Callerys Reithof Hochbetrieb. Wie viele Buchungen sie annimmt, hängt nicht von den Anfragen, sondern von den Pferden ab. Jedes der dreissig Tiere hat zwei Tage pro Woche frei. Das halte sie streng ein. Nur deshalb seien sie so gesund, weil sie sich nicht überarbeiten. Ihr ältestes Pferd, Charlie, ist 27. Ein stolzes Alter für ein Pferd. Auf dem Hof leben auch sechs Hunde, darunter zwei Möpse, die müssen immer draussen bleiben, denn «wenn sie in der Wohnung furzen, bringe ich den Gestank nicht mehr raus», sagt Callery und lacht. Sie lacht oft, und wenn sie nicht lacht, lächelt sie. Sie ist bildhübsch, hat schon einen Enkel und trotzdem weniger Falten als ich mit meinen 29 Jahren. Ihre Haare sind dick und glänzen, ihre Zähne strahlen weiss. Vielleicht ist das Leben in Dingle nicht nur schön, sondern macht auch schön, überlege ich.

Es ist Tag drei, und ich fühl mich gar nicht schön. Ich kann kaum gehen. Jeder Schritt schmerzt. Meine Gangart gleicht der von Gollum. Ich habe Muskelkater. Überall. Nur weil ich weiss, dass wir heute an den Strand reiten und durch den Sand galoppieren, steige ich wieder in den Sattel. Auf einem schönen Pfad gelangen wir zum Muirioch-Strand. Es ist Ebbe, es sieht aus wie ein Wattenmeer. Meine Vorfreude wird noch grösser. Cookie scheint auch ihren Spass zu haben. Sie schlägt mit dem rechten Vorderhuf ins Wasser. Wie ein kleines Kind, das planscht. «Komm weiter, schnell», ruft mir Franca zu. Ich versuche halbherzig Cookie zu stoppen, soll die doch planschen, wenn sie ihren Spass hat. «Schau, dass sie weitergeht», sagt Franca, jetzt energisch. Spielverderberin, denke ich, ziehe aber stärker am Zügel. Cookie gehorcht. Wenn sie mit dem Vorderhuf aufs Wasser schlägt, sagt Franca, sei das ein Zeichen, dass sie sich hinlegen wolle. Mitsamt Reiterin.

Und dann galoppieren wir. Also, Cookie galoppiert. Ich halte mich an der Mähne fest und schaue, dass ich nicht runterfalle. Ich fliege übers Meer. Ich vergesse, dass mir jeder Muskel wehtut. Es ist, wie ich dachte, dass es sein würde: grossartig. Tränen laufen mir übers Gesicht. Vom Pferd vor mir habe ich eine Ladung Sand ins Gesicht bekommen, aber ich traue mich nicht, die Hände vom Zügel zu lösen, und so bleibt der Sand auf der Haut und in den Augen, und ich träne zufrieden vor mich hin. Den Galopp wiederholen wir noch einmal. Ich könnte stundenlang hin- und hergaloppieren. Unter mir der Strand, vor mir die grünen Hügel. Es ist wie damals, als Kind im Kinderparadies, als ich hoffte, dass meine Mutter möglichst lange einkaufen geht und mich im Bällchenschloss lässt. Nach zweimal Galopp ist aber Schluss, die Pferde müssen abkühlen, Cookie keucht. Wir gehen im Schritttempo weiter. Auf dem Rückweg zum Stall kommt mir das Sprichwort in den Sinn. Das ganze. Ich bin ein bisschen stolz, fühle mich, als hätte ich Google ausgetrickst: «Das höchste Glück dieser Erde, liegt auf dem Rücken der Pferde.»

Text: Yvonne Eisenring; Fotos: Daniel Hofer

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