Eine Fahrt vom Winter in den Sommer

Mit dem Palm-Express vom Engadin ins Tessin

Die Fahrt vom Winter in den Sommer dauert mit dem Palm-Express vier Stunden. Wir brauchten dafür 28. Die Landschaft zwischen dem Engadin und dem Tessin ist zu schön, um unterwegs nicht hie und da auszusteigen.

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Klimawechsel: Im Schneegestöber mit der Standseilbahn auf den Muottas Muragl (li.) und dann zum Dolcefarniente an den Luganersee

Das einstige Grandhotel Bregaglia inspirierte schon so manchen Schriftsteller

Die Spitzkurven am Malojapass

Das Seenplateau im Oberengadin

Italianità in Chiavennas Altstadt

Feriengefühle auf dem Luganersee

Cheminée-Lounge im Grand Hotel Villa Castagnola, Lugano

Huch, Schneegestöber im September! Man sieht das eigene Handy kaum vor Augen. Rasch ein paar Fotos machen (Spuren im Neuschnee) und nach Zürich schicken, dort soll noch Sommer sein. Zum Glück gibt es bei der Bergstation von Muottas Muragl eine Panoramatafel, auf der alle Gipfel – lauter verhinderte Viertausender – abgebildet sind. So ahnen wir, was wir nicht sehen: Piz neben Piz in zartes Abendrot getaucht, möglicherweise mit aufgehender, dünner Mondsichel. Zu unseren Füssen: Celerina, St. Moritz, Silvaplana und die drei Silberseen, matt leuchtend. Kein Wunder, ist uns im Restaurant nach Währschaftem: Pizokel und Hirschragout. Den Tisch am Panoramafenster, mit Blick auf die zugeschneite Aussichtsterrasse, bekommt man heute ohne Reservation. Es gibt nichts zu beschönigen: Auf Winter haben wir uns nicht eingestellt. Drum denken wir schon mal an übermorgen: an Palmen und Pizza. Unser Ziel ist Lugano, das Gefährt ins Glück der Palm-Express!

Die meisten Menschen, denen ich von ihm erzähle, lachen, weil sie denken, ich hätte den Namen erfunden. Ist aber nicht so. Auf der Website von Postauto Schweiz steht: «Der Palm-Express startet in St. Moritz und führt Sie in einer vierstündigen Fahrt von den Gletschern im Engadin zu den Palmen Luganos.» Doch erst mal sind wir im Flockengestöber auf 2400 Meter. Ein Schneeball klatscht gegen die Scheibe.

Angekommen waren wir gestern. Drei Stunden und 18 Minuten dauert die Zugfahrt von Zürich. Selbst wer die Strecke kennt, nimmt ab Chur die Zeitung nicht mehr zur Hand. Man ist mit dem Panorama beschäftigt. Die Parkplätze vor dem Bahnhof Pontresina sind so leer wie die Rhätische Bahn. Skeptischer Blick gen Himmel: Die Sonne könnte sich mehr anstrengen; mal tröpfelt es, dann wieder pustet der Malojawind Wolken vor sich her.

MAN SOLLTE HIER KINOSITZE ANBRINGEN. WAS DER HIMMEL VORFÜHRT, IST FILMREIF. UND DER SEE GLÄNZT LACKSCHWARZ.

So richtig trüb der nächste Morgen. Im Speisesaal des Hotel Saratz hängen Berglandschaften. Es gibt hohe Fenster, geblochtes Parkett, Tafelsilber auf weissem Tuch. Klassische Musik geigt aus den Boxen. Man könnte hier, gebeugt über ein paar Zeitungen, den halben Tag verfrühstücken. Doch Nathalie, die Fotografin, springt plötzlich von ihrem Stuhl. Sie lässt den Teller mit Lachs und Rührei stehen und fliegt aus dem Saal, Kamera umgehängt, Daunenjacke unterm Arm. Ein Blick nach draussen erklärt das seltsame Verhalten: Die Wolkendecke ist aufgebrochen, das Tal leuchtet; orange die Lärchen, ockergelb die Wiesen.

Ich sitze am Fenster, Beine übereinandergeschlagen, Notizbuch auf den Knien, Kugelschreiber in der Hand. Ich putze die Brille und lasse den Blick nach draussen schweifen. Das Oberengadin: Hesse und Nietzsche, Zweig und Frisch, Cocteau, Schnitzler … sie alle haben es beschrieben. Die Landschaft hat sich seither kaum verändert, was will man da noch anfügen? Nathalie ruft an. Sie sei jetzt in die Hügel gestiegen, die Bergspitzen seien schneebedeckt.

Ich werfe mir den Mantel über, stecke das Notizbuch ein, spurte nach draussen, laufe ein steiles Strässchen hinauf, bis ich zur Kirche Sta. Maria gelange und die Bank davor zu meinem Beobachtungsposten erkläre. Es beginnt wieder zu regnen. Ich suche Unterschlupf im Innern. Die Wände zieren Fresken aus dem 12. Jahrhundert, wunderschön, das schlechte Wetter hat auch etwas Gutes, sonst hätte ich diesen Ort nicht betreten. Mein Telefon läutet, wieder ist es Nathalie, die wissen möchte, wann unser Bus nach St. Moritz fährt. Draussen auf dem Friedhof die Gräber berühmter Pontresiner Bergführer, Jäger und Hoteliers.

St. Moritz: Ein Stück Nusstorte bei Hanselmann kaufen, in der Buchhandlung einen Wanderführer des Rotpunktverlags («Dem Süden verschwistert: Literarische Wanderungen im Oberengadin»), dann vor dem «Palace» die Bentleys bestaunen und mit der Rolltreppe hinunter zum See schweben. Das Wetter spielt Katz und Maus mit Nathalie. Sie hebt und senkt die Kamera, je nach Lichtverhältnissen, wie eine Flinte. Wir stehen auf der Aussichtsplattform über dem See, eigentlich sollte man hier Kinositze anbringen, denn was der Himmel vorführt, ist filmreif. Je nach Grösse der Löcher, die der Wind in die Wolkendecke reisst, wechseln Farben, Schärfentiefe und Charakter der Landschaft. Der See glänzt jetzt lackschwarz.

Der Palm-Express ins Wetterglück fährt einmal täglich um 12.20 Uhr ab Bahnhof St. Moritz. Uns drängt nichts, die Strecke in einem Stück zu absolvieren. Der Weg ist das Ziel. So endet die erste Etappe bereits um 12.39 Uhr bei der Post in Sils-Maria. Geplant war das nicht, aber wie wir den Silvaplanersee entlangcruisten, riss der Himmel plötzlich auf, das Wasser funkelte verheissungsvoll, und in der Ferne erhob sich das «Waldhaus Sils» wie eine Fata Morgana aus den Föhren. Wir laufen zum See, kräftiger Gegenwind von Maloja her. Ich setze mich auf eine Bank am Ufer, daneben liegt ein Holzkahn am Kiesstrand. Angenehm unverstellt, dieses Tal, und so erhaben. Ich klappe mein Notizbuch auf. Weil mir nur Plattes einfällt, blättere ich im Reiseführer und lese auf Seite 53: «Fels, schwärzlich, stellenweise auch rötlich, Schnee im Mittagslicht und Geröll, Hänge von grauem Geröll, dann Matten, baumlos, steinig, Bäche mit Sonnenglitzern, Weiden, Vieh, das aus der Ferne wie kleine Maden aussah, ein Tal mit Wald und Wolkenschatten …» Danke, Max Frisch!

Weiterfahrt ab Post Sils mit erstem Etappenhöhepunkt: die Seenstrecke bis Maloja. Einer der schönsten Strassenabschnitte der Schweiz. Mehr Kanada geht nicht, mit dem Unterschied, dass es hier nach zwanzig Postautominuten schon wieder endet. Selbst wer in Maloja keine Zeit verlieren möchte, sollte kurz aussteigen und den Waldweg hinauf zum Torre Belvedere wandern, an der Schnittstelle unserer Reise, die Aussicht spektakulär. Hier scheidet sich der Süden vom Norden, die italienische von der rätoromanischen Schweiz, die Pizza vom Pizokel.

Der Blick nach Norden fällt über die Seen und das prächtige Hotel Maloja Palace. Es liegt wie ein Raumschiff aus der Neurenaissance in der hochalpinen Landschaft. Dreht man sich und blickt in die Schlucht, die nach Süden in die Tiefe stürzt, bekommt man eine Ahnung davon, was noch vor uns liegt: die Maloja-Passstrasse. Sie überwindet die brutale Höhendifferenz wie eine monströse Schlange und räkelt sich an ihrer steilsten Stelle in 22 Spitzkehren ins Bergell.

Das Postauto ist fast voll, niemand wagt zu atmen. Erst als sich das Tal öffnet, sich die Strasse nur noch sanft verbiegt, lockert sich die Stimmung. Und dann verschiebt sich die Kulisse: Die Dörfer haben italienische Namen, die Häuser Schieferdächer. Wir passieren Macellerias, Cafeterias, Pizzerias, Pasticcerias. Blumenbeete, Bohnenkraut und Obst hinter bröckelnden Mauern. Schieben uns in Millimeterarbeit durch die Gassen. Auf dem San-Giorgio-Friedhof in Borgonovo ruht der weltbekannteste Bergeller, Alberto Giacometti. Seine dünnen, ewig wandernden Figuren passen in das schmale Tal.

Endstation des Tages ist das Hotel Bregaglia in Promontogno, gegenüber der Post. Das ehemalige Grandhotel aus der Belle Époque liegt im oberen Teil des Dorfs Bondo. Die späte Nachmittagsluft ist angenehm warm, und die Sonne setzt sich in Szene. Im Dorfladen kaufe ich Kastanienbrot, von der Brücke über die Mera fällt der Blick hinauf zu Pizzo Badile und Cengalo. Langsam holen uns ihre Schattenwürfe ein.

Fürs Abendessen haben wir einen Tisch im «Palazzo Salis» reserviert. Er liegt in Soglio, weit oben am Hang, wo die Sonnenstrahlen am längsten haften bleiben. Die Mammutbäume im Garten, das behäbige Mobiliar, die verwinkelten Zimmer, Fluchten, Säle, sogar die unheimlichen Gesichter, die einen von den dunklen Gemälden beäugen – das alles ist so erfrischend museal, dass nur noch ein liebenswertes Palastgespenst fehlt, das einen durch die Gänge führt. Im Gewölbesaal des Restaurants knistert ein Feuer. Es gibt Hirschsaltimbocca mit Kastanienrisotto.

Natürlich verpassen wir das letzte Postauto ins Tal. Ein freundlicher Mann, Architekt, aufgewachsen im Bergell, wohnhaft in Südamerika, ferienhalber hier, nimmt uns mit dem Auto mit. Später noch zwei Bier an der Theke des Ristorante Bregaglia. Hirschgeweihe hängen an hohen Wänden, über geblümten Tischtüchern schwebt ein schwarzer Ritter. In Zürich hätte der Spagat zwischen romantischem Gruselcharme, Shabby-Chic und Siebzigernostalgie Trendpotenzial. In Promontogno ist die Dorfjugend wohl anderswo.

Wer zum ersten Mal im Bergell ist, wähnt sich als Entdecker einer vergessenen Welt. Wo sonst baumeln an Hotelzimmerschlüsseln noch schwere Anhänger? Quietschen die Bettgestellfedern? Kostet der Kaffee drei Franken? Tragen alte Frauen Schürzen über langen Röcken? Und warum kommt keiner auf die reizende Idee, unter den Zitrusbäumen im Garten des Palazzo Castelmur die Picknickdecke auszubreiten?

Man habe «ein volles Haus, ein Kommen und Gehen von Prinzen, Baronen, Grafen», heisst es 1893 in einem Bericht der Direktion des Hotel Bregaglia. Hunderte von Übernachtungen verzeichnete die Region täglich, Tausende von Pferden brachten die Reisenden auf der Strada Statale von Süden nach Norden oder umgekehrt. Nachdem das Auto die Kutsche abgelöst hatte, verkam das Bergell zum Durchgangstal. Statt logiert wurde passiert. Und seit der Eröffnung des San-Bernardino-Tunnels 1967 tröpfelt der Transitverkehr so spärlich, dass die wenigen Pensionen und Hotels ums Überleben kämpfen.

FEHLT NUR DAS LIEBENSWERTE PALASTGESPENST, DAS EINEN DURCH DIE GÄNGE FÜHRT.

Es muss gesagt werden: Zwischen Pontresina und der italienischen Grenze gibt es keinen guten Kaffee. Basta. Zum Glück liegt das lombardische Städtchen Chiavenna auf unserer Route. Kaum steigen wir aus, macht sich Nathalie mit ihrer Kamera auf Palmenjagd. Ich setze mich auf der Piazza Santa Corbetta an die Sonne und schlürfe einen Weltklasse-Cappuccino. Ah, bella Italia! Schon verrückt: Die Fahrt von St. Moritz nach Chiavenna dauert 90 Minuten. In dieser Zeit werden 1500 Höhenmeter überwunden, und die Temperatur steigt um mehr als zehn Grad. Föhren weichen Palmen, Holzställe Palazzi, Dorfplätze Piazze und schlechter Kaffee gutem. Wo sonst bekommt man so viel in so kurzer Zeit? Auf dem Markt kaufe ich ein Bresaola-Sandwich für die Weiterfahrt.

Nach Chiavenna verflacht das Land. Die Sonne knallt durchs Fenster, macht schläfrig. Magnolien, dreirädrige Piaggios und Zypressen fliegen vorbei. Ich notiere: «Aufgehört, Palmen zu zählen, sie wachsen in jedem Garten.» Dann nicke ich ein. Eine Stunde später stehen wir an der Promenade von Menaggio, benommen vom flirrenden Licht, der Lago di Como trägt Schaumkronen. Segelboote schaukeln, Geranien leuchten, Fähnchen flattern. Engländer in Kniesocken zeigen ihre schneeweissen Beine. Ich zerre ein kurzärmliges Hemd aus dem Rucksack, logo, dass jetzt ein Gelato hermuss. Der Blick segelt über den See nach Bellagio. «Ich kenne sonst keine so offensichtlich vom Himmel gesegnete Landschaft», schwärmte Komponist Franz Liszt.

Von Menaggio rankt sich die Strasse den Hügel hinauf, noch einmal schauen wir zurück auf die «vom Himmel gesegneten» Gestade, dann tuckern wir durchs Hinterland. Es sind nur zwölf Kilometer, die den Lago di Como vom Lago di Lugano trennen, nach zwanzig Minuten erreichen wir sein Ufer. Nun drückt sich die Strasse an steile Klippen, bohrt sich durch Tunnels, pflügt sich durch Dörfer, die den Hang hinaufklettern oder hinunter zum Ufer purzeln. Villen streiten sich um den besten Platz unter der Sonne, Kirchtürme recken ihren Hals aus den Baumkronen, und plötzlich erhebt sich der San Salvatore wie ein Zauberberg über der Bucht von Lugano. Um 16.30 Uhr öffnet der Chauffeur den Gepäckraum im Bauch seines Gefährts und zündet sich eine Zigarette an. Die Luft ist warm und feucht. Noch riecht es nach Diesel, später, an der Promenade, nach See und Algen. Das Licht ist golden. Ich mache ein Foto (Palme in der Abendsonne) und schicke es nach Zürich. Dort soll es kühl geworden sein.

Tipps

Palm-Express:
Die Fahrt mit dem Palm-Express von St. Moritz nach Lugano (oder umgekehrt) dauert vier Stunden. Die einfache Fahrt kostet (mit Halbtax) 43 Franken. Der Palm-Express ab St. Moritz fährt freitags, samstags und sonntags sowie täglich von Anfang Juni bis 23. Oktober (2016). Ab Lugano samstags, sonntags und montags sowie täglich von Mitte Juni bis 24. Oktober (2016). Abfahrten jeweils 12.20 Uhr ab St. Moritz und 11.40 Uhr ab Lugano. Die Strecke kann aber auch individuell und in beliebigen Etappen mit gewöhnlichen Postauto- und Busverbindungen zurückgelegt werden.
– postauto.ch, Tel. 058 341 34 92, Reservation obligatorisch

Hotel Saratz, Pontresina:
Der Speisesaal im Jugendstil steht im Kontrast zum modernen Anbau, mit dem sich das Hotel seinen Platz an der Spitze zurückerobert hat. Der Park mit Pool und prächtiger Bergsicht macht Lust zu flanieren. Auch Familien sind herzlich wilkommen.
saratz.ch, Tel. 081 839 40 00, DZ mit Frühstück ab 320 Fr., Kinder zahlen je nach Alter weniger

Hotel Bregaglia, Promontogno:
Man muss ihn mögen, den verblichenen Glanz. Wer das Unkomplizierte mag und das liebevoll Stilvolle sucht, findet hier sein Glück.
– hotelbregaglia.ch Tel. 081 822 17 77, DZ mit Frühstück ab 128 Franken

Grand Hotel Villa Castagnola, Lugano:
Man weiss nicht recht, ob man hier reindarf, verschwitzt und mit Rucksack statt Rollkoffer. Aber im edlen Grand Hotel, erbaut um 1880 als Privatresidenz für eine russische Adelsfamilie, gibt es keine Vorbehalte. Die Edelherberge ist eine Reverenz an die Zeit, als sich die Schönen und Reichen in Lugano niederliessen:
– villacastagnola.com, Tel. 091 973 25 55, DZ mit Frühstück ab 440 Franken

Palazzo Castelmur, Stampa:
Die Castelmurs waren ein Bergeller Geschlecht, das es im Ausland zu Wohlstand gebracht hatte. Heute ist der Palazzo Museum und Veranstaltungsort.
– palazzo-castelmur.ch

App «Giacometti Art Walk»:
Mit dem Handy auf den Spuren der Bergeller Künsterfamilie Giacometti – Filmszenen, Original- schauplätze, Bilder, Anekdoten über Giovanni, Augusto, Alberto und Diego.
– giacomettiartwalk.com

Parco civico, Lugano:
Wer Palmen sehen will, kommt im Parco civico an der Promenade des Lago di Lugano auf seine Kosten. Zur subtropischen Flora zählen Rosen, Azaleen, Magnolien und Kamelien.

Text: Frank Heer Fotos: Nathalie Bissig

Frank Heer

Der Kultur-Redaktor und Reporter schätzt an seinem Job vor allem die Lizenz zum Fragen, weil er überzeugt ist, dass jeder Mensch eine gute Geschichte zu erzählen hat.

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