Wintermärchen

Postkarte aus dem Schweizer Jura

Text: Frank Heer; Fotos: Christof Sonderegger/Republik & Kanton Jura Tourismus (2), Republik & Kanton Jura Tourismus (1)

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Wintermärchen: Statt Skifahrer sieht man hier Langläufer ...

... und statt Blechlawinen Pferde

Souvenir – Das Bière des Franches-Montagnes wird in Saignelégier gebraut und wurde von der «New York Times» zum besten Eichenfassbier der Welt gekürt.
– Saignelégier, 8, chemin des Buissons; Öffnungszeiten: brasseriebfm.ch

Und am Abend gibts ein Fondue – moitié-moitié, what else!

Ein Dorf im Dorf: Reka-Häuschen in Montfaucon

In Montfaucon gibt es keine Skilifte. Und das ist gut so. Denn es macht die Ferien im Reka-Dorf so entspannt.

Die Flocken sind so dick, dass es drei Sekunden dauert, bis sie auf der Zunge geschmolzen sind. Auf der Nase bleiben sie länger sitzen und kitzeln. Irgendwann finden die Kinder auch das nicht mehr lustig und heulen. Wir ziehen sie auf ihren Schlitten nachhause und lassen sie in den Strumpfhosen über den Linoleumboden des Ferienhauses flitzen.

Am nächsten Morgen knallt die Sonne durchs grosse Fenster zur Terrasse. Wir reiben uns die Augen: Kanada? Schweden? Finnland? Nein, der Jura. Eine strahlend weisse Hügellandschaft, die Freiberge, bestückt mit Waldfragmenten, hier und dort ein Gehöft, ansonsten leer, so weit das Auge reicht. Eiszapfen hängen vom Dach. Wieder packen wir die Kinder ein, setzen sie auf ihre Schlitten und ziehen sie durchs Dorf. Präziser: durchs Reka-Dorf.

Der Herr von der Schweizer Reisekasse meinte, wir sollten das einmal ausprobieren, gerade mit Kindern. Zudem sei die Siedlung in Montfaucon frisch saniert worden. Um kurz auszuholen: Ende der Dreissigerjahre gründeten die Schweizer Gewerkschaften mit dem Fremdenverkehrsverband die Reisekasse, kurz Reka. Mit eigenen Feriendörfern und -wohnungen bietet die Genossenschaft seither Ferien für Familien mit tieferem Einkommen oder solche, für die es auch einfach geht.

Die Anlage in Montfaucon wurde 1968 eröffnet. Wegen des Schneegestöbers am Tag der Ankunft haben wir noch nicht viel mehr als den Parkplatz, den Empfang, das Hallenbad und unser eigenes Häuschen gesehen: zwei Schlafzimmer, eine Wohnküche, Badezimmer, Terrasse. Die Möblierung ist zweckmässig bis sparsam, die Betten bezieht man selber, Frotteetücher nimmt man beim Empfang entgegen. Alles picobello, geschmacksneutral und trotzdem wohnlich eingerichtet. Die dreissig Häuschen klettern in gebührendem Abstand zueinander einen Hang hinauf bis zum Waldrand.

Montfaucon liegt auf 1000 Metern an der Strasse zwischen Delémont und La Chaux-de-Fonds: ein paar Häuser, eine Kirche, Ställe, eine Manufaktur für Uhrenbestandteile. Wir registrieren die wohltuende Abwesenheit jeglicher Form von verbissenem Wintertourismus. Keine polternden Skischuhe, keine Blechlawine, die sich durchs Dorf zur Talstation wälzt, keine Menschen auf dem Weg zum Après-Ski. Dafür steht vor dem Volg ein freundliches Pferd neben einem roten Pick-up.

Tipps

Auberge de la Gare 
Vom Volg-Laden in Montfaucon aus spazieren wir über ein weites Feld hinunter zum Weiler Le Pré-Petitjean. Kein lästiger Berg versperrt die Sicht, der Weg ist von Kastanienbäumen gesäumt, ein Langläufer überquert die leere Schneefläche. Er könnte, wenn er wollte, von Montfaucon nach Saignelégier und weiter nach Les Emibois, Le Boéchet, La Ferrière bis hinunter nach La Chaux-de-Fonds laufen. Beim Bahnhof von Le Pré-Petitjean kehren wir in der Auberge de la Gare ein. Alles hier drin ist währschaft und aus Holz. Für das Forellenfilet aus dem Doubs, das auf der Mittagskarte steht, sind wir zu früh dran. Also tünkeln wir unsere Croissants im Café au lait.
– Le Pré-Petitjean, aubergedelagare.ch 

Restaurant du Lion d’Or
Bodenständiges Gasthaus mit authentisch lokaler Kost, die nach dem Motto «Vom Schwein ist alles edel, von der Schnauze bis zum Wedel» zubereitet wird. Hier soll es auch die weitum beste Crèmeschnitte geben.
– Montfaucon, 25, place Saint-Jean, lion-montfaucon.ch

Café du Soleil
Im kulturellen Zentrum der Freiberge, gleich hinter dem berühmten Pferdemarkt, kam im Sommer 2001 der geraubte Unspunnenstein wieder zum Vorschein: verpackt wie ein Bonbon in buntes Papier, überreicht von Unbekannten an die anwesende Botschaftergattin Shawne Fielding Borer. Im «Soleil» riecht es nach Käse, denn hier wird schon mittags in den Caquelons gerührt.
– Saignelégier, 14, Marché-Concours, cafe-du-soleil.ch

Boulangerie & Tea Room Parrat
Unglaublich lecker, was hier in den Auslagen liegt: nur schon die Brote, aber auch die jurassischen Spezialitäten wie Toétché oder andere Kunstwerke der Confiserie, Boulangerie, Pâtisserie, Chocolaterie.
– Saignelégier, 17, rue de l’Hôpital, parratartisan.com

Wintersport
Die Freiberge bzw. Franches-Montagnes sind Langlaufgebiet. Hier gibt es alles über Pisten, Routen und Pässe: skidefond.ch
– Infos für Schneeschuhtouren: juratourisme.ch

Ausflug
Im Naturschutzgebiet Étang de la Gruère bei Saignelégier führt ein Wanderweg rund um den grössten Moorsee der Schweiz. Schlittschuh laufen erlaubt!

Reka-Feriendorf Montfaucon
Eine Ferienwohnung/Haus mit 2 Zimmern für 4 Personen kostet ca. 1220 Franken für 7 Nächte. Es gibt auch Wohnungen/Häuser für grössere Gruppen. Für Familien, die sich die regulären Preise nicht leisten können, gibt es Sonderangebote.– Infos: reka.ch
– Mehr zur Region: juratourisme.ch

Frank Heer

Der Kultur-Redaktor und Reporter schätzt an seinem Job vor allem die Lizenz zum Fragen, weil er überzeugt ist, dass jeder Mensch eine gute Geschichte zu erzählen hat.

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