Werbung
Postkarte von der Perleninsel Mikimoto

Stil

Postkarte von der Perleninsel Mikimoto

  • Text: Silke Bender; Fotos: Markus Kirchgessner

Die Halbinsel Shima ist die Heimat der Ama-Taucherinnen: Ein harter Job, der zur Touristenattraktion hochstilisiert wird.

Der Himmel unter dem Meer? Sanayo Matsui lacht auf. «Das Wasser hatte heute acht Grad, den Himmel stelle ich mir anders vor.» Die 65-Jährige ist eine Ama, eine Vertreterin jener jahrtausendealten japanischen Kultur, in der Frauen ganz in Weiss gekleidet mittels lang geübter Apnoe-Technik nach Meeresschnecken, Muscheln, See-Igeln und kostbaren Abalonen tauchen. Bis zu zehn Meter tief, bis zu zwei Minuten lang. Beim Auftauchen stossen sie tiefe, klageähnliche Laute aus, um zu dekomprimieren. Viel Stoff für atemlose Mythen über die Amas, japanisch für «die Frauen des Meeres». Auf der Halbinsel Shima, genauer auf der Perleninsel Mikimoto in Toba, wird der Mythos fleissig gepflegt. Stündlich gibt es eine kurze Vorführung für Touristen: winkende, junge Amas in weisser Tracht, die direkt vor der Tribüne ins Wasser springen und bei jedem Tauchgang eine Muschel mit nach oben bringen. Eine Stimme vom Band schwärmt vom Himmel unter dem Meer, der sich den Frauen öffne.

15 Kilometer weiter südlich, in Osatsu, sieht man, dass aus der Ama- eine Oma-Kultur geworden ist. Hundert aktive Amas leben noch hier, es ist die grösste verbliebene Gemeinde in Japan. Die meisten sind weit über fünfzig Jahre alt, die älteste ist achtzig. Vor den Fischerhütten stehen Motorroller, drinnen rauchen die Feuer. Die Tauchzeit ist vorüber, die Frauen wärmen sich auf. So auch Sanayo, die längst nicht mehr mit weissem Baumwollhemd, sondern mit Neopren und Häubchen taucht. «Es ist ein harter Job ohne Romantik», sagt sie. «Im Sommer arbeiten wir auf den Feldern, im Herbst und Winter im Meer.» Ihre Grossmutter hat das gemacht, ihre Mutter. Sie selbst hatte keine Wahl, ihre Eltern haben das entschieden. Amas haben früher viel verdient und waren begehrte Ehefrauen. Noch heute fährt der Mann meist nur das Boot – für die schwere Arbeit muss die Frau ins Wasser. Seit die Amas in den Siebzigerjahren das Neopren entdeckten, worin sie länger tauchen konnten, ging der Bestand an Meeresfrüchten so dramatisch zurück, dass die Verdienstmöglichkeiten immer geringer wurden. Und mit ihnen die Amas. Die Töchter von Sanayo arbeiten heute in einem Convenience-Shop. Für sie ist das Meer die Hölle.

Tipps

ESSEN

Seafood-Barbecue
Das authentische Amas-BBQ im Fischerdorf Osatsu nahe Toba ist etwas für Anhänger des Extrem-Fooding: Die Tiere kommen lebend auf den Grill und wehren sich entsprechend. Doch es ist eine wunderbare Gelegenheit, die Taucherinnen kennen zu lernen. Sie sind wohltuend offen, was im Land sonst eher unüblich ist.
– Reservierungen und Wegbeschreibung auf osatsu.org

Tecchan
Diese legendäre Isakaya (Beiz) ist in Shima auch bei Einheimischen beliebt. Man isst auf Sitzmatten, zu Gerichten wie Tempura, Sushi und Meeresfrüchten fliesst der Sake in Strömen. Die Küche ist exzellent und günstig.
– 3460 Ugata Agocho, Shima, Tel. 0081 599 43 69 09

Restaurant Wadakin
Das Matsusaka-Rind gilt als das beste Fleisch der Welt. Im Restaurant Wadakin in der Stadt Matsusaka wird sein Verzehr wie eine heilige Kommunion zelebriert.
–1878 Nakamachi, Matsusaka, Tel. 0081 598 21 11 88

SCHLAFEN

Amanemu Hotel & Resort
Die Region Ise-Shima ist berühmt für ihre natürlichen heissen Heilquellen, die Onsens. 2016 eröffnete nahe der Stadt Shima das luxuriöse «Amanemu». Die grosszügigen 24 Suiten und vier Villen haben alle direkten Meerblick und eine private Onsen-Wanne. Der Spa-Bereich und die Qualität der Behandlungen sind erstklassig.
– Tel. 0081 656 715 88 55, aman.com/resorts/amanemu Suiten mit Frühstück ab 750 Fr.

Nemu Hotel & Resort
Ebenfalls in Shima liegt das einfachere Nemu Hotel & Resort, das auch über einen Onsen zur gemeinschaftlichen Nutzung verfügt.
– Tel. 0081 599 52 11 11, nemuresort.com/en DZ mit Frühstück ab 200 Fr.

SEHEN

Ise-jingu
Eines der bedeutendsten Heiligtümer Japans ist der Shinto-Schrein in Ise. Die Gebäudeanlage aus Holz in einem Park wird jährlich von Millionen Pilgern besucht.
– 1 Ujitachicho, Ise

ANREISE

Die Halbinsel Shima erreicht man mit dem Kintetsu-Expresszug von Nagoya nach Toba (90 Minuten) und weiter mit dem Kamome-Bus nach Osatsu (45 Minuten).

SOUVENIR

Die gemusterten indigoblauen Tücher und Kimonos aus den berühmten Matsusaka-Baumwollwebereien gibt es überall zu kaufen.

Werbung

1.

2.

3.

4.

Der Shinto-Schrein in Ise ist ein wahrer Pilgermagnet